Skandal mit offenem Ausgang beim PWC

Enzo 2: getunte Hinterkante?
Bild: DHV.de
Das Superfinale des Paragliding World Cup in Brasilien erlebt derzeit einen Skandal, dessen Ausgang und Tragweite noch gar nicht abzusehen ist. Bei Nachmessungen der Schirme der Task-Gewinner Stefan Wyss und Yassen Savov (jeweils Ozone Enzo 2) zeigte sich, dass die Schirme eine Hinterkante besitzen, die wohl 20 bis 40 Zentimeter länger ist als bei dem Modell, das offiziell zugelassen wurde. Auf die Spannweite gerechnet sind das rund 1,5 bis 3 Prozent.

Nachfolgende Überprüfungen weiterer Schirme zeigten, dass möglicherweise alle Enzo 2, die beim Superfinale mitfliegen, in ähnlicher Weise vom zertifizierten Referenzschirm abweichen. Ob und inwieweit die Enzos deshalb einen Vorteil in der Luft haben, wird kaum festzustellen sein. Aber eins ist klar: Wenn man im Wettbewerb homologierte EN-D-Schirme vorschreibt, dann müssen sie auch regelkonform gebaut und geflogen werden.

Entsprechend hoch schlagen die Wellen der Entrüstung, des Ärgers und der Enttäuschung. Eigentlich müsste der Veranstalter jetzt alle Enzos 2 disqualifizieren. Allerdings träfe das nicht nur rund ein Drittel des Teilnehmerfeldes, sondern zugleich auch viele Piloten, die für diesen Fehler selbst gar nichts können und wohl auch gar nichts davon wussten. Sie würden sich betrogen fühlen, zumal ihr Schirm von einem Tag auf den anderen auch für andere Wettbewerbe wertlos würde. Schon im Februar steht der nächste PWC in Mexiko auf dem Programm. Bis dahin wären kaum genügend neue Enzos als Ersatz zu beschaffen. (hierzu: wichtiges Update, s.u.)

Kommt es freilich zu keiner Disqualilizierung, würden sich all die Piloten anderer Marken betrogen fühlen, weil sie in einem Wettbewerb fliegen, in dem es nicht rechtens zugeht. Hinzu kommt, dass der Enzo 2 offenbar derzeit leistungsmäßig gegenüber Gin Boomerang 9 und Niviuk Icepeak 7 Pro ein klein wenig die Nase vorn hat. Sollte dieses leichte Plus möglicherweise mit der längeren Hinterkante zusammen hängen?

Verärgert ist auch Niviuk als Hersteller. Einige der PWC-Piloten, die mit dem IP7 unterwegs sind, sehen sich im Nachteil und würden lieber heute als morgen auf den Enzo 2 wechseln, wie beispielsweise der Deutsche Marc Wensauer auf Facebook schreibt. Wenn dieser Abwanderungstrend letztendlich aber auch durch Schummeleien von Ozone bedingt ist, kann man das Sauersein der anderen Hersteller durchaus verstehen.

Wie die Entscheidung der Organisatoren auch ausfällt, wird dieser Hinterkanten-Skandal ("Enzogate") ein schlechtes Licht auf das Superfinale werfen und vielleicht sogar ein juristisches Nachspiel mit Schadenersatzforderungen haben.

Spannend bleibt auch die Frage, wie Ozone versuchen wird, sich aus dieser Situation zu winden. War es wissentliches Schummeln durch Schirmtuning oder nur mangelndes Controlling in der Näherei? Können, wenn man 101 Zellen aneinandernäht, kleine Nähfehler sich so addieren, dass am Ende durchgängig solche Abweichungen entstehen? Warum hat Ozone nicht selbst die Schirme schon früher nachgemessen? Könnten die aktuellen Enzo 2 nochmals zertifiziert werden, um nachträglich in der vorhandenen Version ebenso das EN-D-Siegel zu bekommen?

Es bleibt spannend. Zumal der ganze Fall noch durch ein anderes Detail erschwert wird. Bisher gibt es keine allgemein verbindlichen Regeln dafür wie groß Toleranzen in den Schirmmaßen sein dürfen. Bisher werden Fertigungstoleranzen vom Hersteller festgelegt. Erst in den Regelvorschlägen für die ab 2015 geplanten Competition Class ist vorgesehen, eine Toleranz von +/- 0,5 Prozent festzuschreiben. Aber kann man das jetzt schon anwenden?

Für viele Piloten zeigt dieser Fall freilich noch etwas anderes: Früher mit der Offenen Klasse, als die Wettbewerbsschirme gar keine Flugtests absolvieren und irgendwelchen hinterlegten Mustern entsprechen mussten, gab es die jetzigen Probleme schon vom Grundsatz her nicht. Regeln, die es nicht gibt, kann man auch nicht wissentlich oder unwissentlich übertreten. Was einst normal war, konnte erst durch die Einführung der EN-D-Pflicht überhaupt zum Skandal werden. So findet jeder seinen Buh-Mann!

Wichtiges Update:  Mittlerweile haben die Veranstalter eine Entscheidung getroffen. Beide Teststellen (Air Turquoise und DHV) hatten auf Rückfrage bekundet, dass sie nicht ohne weitere Tests verbindlich sagen könnten, dass ein Schirm mit längerer Hinterkante gleichfalls die Testnorm erfüllt. Das bedeutet, dass die Enzos 2 derzeit als nicht zugelassen gelten müssten. Allerdings wird der Wettbewerb erst einmal mit den vorhandenen Schirmen zu Ende geflogen, wobei die Ergebnisse mit Vorbehalt belegt werden. Sollten Nachtests der Schirme später ergeben, dass auch die veränderte Version des Enzo 2 normgerecht in den Flugtests reagiert, bliebe alles gültig; fielen die Modelle aber durch, gäbe es wohl nachträglich Disqualifikationen und eine ganz andere Rangliste.

Pikanterweise haben die Ozone-Designer mittlerweile wohl selbst zugegeben, dass es zwei verschiedene Baupläne des Enzos gibt. Allerdings wären Ihrer Meinung nach die Schirme im Sinne der EN noch als baugleich zu werten. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Sehr unbefriedigend bleibt die Lage für alle Enzo 2 Piloten im PWC. Sie fliegen nicht nur die weiteren Tasks des Superfinales mit einem Damoklesschwert über ihnen, sondern müssen auch befürchten, für den nächsten PWC in Mexiko im Februar vielleicht ohne zugelassenen Schirm dazustehen, falls die Nachprüfer dem getunten Enzo 2 das EN-D verweigern sollten.
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4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

So erstaunt es nicht, dass Gerüchte umgehen, dass das GüSi Gerät des Enzo 2 beim GüSi nur einen Topspeed von 54km/h erreichte...

Peer hat gesagt…

Für solche gibt es ein Regelwerk. Wenn nachgemessen wird weiß üblicher weise niemand mehr von seinem veränderten Material oder gab es schon mal irgendwo einen Sportler der von Anfang an gesagt hat ja ich habe gedopt ;-)

Anonym hat gesagt…

Hallo Lucian,
mit Toleranz ist Fertigungstoleranz gemeint und nicht Toleranz zwischen irgendwelchen Werten. Denn sonst wäre die Wortbedeutung von "Toleranz" obsolet. Toleranz wäre es, wenn die Eintrittskante ebenfalls dengleichen Schwankungen unterworfen wäre. Toleranz ist die maximale vom Hersteller erlaubte Abweichung vom Muster. Man könnte im Zweifel beim Nähbetrieb nachfragen, welche Toleranzen Ozone denen erlaubt. Sich auf eine Toleranz herauszureden bedeutet also den Anderen für dumm zu verkaufen. Nur weil keine expliziten Toleranzangaben gemacht worden sind, heißt das ja nicht, dass es keine gibt: Man kann einfach die faktische Fertigungstoleranz von Ozone messen. (Und sogar eine Fertigungstoleranz pro Zelle nehmen, um dem besonderen Aufbau des E2 Rechnung zu tragen.)
Sich auf das Regelwerk berufen, das keine Toleranzforderung erhebt ist also Unsinn. Davon ist dann die Frage noch gar nicht berührt, welche Abweichungen vom Muster die Prüfstellen erlauben. Aber auch hier ist es erlaubt den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Wenn ein Hersteller also ein Maß angibt, etwa bei der Spannweite 13.4, dann bedeutet das doch, dass es nicht 13,5 oder 13,3 sind. Wenigstens auf die angegebene Stelle genau sollte es dann schon sein.
Gruß vom Sebastian

Anonym hat gesagt…

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