(R)Evolution mit Ventil

Evolution mit zusätzlichen Luftventilen am Untersegel. // Foto: U-turn
U-Turn bringt einen neuen Schirm der Kategorie EN-A namens Evolution auf den Markt, der mit einer technischen Besonderheit aufwartet: Er besitzt nicht nur Lufteinlassöffnungen an der Profilfront, sondern auch zusätzliche Einströmbereiche etwas zurück versetzt am Untersegel. Diese fungieren als Ventile, um die Belüftung des Segels bei hohen Anstellwinkeln zu verbessern. Pressure Balance Valves (PBV) heißt das System auf "Marketingisch". Es ist eine Neuerung, die so bei klassischen Gleitschirmen bisher nicht eingesetzt wurde.

Im normalen Flug mit ausreichend Innendruck im Segel schließt eine Stofflasche von Innen die mit einem Netzstoff überspannten Öffnungen. Doch wenn der Innendruck verloren geht, hebt sich die Lasche an und lässt zusätzliche Luft herein. Das tritt vor allem ein, wenn der Schirm nicht mehr normal gleitet, sondern steiler vom Himmel fällt, etwa bei einem klassischen Sackflug, der Ausleitung eines B-Stalls oder einem heftigen Klapper. Nach Darstellung von U-Turn füllt der Schirm dann gleichmäßiger und hat deshalb weniger die Tendenz zu schießen. Angeblich soll das auch die Starteigenschaften verbessern.

Wieviel von diesen Versprechungen in der Praxis eingelöst werden, muss die Flugpraxis zeigen. Immerhin verbaute U-Turn-Konstrukteur Ernst Strobl die PBV zuvor schon beim Highend-Acroschirm der Marke, dem Thriller. Dort ist die zusätzliche Luftholmöglichkeit der Kappe durchaus erwünscht, weil viele der Acromanöver einen schnellen Wechsel zwischen entlüfteter, gestallter Kappe und vollem Innendruck verlangen, zum Beispiel beim Helikopter. Von einem Flugschüler wird man freilich kaum erwarten, sich schon regelmäßig mit solchen Flugzuständen auseinanderzusetzen. Ob die Ventile im Schulungsalltag einen Sicherheitsgewinn bringen oder einfach nur das Gefühl vermitteln, einen technisch irgendwie überlegenen Schirm zu fliegen? Vielleicht kommt ja im Endeffekt das gleiche dabei raus.

Interessant sind beim Evolution noch zwei weitere Entwicklungen. Zum einen handelt es sich um eine vergleichsweise kleine Kappe. Im Vergleich zu anderen aktuellen EN-A-Schirmen zeigt sich das in einer überdurchschnittlichen Flächenbelastungen von über 4 kg/m² bei den größeren Größen. Hier setzt sich der Markttrend, eine verbesserte aerodynamische Güte der modernen Segelschnitte vor allem in eine höhere Endgeschwindigkeit münden zu lassen, auch im reinen EN-A-Sektor fort. Laut Datenblatt soll der Evolution beschleunigt 48 km/h erreichen.

Die zweite Auffälligkeit ist, dass der Evolution nicht mehr nur mit der klassischen U-Turn-Kralle im Segel angeboten wird, sondern auch in einem geometrischen Design. Es handelt sich um eine Sonderedition für die Flugschule Wasserkuppe. Vielleicht ist es aber auch ein Test, ob ein Teil der deutschen Fliegergemeinde auf U-Turn-Schirme ohne Kralle weniger kratzbürstig reagiert. Bisher ist das Image von U-Turn hierzulande ja etwas polarisiert.
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5 Kommentare:

Luki hat gesagt…

Uralt, aber immer noch aktuell :-)

http://www.youtube.com/watch?v=bKj75J4QiQU

Anonym hat gesagt…

Gab es schon bei North Para und der ersten Marke von Michi Nesler (Freestyle).
Einfach mal bei Para2000.org nachsehen.
Es wäre neu, wenn U-Turn mal was selber entwickelt.

Lucian Haas hat gesagt…

Danke für den leider anonymen Hinweis. Beispiele alter Ventilsysteme sind der Freestyle Lynx und North Para Dimension. Dass es so ähnliche Lösungen schon mal gab, stellt aber m.E. nicht unbedingt neuere Entwicklungen in Abrede. Die Haifischnase gab es auch schon vor früher, aber erst mit den heutigen Strömungsberechnungsmöglichkeiten lässt sich daraus ein sinnvoll abgestimmtes System bauen. Vielleicht gilt das ja für die U-Turn-Ventile ähnlich. Die Praxis wird zeigen, ob's was bringt.

Anonym hat gesagt…

Es war eher der Freestyle "Syncro" gemeint. Der Lynx hatte Luftschlitze am Untersegel. Der Syncro dagegen eine mit Gaze verschlossene Öffnung über die gesamte Spannweite.

http://para2000.org/wings/photos/freestyle-syncro.jpg

Weitere Beispiele:
North "C"
North "Exception"
ODYSSÉE "Osmose"
Air Slide "Furyo"

Alle älter als 20 Jahre...
Alles andere Ansätze, ein bis heute existierendes Problem zu lösen.
Alle diese Lösungen wurden wegen zu hoher Produktionskosten eingestellt.

Das System von North Para war so gut, dass es dem Hochleister "Exception" eine zahme DHV-2G bescherte. Und so teuer, dass der damalige Geschäftsführer, Herr Kamm, die Gleitschirmproduktion ein paar Jahre später aufgeben lies.

Lucian Haas hat gesagt…

Lieber Anonymous,
danke für die interessanten Hinweise. Hätte allerdings schon gerne gewusst, wer da mit solchem Wissen zur Gleitschirmgeschichte aufwarten kann. Vielleicht outest Du dich, wenn schon nicht öffentlich, dann wenigstens mir gegenüber: lu-glidz {ÄT} gmx dot net
Danke.