Sicher fliegen bei 60er Böen - wie geht das?

Groundhandling in Rodenbach // Foto: H. Schlegel
Heute (Samstag) war rund um die Eifel ein Tag mit schwierig einzuschätzenden Wetterverhältnissen. Ich selbst hatte gestern in meiner Wochenendwetterprognose geschrieben, dass es trotz eines sehr stark prognostizierten Höhenwindes an tiefer gelegenen Südhängen soarbar sein könnte, vielleicht aber auch zu stark. Andere erfahrene Flieger warnten wiederum davor, angesichts von prognostizierten Böen bis zu 60 kmh und der damit verbundenen Unfallgefahr das Fliegen ernsthaft ins Auge zu fassen. Trotzdem wurde am Ende geflogen, zumindest am Übungshang Rodenbach (Rheintal), und das sogar gut und sicher. Nur: Wie passt das eine zum anderen?

Tatsächlich sahen die Prognosen alles andere als einladend aus zum Fliegen. Die 925 hPa Karte (~850m MSL) zeigte am Mittag Höhenwinde von 25 bis 30 Knoten über dem Eifelraum. Das allein wäre normalerweise ein absolutes No-Go-Kriterium. Denn ein solcher Höhenwind könnte in thermisch durchmischter Luft jederzeit in voller Stärke (!) bis zum Boden durchgereicht werden. Für Gleitschirmflieger wären solche Böen lebensgefährlich - auch in Rodenbach.

Dem aufmerksamen Leser wird aber vielleicht schon eine Formulierung aufgefallen sein: "In thermisch durchmischter Luft". Das ist genau jener Faktor, der an diesem Samstag fehlte. Die Sonneneinstrahlung ist dieser Tage die schwächste im Jahr, und dann noch weitgehend hinter Wolken versteckt. Durch den vielen Regen ist der Boden so nass, dass er sich kaum nennenswert erwärmen könnte. Wenn dann noch mit dem Südwind eher milde Luftmassen herangeschoben werden, ist abermals kaum Thermik zu erwarten.

Nur dank dieser Vorzeichen bestand die Chance, dass an den tieferen und weniger exponierten Südhängen "vielleicht" gesoart werden konnte. Der Höhenwind blieb in der Höhe und passte dort auch real zu den Prognosen. An der exponierten Wetterstation auf dem 300m hohen Ölberg im Siebengebirge wurden am Nachmittag Böen über 60 kmh gemessen, und zwar zur gleichen Zeit, zu der im 150 m tiefer gelegenen Rodenbach problemlos bei einem 20er Wind geflogen wurde.

Nun sollte man freilich nicht der Versuchung erliegen, Rodenbach bei solchen Bedingungen nun immer für fliegbar zu halten: Heute war eine seltene, jahreszeitlich bedingte Ausnahme!! Ein Fitzel an Thermik hätte ausgereicht, um auch Rodenbach von heftigen Böen überrollen zu lassen.

Hätte man die heutige Situation denn aus den üblichen Wetterprognosen herauslesen können? Ich würde sagen: Nein, zumindest nicht ohne einiges an Erfahrung mit der Einschätzung der Modellwerte. Nehmen wir zum Beispiel den Windfinder-Superforecast für Rodenbach von heute:


12 oder 13 Knoten im Grundwind und 22 Knoten als Windböen waren dort vorhergesagt. Auf den ersten Blick auf jeden Fall unfliegbar. Wenn man allerdings weiß, dass Windfinder bei seinem Superforecast-Modell auch beim Grundwind immer einen deutlichen Einfluss des Höhenwindes mit einkalkuliert und dabei nicht zwischen thermischen und nicht-thermischen Bedingungen differenziert, dann kann man damit rechnen, dass diese Prognose im Winter häufig etwas übertreibt. Der heutige Tag hat das wieder einmal bestätigt.

Am Ende muss ich einen Gefahrenhinweis wiederholen: Zu fast allen anderen, thermischeren Zeiten im Jahr wäre es wirklich saugefährlich, sich bei einer solchen Höhenwindprognose in die Lüfte zu schwingen. Bitte haltet euch daran!
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