Enzogate: Lösung ohne Auflösung

Ozone als Pinocchio mit "Cheat Nose" - ein Versehen?
Am letzten Tag des PWC Superfinales präsentierte Ozone via XC-Magazin eine Lösung des Rätsels um die verlängerte Hinterkante des Enzo 2. Demnach war das getestete und bei der Zulassungsstelle Air Turquoise  eingelagerte Muster mit Abnähern an der Hinterkante versehen. Solche Abnäher werden in der Gleitschirmentwicklung regelmäßig genutzt, um leicht unterschiedliche Schirmkonfigurationen testen zu können, ohne jedesmal komplett neue Prototypen bauen zu müssen. Im Fall des Enzo 2 seien aber die durch diese Abnäher bestimmten Form- und Längenänderungen durch einen Fehler nicht in die Produktion übernommen worden. Alle ausgelieferten Enzo 2 hätten deshalb eine längere Hinterkante.

Zugleich ist Alain Zoller, Chef von Air Turquoise, am Samstag morgen mit dem eingelagerten Muster nochmals EN-Testmanöver geflogen. Zuvor waren an dem Schirm alle Abnäher an der Hinterkante entfernt worden. Auch in dieser Konfiguration, also mit längerer Hinterkante, entsprach der Schirm laut Angaben von Ozone-Chef Mike Cavanagh noch EN-D.

Heißt es nun: Enzo gut, alles gut? Vielen, vor allem Ozone und den Enzo-2-Piloten, wäre das wohl am liebsten. So einfach wird diese Geschichte um Enzogate aber nicht ausgehen. Denn der ganze Vorfall ist auch mit dieser Lösung noch lange nicht aufgelöst, sondern wird noch viele Diskussionen und Nachbeben in der Branche nach sich ziehen.

Da ist zum einen die Frage, was Ozone unter "Fehler" versteht. Wenn versäumt wurde, die durch die Abnäher bestimmten Dimensionsänderungen in die CAD-Dateien des Produktionsmodells zu übertragen - war das ein Versehen, oder vielleicht doch Absicht? Und wenn es tatsächlich nur ein Versehen war, warum ist dieser Fehler nicht in der Nachkontrolle aufgefallen? Üblicherweise lassen Gleitschirmhersteller erst eine kleine Nullserie produzieren, die ausgiebig auf Maßhaltigkeit geprüft wird, bevor die Massenproduktion startet. Warum wurde die Hinterkante dabei ausgelassen? Das XC-Magazin zitiert Ozone-Chef Mike Cavanagh mit den Worten, dass sie das nicht messen würden, weil es weder von der EN noch vom PWC gefordert sei. (Im Original: “It’s not something we would measure as it is not an EN requirement, and it wouldn’t have been a PWC requirement either – it still isn’t.”)

Solche Erklärungen werden vielerorts in der Branche mit Skepsis gelesen. Schon machen Karikaturen die Runde, in denen Ozone als Pinocchio mit langer "Cheat-Nose" dargestellt wird (s.o.). Weitaus ernster dürften die Gespräche in den kommenden Wochen bei der Herstellervereinigung PMA werden. Einige Mitglieder haben Anträge gestellt, Ozone aus der PMA auszuschließen - wegen Falschaussagen, unsportlichen Verhaltens und der Tatsache, dass Schirme, die in ihrer Bauform nicht zertifiziert waren, als zertifiziert ausgegeben wurden. Ozone wird vorgeworfen, gegen Artikel 10 der PMA-Satzung verstoßen zu haben. Darin heißt es (u.a.): "Von den Mitgliedern wird aufrichtiges und moralisch korrektes Geschäftsgebahren erwartet. Dies bedeutet, dass alle Veröffentlichungen in jeglicher Form der Wahrheit entsprechen müssen. Dies ist besonders wichtig im Bezug auf Musterprüfungen und sicherheitsrelevante Angelegenheiten."

Egal wie die Entscheidung der PMA ausfallen sollte, der Image-Verlust für Ozone durch Enzogate ist groß. Da verblasst daneben auch die Tatsache, dass der Enzo 2 beim Superfinale in der (vorläufigen) Endwertung als der dominierende Schirm deutlich wird. Plätze eins bis vier gingen an Enzo-2-Piloten, und unter den ersten 20 sind vierzehn Enzo 2 zu finden. Selbst wenn die geplanten Nachtests der Gewinnerschirme zeigen sollten, dass auch die geflogene Produktionsvariante des Enzo 2 noch den EN-D-Sicherheitsanforderungen entspricht und das PWC-Kommittee die Piloten deshalb nicht disqualifiziert, bleibt ein unangenehmer Beigeschmack zurück. Denn de facto wurde der Wettbewerb, wenn auch ohne Absicht der Piloten, mit zu jenem Zeitpunkt nicht zertifizierten Schirmen bestritten, was gemäß PWC-Regeln eigentlich nicht erlaubt wäre.
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