Meteovolo - Flugwetter in Ampelfarben

Der Bodenwind über Europa laut Meteovolo. In den roten Bereichen bläst es mit mehr als 20 km/h.
Wer dort fliegt geht ein hohes Risiko ein. // Quelle: Meteovolo.it
Aus Italien kommt eine neue, beeindruckende Flugwetterseite: Meteovolo.it. Sie wartet mit gleich mehreren besonderen Qualitäten auf, die so für Gleitschirmflieger bisher nirgendwo im Internet zu finden waren. Es lohnt sich, diese Seite auszuprobieren und am besten gleich zu bookmarken!

Meteovolo.it präsentiert auf seinen Prognosecharts nicht einfach blank die vom Modell errechneten Wetterwerte, sondern bietet eine fliegergerechte Bewertung: Alle Karten über Wind, Thermikstärke, Wolkenentwicklung etc. sind in Abstufungen der Ampelfarben Grün, Gelb und Rot eingefärbt. Sie sollen signalisieren, wie sicher bzw. riskant die Fliegbarkeit hinsichtlich des jeweils gewählten Parameters ist. Grün steht im Grunde für "problemlos" , gelb für "Achtung, aktives Fliegen nötig" und rot bedeutet "größte Vorsicht geboten, der Pilot sollte wissen, was er tut und lieber hier auf das Fliegen verzichten".

Der Kopf hinter Meteovolo ist Luca Aucello, ein Textil-Unternehmer aus Prato bei Florenz. Sein Hobby ist Gleitschirmfliegen. Bei der Beschäftigung mit der Meteorologie stellte er fest, dass alle üblichen Meteo-Quellen im Internet ihm nicht die Übersicht boten, die er sich wünschte. Er nahm die Sache selbst in die Hand und programmierte auf Basis des RASP-Thermikmodells, das er weiter entwickelte, sein eigenes Flugwetterprogramm. Ursprünglich wollte er es nur für den eigenen Gebrauch einsetzen. Doch als einige Freunde von ihm nach Flugunfällen wegen falscher Wettereinschätzung schwer verletzt im Krankenhaus lagen, entschied er sich, die Daten öffentlich zu machen. Und aus der Überlegung heraus, dass Sicherheit die oberste Prämisse bei allen Flugvorhaben sein sollte, setzte er auf das Ampelsystem als allgemeinverständliche Visualisierung.

Turbulenz der Luft über Italien im 3km Modellraster. Über dem gesamten
Apennin wären Flugvorhaben nicht empfehlenswert. // Quelle: Meteovolo.it
Den Schwerpunkt der Berechnungen stellt Italien (samt Alpenraum) dar. Hier rechnet das Meteovolo-Modell mit einer hohen Auflösung von 3 km. Für Europa bietet Meteovolo Karten im 5 km Raster an. Damit dürfte Meteovolo derzeit das Thermikmodell mit der feinsten räumlichen Auflösung sein, dessen Daten frei im Internet verfügbar sind.

Im Vergleich zu den verbreiteten RASP-Modellen bietet Meteovolo noch einen Vorteil: Alle Daten werden als farbige Overlays über zoombaren Google Maps dargestellt. So lässt sich schnell der Überblick über große Regionen gewinnen, bei Bedarf aber auch die regionale Wettersituation genauer studieren. Durch die feine räumliche Auflösung werden teilweise sogar lokale Besonderheiten wie Talwindsysteme, Lee-Turbulenzbereiche u.ä. berechnet.

Noch ist Meteovolo.it ein wenig "work in progress". Seit dem Start vor rund zwei Monaten hat die Seite einige Veränderungen erfahren. Anfangs war sie kostenfrei zugänglich, zwischenzeitlich wurde - zumindest für einen Teil der Funktionen - eine Monatsabo in Höhe von 7 Euro verlangt. Mittlerweile ist Luca wieder auf die kostenlose Variante umgeschwenkt, wenn auch mit einem reduzierten Angebot an wählbaren Parametern. Die reichen aber für eine übliche flugwettertechnische Einschätzung eines Tages vollkommen aus.

Folgende Parameter sind derzeit im Angebot:
  • Präsenz und Basis flugtauglicher (kleiner) Cumulus-Wolken (MSL)
  • Wassergehalt großer Cumulus-Wolken (Gefahr von Schauern und Überentwicklungen)
  • prognostizierte Regenmenge der letzten Stunde in mm pro Quadratmeter
  • Bodenwind in km/h
  • Durchschnittswind in der thermisch durchmischten Luftschicht in km/h
  • Stärke von Turbulenzen, Rotoren und Lee-Effekten
  • Windscherung/Windgradient in der thermisch durchmischten Schicht
  • Sonneneinstrahlung in W/m²
  • Durschnittsstärke der Thermik in m/s
  • Höhe der stärksten Thermikbereiche über Grund (AGL)
  • Erfliegbare Thermikhöhe außerhalb von Wolken über Grund (AGL)
  • Zerrissenheit der Thermik
  • Sicht am Boden (hohe Luftfeuchtigkeit in %)
  • Dicke der thermisch durchmischten Grenzschicht über Grund

Klassifizierung der Wolkengröße mit Ampelfarben. // Grafik: Meteovolo.it
Nach welchem Schema die Einteilung der Ampelfarben erfolgt, hat Luca auf seiner Facebook-Seite einmal mit einer Grafik zur Gefahr der Überentwicklung von Wolken dargestellt. Regionen mit Cumulus humilis werden grün, mittelhohe Cumulus gelb und große Cumulus congestus rot eingefärbt. So lässt sich schnell erkennen, wo eine starke Labilisierung der Luft mit entsprechenden Gefahren zu erwarten sind. (Man achte auf den abgestürzten Piloten mit RIP neben dem Cumulonimbus).

Eine der Stärken von Meteovolo.it ist die durch die feine räumliche Auflösung mögliche Darstellung lokaler Windeffekte. Folgende Darstellung von gleich vier Parametern (Bodenwind, Durschnittswind, Thermikstärke und Windscherung) zeigt die möglichen Gefahren eines potentiellen Flugtages in Bassano bei Nordföhnlage. Während der Startwind am Boden gut ansteht (oben links), ist insgesamt in der Luftsäule mit Nordwind zu rechnen (oben rechts), was zu unangenehmen Scherungseffekten (unten rechts) führen kann, während die Thermik teilweise kräftig ballert (unten links). Zu diesem Tag heißt es auf der DHV-Wetterseite: "Bassano: Bei einer weiterhin sehr gradienten-/thermikstarken Luftschichtung sehr starke/hohe Thermik! Evtl. selbst für Bassano ein turbulenter Thermikmix. Lage vor Ort kritisch in Auge behalten. HÖHENWIND: Starker Nordföhn."


Wer Meteovolo.it nun für seine eigene Wettervorausschau nutzen will, der sollte sich etwas Zeit und mehrere Tage gönnen, um die Systematik der Farbgebung mit dem eigenen Risikoempfinden und tatsächlichen Flugerfahrungen abzugleichen. Ein Beispiel: Wer viel im Flachland fliegt und weiß, dass man dort auf einen gewissen Grundwind angewiesen ist, um sich soarend an Hängen halten zu können, der wird das Ampelsystem zumindest hinsichtlich des Bodenwindes als etwas zu konservativ empfinden. Wer nur in den grünen Zonen startet und keine Thermik erwischt, wird mangels Wind alsbald am Boden stehen. Damit es soarbar ist, sollte die Darstellung schon gelb sein. In den Alpen wiederum ist grün bei den Windwerten tatsächlich erstrebenswert.

Am Ende noch ein weiterer Tipp: Luca Aucello bietet die Ergebnisse seines Thermikmodells  noch auf einer anderen Internetseite unter der Adresse Meteovolo.com an. Diese ist allerdings kostenpflichtig, bietet dafür aber den Zusatznutzen, dass man dort Windwerte in feinen Höhenabstufungen über die gesamte Troposphäre von 0 bis 12.000 Meter abfragen kann. Zudem bietet die Seite zusätzliche Parameter wie beispielsweise aufsteigende oder absteigende Luftmassen. In den Alpen werden dadurch die beim vorherrschenden Wind typischen Lee-Zonen, aber auch mögliche Wellenfluggebiete für die Segelflieger erkennbar. Wer diese Datenfülle sinnvoll nutzen will, sollte man sich freilich schon ein wenig tiefer mit der Meteo-Materie beschäftigt haben.
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