Der kleine Dreh auf der C-Ebene

Es gibt bei den Gleitschirmfirmen ja viele Kürzel, die irgendwelche baulichen Besonderheiten beschreiben. Buchstabenkombinationen wie HDP (High-Definition-Profile), LC (Launch Control), PPN (Präzisions-Profil-Nase), DD (Doppeldiagonalen)... Jetzt kommt Icaro mit einer Neuerung daher, die auch so eine ominöse Kurzbezeichnung trägt: TSO.

Der TSO am Tragegurt. Quelle: Icaro
TSO steht für Trimm-Speed-Optimizer und ist etwas, das wohl mehr als nur Marketingsprech darstellt, sondern dem Piloten im Alltag eine neue Einflussgröße auf seinen Schirm gibt. Der TSO ist ein kleiner Seilspanner, der auf der hintersten Ebene im Tragegurt eingebaut ist. Damit lässt sich die C-Ebene um bis zu 2,5 cm verlängern. Allerdings geht das nicht während des Fluges - wie bei einem klassischen Trimmer - sondern nur am Boden. Die gewählte Einstellung ist also fix.

Was bringt der TSO? Verlängert man die C-Ebene, fliegt der Gleitschrim schon im Trimm schneller, ohne dass dafür der Beschleuniger getreten werden muss. Das kann durchaus sinnvoll sein. Fliegt ein Pilot seinen Schirm wenig beladen, so ist der Schirm tatsächlich um ein paar kmh langsamer unterwegs als wenn er ihn voll belasten würde. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Performance beim Streckenfliegen, sondern auch auf die Sicherheit.

Wenig belastet hat ein Schirmmodell noch immer die gleiche Mindestgeschwindigkeit wie hoch belastet. Wenn der Schirm aber schon im Trimm langsamer fliegt, ist das nutzbare Geschwindigkeitsfenster und damit auch der nutzbare Bremsleinenweg kleiner. Wenig belastet haben Schirme also kürzere Steuerwege und können somit schneller bis zum Strömungsabriss gezogen werden. Hier können leichte Piloten mit dem TSO ein bisschen mehr an Sicherheit herausholen, ohne gleich auf eine höher belastete kleinere Gleitschirmgröße umsteigen zu müssen.

Der schnellere Trimm kann auch nützlich sein:
  • im Winter, wenn in der kalten, dichteren Luft der Schirm auch langsamer fliegt
  • bei alternden Schirmen, bei denen sich mit der Zeit vielleicht schon die A- und B-Leinen ein wenig gelängt haben
  • bei Streckenjunkies, die sich mit etwas höherer Trimmspeed manches kräftezehrende Beschleunigertreten ersparen wollen.

Nach Angaben von Icaro sollen künftig alle Schirmmodelle der Marke mit dem TSO ausgerüstet werden. Praxistests werden dann zeigen müssen, inwieweit die Technik wirklich etwas bringt - vielleicht auch daran erkennbar, ob andere Marken das System kopieren, wenn auch unter anderem Namen wie etwa LPPGD (Light Pilot Performance Gain Device).

Unklar ist mir noch, inwieweit das TSO bei der Zulassung der Schirme berücksichtigt wird. Es wäre ja denkbar, dass ein Schirm an der Gewichtsobergrenze nur mit klassischem Trimm, also geschlossenem TSO getestet wird, und dann ein "B" als Einstufung erhält, während er bei geöffnetem TSO schon Reaktionen wie ein C-Schirm zeigen würde. Für manche buchstabenhörige Piloten könnte diese neue Variable am eigenen Schirm in der Luft für Verwirrungen sorgen.
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2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Du schreibst:

"Wenig belastet hat ein Schirmmodell noch immer die gleiche Mindestgeschwindigkeit wie hoch belastet."

Das stimmt nicht: Die Minimalgeschwindigkeit nimmt natürlich mit sinkender Flächenbelasung ab!

Michael Nesler hat gesagt…

Die mit TSO ausgestatteten Schirme werden von ICARO natürlich auch mit offenem TSO an der Obergrenze getestet, wenngleich diese Konfiguration laut Handbuch nicht zulässig ist. Beim Wildcat TE und Cyber TE ist selbst bei Maximalzuladung und komplett offenem TSO das Extremflugverhalten noch klassenkonform, der Mavericks 2.2 verhält sich sogar noch besser als mit geschlossenem TSO.
Bezüglich Zulassung liegt die Verstellung im Rahmen der zulässigen Tolleranz: Die für die Zulassung abgegebenen Prototypen sind, um die Alterung und Dehnung bei langen Flügen zu berücksichtigen, um ca. 12 mm schneller eingestellt als ein nagelneuer Serienschirm. Rechnet man dazu die zulässige Toleranz von 15 mm, reicht das für das TSO völlig aus.