Risiko am Dreiser Weiher (II) - die Piloten

Mein vorhergehender Post zum Risiko Dreiser Weiher hat ein erstaunlich großes Echo hervorgerufen. Neben einigen Kommentaren im Blog erreichten mich auch zahlreiche Emails mit weiteren persönlichen Erlebnisschilderungen. Interessanterweise gab es dabei mehrfach Hinweise auf einen weiteren Risikofaktor: übermotivierte, rücksichtslose Piloten.

Piloten, die ohne rechts und links zu schauen und ohne Vorankündigung, ihren Schirm einfach aufziehen und dabei alle Nahestehenden gefährden.
Piloten, die aus der Sorge, den Anschluss zu verlieren, entgegen jeder Vorflugregel am Hang klebend ihre Bahn durchziehen.
Piloten, die trotz der eindeutigen Situation, dass der Hang gerade nicht trägt und schon extrem dicht bevölkert ist, sich auch noch ins Luftgewühl stürzen.
Piloten, die ungeduldig in der zweiten Reihe ihren Schirm aufziehen und sich dann nach vorne drängeln. Piloten, die... usw.

Ein solches Pilotenverhalten fördert Aggressivität und Stress am Startplatz und in der Luft.  Beides ist Gift für den Flugspaß und die Sicherheit.

Eine interessante Frage ist freilich, warum sich gerade in Dreis so eine angespannte Stimmung entwickelt, die an anderen Startplätzen in der Region nicht anzutreffen ist. Meine Erklärung (sicher unvollständig): Dreis ist enorm anspruchsvoll und weckt damit bei vielen einen Wettbewerbs- und Überlebensinstinkt, der schon vor der Start beginnt: Wer ist stärker, der Wind oder ich? Wer gewinnt, ich oder der Berg (wie viele Top- vs. Downlandungen zählt man am Tag)? Wer schafft es, im Gegensatz zu vielen anderen, zum rechten Zeitpunkt zu starten und Höhe zu gewinnen? Mit anderen Worten: Die Piloten müssen sich ständig sich selbst und anderen gegenüber beweisen. Wenn dann noch der Anspruch von Streckenfliegern dazu kommt, unbedingt den einen Bart des Tages zu erwischen, der einem den Tagessieg im XC-Cup einbringt, wird Rücksichts- und Respektlosigkeit schnell einmal zur Kehrseite des Erfolges.

Was bleibt ist die Frage nach einer zufriedenstellenden Lösung: Die gibt es meiner Meinung nach nicht, zumindest nicht von außen. Strenge Startregeln und Startleiter, Funkgerätezwang und Luftsherrifs, einige solcher Vorschläge habe ich gelesen. Manches davon wäre wohl auch hilfreich. Doch wer nimmt das in die Hand, wer hat Lust, sich den Ärger eines übermotivierten XC-Cracks abzuholen, dem während der scheinbar besten Thermikphase des Tages gesagt wird, er müsse sich jetzt erst einmal hinten in die Schlange stellen und zuschauen, wie die Anfänger mit ihrem flatternden Segel am Start kämpfen und ihm das Ranking versauen?

Es bleibt, sich bei den Piloten ein Umdenken zu wünschen (und sich als erstes auch an die eigene Nase zu fassen). Mehr Rücksicht, Respekt, Kontakt und Hilfsbereitschaft sind gefragt. Dazu gehört es, Starts anzukündigen, damit die anderen zurückweichen können. Dazu gehört es, sich als schwätzchenhaltende Pilotengruppe aus dem Hauptstartbereich zurückzuziehen, um den anderen den Sicherheitsraum zu lassen, den sie für einen entspannteren Start brauchen. Dazu gehört es, einem pressierenden Sichel-Piloten auch mal bereitwillig den Vortritt zu lassen, wohlwissend, dass man selbst gar nicht auf Strecke gehen will, sondern im Grunde sowieso auf die sanfteren Bedingungen ab 18 Uhr wartet, wenn die hechelnde Meute schon hoffentlich das Weite gesucht hat. Dazu gehört es, sein Groundhandlingstraining nicht am Dreiser Startplatz, sondern entspannt auf einer geeigneteren Übungswiese zu absolvieren - und sei es am unteren Landeplatz. Dazu gehört es, sich daran zu erinnern, wie man selbst einmal in seiner Fliegerkarriere viel unsicherer gewesen ist und besser einen Tipp als einen vergraulenden Blick vertragen konnte. Solcher Anregungen gäbe es noch unendlich mehr...

Kommentare hierzu sehr gerne willkommen.
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8 Kommentare:

albrecht hat gesagt…

Es ist nicht nur richtig, was du schreibst, es ist auch bemerkenswert, wie du schreibst und die Dinge sprachlich auf den Punkt bringst. Danke dafür!

Anonym hat gesagt…

Da ist treffend alles zu den speziellen Risiken am Dreiser Weiher gesagt. Hinzufügen könnte man noch, dass gerade Piloten, weche sich an Vorflugregeln noch erinnern und bereit sind diese einzuhalten, dort oft zum Absaufen genötigt werden. Die tragende Hangkannte scheint den "Craks" zu gehören. Eigendlich erstaunlich, daß da Oben nichts Schlimmeres passiert- zum Glück! Wie die Unfälle aufzeigen, geschehen diese in Bodennähe, wenn durch das Rumachtern der Landeanflug unkontrolliert für den Piloten und vor allem für die anderen landenden wird. Es ist genug Platz zum kontrollierten Ausgleiten vorhanden. Und etwas Laufen hat noch keinem geschadet, zumal man mit dem Auto schon direkt bis zum Startplatz fahren kann - das macht vieleicht auch noch die große Besucherdichte und Atraktivität aus ;-).
Das Starkwindhandling über die C-D Leinen ist leider nicht überall Lehrmeinung. Bringt aber viel Ruhe und Kontrolle - auf jedenfall zu empfehlen
!
Danke an Lucian und vor allem ganz gute und schnelle Heilung an die Verunglückten.


LG
Ralph

Anonym hat gesagt…

Hallo Lucian,

Deine Darstellungen, Anregungen und Hinweise in beiden Texten sind völlig richtig und berechtigt, darüber gibt es nichts zu diskutieren. Dennoch möchte ich zwei Punkte ergänzen:
1- Es ist nicht alles schlecht am Dreiser Weiher. Der überwiegende Teil der dort fliegenden Piloten ist nett, hilfbereit, rücksichtsvoll und hält sich an die Regeln, das ist jedenfalls meine persönliche Empfindung. Leider stechen wenige schwarze Schafe aus der grauen Masse der "guten" Piloten besonders hervor, und leider prägen auch wenige (schon zu viele!) Unfälle das Bild sehr deutlich. Es wurde ja auch lange ohne größere Vorfällen geflogen.
2- Die Vorfälle der letzten drei Wochen haben sich ja nicht bei Starts zugetragen, soweit ich das mitbekommen habe, sondern bei Landeanflügen (und davon nicht alle beim Toplanden!). Daher geht die Diskussion - insbesondere der von anderer Stelle geäußerte Ruf nach Startleitern - doch etwas an der Problematik vorbei. Sicherlich möchten wir unser Hobby dort, wo wir es noch frei ausüben können, betreiben, ohne noch größere Schranken zu haben. Genügend Fluggebiete haben ja schon Beschränkungen, z. B. über maximale Pilotenzahlen oder Gastflugregelungen. Daher hilft hier sicher nur eines: Selbstdisziplin, Vorsicht und Rücksichtnahme!

Danke an Lucian für das Engagement und den Aufruf, und den Verunfallten schnelle und vollständige Genesung!

Boris

Andreas Malecki hat gesagt…

Hallo,

erst einmal sehr schön geschrieben und die Problematik sehr gut erklärt Lucian.

Ich möchte sagen, dass ich sehr gerne nach Dreis komme, da es für die Menge der Piloten noch sehr dizipliniert zugeht dort und die Startenden und fliegenden Pilten sehr rücksichtsvoll miteinander dort umgehen! Auch in der Luft! Dickes Lob an ALLe :-)
Klar gibt es immer etwas zu verbessern dort, gerade die vielen Cracks :-) lassen gerne ihren Schirm in der ersten Reihe liegen und stehen dann im Weg und quatschen Fliegerlatein, was natürlich dazugehört, aber doch besser am Rande der Wiese erfolgen sollte. Dann haben die anderen mehr Platz für ihren Start und alles ist etwas entspannter und ein enspannter Start ist erstmal das wichtigste und man ist in dem manchmal sehr kurzen Flug nicht so genervt und besser konzentriert für ne vernünftige Landung.
Bei dem Zusammenstoß am Sonntag waren ja eigentlich nur zwei in der Luft und da kann doch ein überfülltes Gebiet nichts dafür!? Ich denke da war jemand sehr unerfahren und der andere hat dieses nicht so erkannt und kam ihm zu nahe. Manchmal einfach auch Pech. Aber es lag in diesem Fall auf jeden Fall nicht an den Massen die da waren.
Ich kann nur den Tip an alle geben, wenn ihr gerade nicht starten wollt, nehmt den Schirm zur Seite, dann latscht keiner drauf und die anderen haben mehr Spass und Spass wollen wir doch alle. Ich fühle mich auf jeden Fall sau wohl bei euch in Dreis und möchte dem dortigen Verein meinen besten Dank aussprechen, dass ich bei euch fliegen darf!

Gruß Pepe Malecki

Anonym hat gesagt…

Hallo Lucian und Dreisflieger,
zuerst möchte ich allen Verletzen alles Gute und eine schnelle Genesung wünschen.

Dann möchte ich mich für Lucians sachliche Analyse der Problematik am Dreiser Weiher bedanken.
Es freut mich sehr, dass bereits eine Diskussion über die Fliegerei in Dreis begonnen hat. Dies ist sehr in meinem Sinne.

Den Appell an die eigene Verantwortung und eine gesunde Selbsteinschätzung kann ich nur unterstützen und doppelt unterstreichen.

Aber was lässt sich tatsächlich unternehmen um die Fliegerei am Weiher 'sicherer' zu machen?
Die gleiche Frage stellte sich bereits vor einigen Jahren, ebenfalls nach einer Häufung von Unfällen in kurzer Zeit und in einer längeren Phase mit Nordwind.

Die Menge der Flieger in Dreis könnte ein Grund sein. Ich denke es ist eher die Häufigkeit der fliegbaren Tage in Dreis, gepaart mit Unkenntnis über die potentiellen Gefahrenquellen dieses Fluggebietes.

Die Unfallhäufigkeit der letzten Wochen zwingt leider dazu sich Gedanken darüber zu machen, ob es in Zukunft weiter verantwortungbar ist, dass alle Flieger das Gelände uneingeschränkt nutzen können. Ich persönlich bin kein Freund von weiteren Reglementierungen und überzeugter Anhänger der französischen Idee des 'Vol Libre'. Aber vielleicht bin ich/sind wir bald gezwungen Einschränkungen durchsetzen zu müssen, um das Flugelände zu erhalten.

Bis Ostern kann ich die Diskussion nur eingeschränkt verfolgen, da ich derzeit in Urlaub bin.

Gruß Joachim Krick (Geländewart Dreiser Weiher)

Anonym hat gesagt…

Gibt es zu Dreis Alternativen bei Nordwind? Jemand sagte mir mal, dass es unweit vom Dreiser Weiher ein weiteres Hangstartgelände geben soll. Name weiß ich nicht mehr, auch irgendwas um Nord.
Kann man darüber mehr erfahren? Vielleicht entzerrt sich dann der Andrang etwas.

LG

Anonym hat gesagt…

Hallo Anonym,

eigentlich schreibe ich ja nicht auf anonyme anfragen - aber ich mach mal eine Ausnahme.
Schau mal auf der Seite www.ostwindfreunde.de unter dem Gelände Obermaubach. Ist für NW-Wind geeignet. Weitere Infos über den Verein.
In der Eifel gibt es weitere Gelände, die für nördlichen Wind geeignet sind. Kannst mich ja mal ansprechen, wenn wir uns beim Flieger treffen sollten. Du müsstest dich dann allerdings um das aufwendige Zulassungsverfahren kümmern... Tipps bekommst du. Und das entzerrt die Sache bestimmt.

Gruß Joachim Krick
(Geländewart Dreiser Weiher)

Anonym hat gesagt…

Das EInzige was ich in Lucian´s Bericht nicht unterschreiben kann ist die Aussage dass beschriebene Situation nicht in anderen Fluggebieten der Region anzutreffen sind.

Ich selber und ich weiss auch von anderen, gingen schon desöfteren Landen weil der FLugspass durch viele und viele "angespannte" Piloten nicht gegeben war.

Zu viel Tuch in der Luft, mit darunter hängedem Ego ist weder dem Spass noch der Sicherheit zuträglich.

Die negative Entwicklung ist auch schon länger zu beobachten und kein neues Problem.

M.E. war und ist es nur eine Frage der Zeit bis es auch woanders zu Zusammenstössen kommt...

Tom