Alain Zoller: Sorgen um den Leistungswahn

Alain Zoller ist Chef und Testpilot des Schweizer Gleitschirm-Zertifizierungsbetriebs Air Turquoise. Ende 2011 sorgte er für Aufsehen, als er beim Testen eines neuen für die EN-D-Klasse bestimmten Zweileiners abstürzte und sich dabei einige Brüche zuzog. Vorübergehend wurden deshalb die Tests neuer EN-D-Schirme ausgesetzt. Jetzt sorgt Alain erneut für Aufsehen, wenn auch mehr mit Worten als mit Taten.

Alain hat einen offenen Brief geschrieben, in dem er mal seinen Gedanken zur Zukunft des Gleitschirm- und Wettbewerbfliegens samt der dafür nötigen Zulassung freien Lauf gibt. Nachzulesen ist er in voller Länge im Paraglidingforum. In vielen Absätzen darin geht es mehr oder weniger um die Wettbewerbssituation der Zulassungsstellen untereinander, die unangemessene Führungsrolle der Herstellervereinigung PMA etc. Insider werden da zwischen den Zeilen einiges herauslesen können. Doch das ist es nicht, was ich so bemerkenswert finde. Viel interessanter sind seine Gedanken über die unheilvolle Auswirkung des Wettbewerbsgeschehens auf die gesamte Gleitschirmfliegerei (hier in teils etwas freier Übersetzung, um es leserlich zu machen):

Ich erinnere mich daran, wie wir nach Anfang 2011 voller Sorgen und Zweifel waren, Zweileiner-Schirme als EN-D zu zertifizieren. Bis zur Einführung dieser neuen Technik waren die Zulassungsklassen auch eine klare Definition für das nötige Pilotenkönnen. Jetzt scheint es so, als würden alle Leistungsstufen  um jeweils eine Klasse nach unten geschoben. Das passt aber nicht mehr zur Definition des Standards. Das brauchen wir nicht und wollen wir nicht!

Zu dieser Situation gibt es zwei Sichtweisen: Zum einen ist es fantastisch zu sehen, wie die Hersteller fähig sind die Entwicklung voranzutreiben,  hin zu mehr Leistung, Geschwindigkeit und Sicherheit. Zum anderen macht mir der Leistungswahn Sorge - die Schirme werden immer gestreckter und schneller. Die Standards, die mit dem EN-System geschaffen wurden werden langsam obsolet. Es gibt jetzt schon Schirme mit einer Streckung von 6.8 in der C-Klasse!!!
Ist das der richtige Weg?

Wir sollten uns bewusst sein, das 70-80 Prozent der Piloten nicht die Möglichkeiten haben, häufig zu fliegen. Die Landeflächen werden weniger und kleiner. Doch je leistungsfähiger die Schirme werden, desto schwieriger wird es für einen normalen Piloten seinen Schirm zu beherrschen und sauber zu fliegen. Die meisten Piloten fliegen zum Spaß und Vergnügen. Alle Fluglehrer, Schulen, Hersteller, Testbetriebe und auch die Verbände leben und existieren auf Basis dieser 70-80 Prozent Hobbypiloten. Ich habe das Gefühl, dass wir beginnen den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.

Nun, das ist nicht revolutionär, was Alain da schreibt. Aber es reiht sich ein in Aussagen und Gedanken, die man zunehmend von vielen Stellen zu hören bekommt: Der Leistungswahn hat seine Schattenseiten und könnte sich als Boomerang für die Gleitschirmbranche erweisen (analog zum Niedergang der Surfindustrie und Drachenfliegerei, die auch durch die Leistungsorientierung den Kontakt zu Basis verlor). Ein Umdenken ist aktuell aber nicht zu erkennen. Schaut man sich die Riege der neuen Schirme an, steht durchweg die Leistung im Mittelpunkt der Konstruktionsbemühungen und des Marketings.
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2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Da hat der Alain Zoller aber nicht ganz Recht behalten mit den immer höheren Streckungen, zumindest nicht was die neuen D Schirme betrifft.
Der Enzo mit seinen 7,5 ist da sicher die Ausnahme, aber Icepeak 6 und Boomerang X bloieben mit ca 6.9 doch deutlich hinter ihren früheren Vorbildern.
Solche Streckungen halte ich in der Serienklasse für mehr als angemessen, wobei mann sie bei 7,5 sicherlich kappen könnte.
Noch vor wenigen Jahren waren 3Leiner verpönt, heute sind sie auf breiter Basis akzeptiert, auch von weniger Fliegenden.

Meines Wissens ist das auch begründet, da diese Technologie nicht negativ aufgefallen ist bzw die Vorteile deutlich überwiegen.

Olaf

Lucian Haas hat gesagt…

Alain Zoller meint ja auch den Trend, dass die "Merkmale" der leistungsfähigen Schirme sich immer weiter in tieferen Klassen durchsetzen, als Beispiels die Streckung von 6,8 bei einem C-Schirm (was es früher nur bei 2-3ern oder D-Schirmen gab). Dieser Leistungshype mag denen, die viel fliegen und damit gut zurecht kommen, nur konsequent erscheinen. Aber die wenig fliegende Basis der 70-80% der Gleitschirmflieger ist vielleicht zunehmend überfordert. Diese Überforderung wird öffentlich nicht thematisiert, die Leute hören einfach auf, ohne ihre Stimme zu erheben.

Jeder 2. Pilot, der einen Schein gemacht hat, gibt im 2. Jahr das Fliegen schon wieder auf. Ob aus Zeitmangel oder Verunsicherung, oder aus Zeitmangel, der die Verunsicherung verstärkt, weil einfach zuwenig geflogen wird, lässt sie nicht auseinanderdröseln. Aber der Trend ist da.

Die neuen Schirme sind nicht unsicherer geworden, vielleicht ein wenig anspruchsvoller. Mit Sicherheit führt die Entwicklung aber dazu, dass sie mit immer anspruchsvolleren "Erwartungen" geflogen werden. Das erzeugt einen Druck, der vielen den Spaß am Fliegen verleidet.