Schirmtest: Ozone Rush 4

Der Rush 4 bietet eine angenehme Kombination aus Leistung und Komfort. Ein echter Cruiser.


Die im folgenden beschriebenen Eindrücke zum Ozone Rush 4 wurden in längeren Flügen mit teils kräftiger Thermik am Hahnenkamm (Reutte) und am Grubigstein gewonnen. Geflogen bin ich den Rush 4 in Größe MS (75-95 kg) mit rund 90 kg Startgewicht. Das Gurtzeug war ein Karpofly Extra Light (Liegegurtzeug). Der Schirm wurde mir für den Test freundlicherweise vom deutschen Ozone-Importeur Konny Konrad zur Verfügung gestellt.

Für viele Piloten gilt der Delta 2 von Ozone hinsichtlich fliegbarer Leistung als Maßstab in der C-Klasse. Der Rush 4 wird nun von Ozone als der "kleine Bruder" des Delta 2 vermarktet. Viele Konstruktionsdetails und damit die Leistungsgene wurden übernommen, darunter die Ozone-typische Haifischnase, die gleichmäßige Krümmung und ein sehr filigraner Leinensatz. Allerdings wurde das mit der größeren Kompaktheit eines B-Klasse Flügels (Streckung: 5,55) gepaart. Ich war gespannt, wie sich der Rush 4 in die Runde der High-End-B Schirme wie Mentor 3, Chili 3, Mistral 7 etc. einfügen würde, die ich zuvor schon getestet hatte. Und soviel sei schon verraten: Zumindest in einem Punkt ragt der Rush 4 in dieser Klasse heraus. Die Kappe, obwohl nicht bretthart, vermittelt eine erstaunliche Kohärenz und gleichmäßige Spannungsverteilung. Diese Eigenschaft ist in fast allen Manövern so auffällig, dass ich sie gleich zu Beginn erwähne. Denn im Folgenden werde ich immer wieder mal darauf zurückkommen. Doch nun der Reihe nach.

Gekreuzte Stäbchen in der Eintrittskante bilden
eine ausgeprägte Haifischnase.
Starten: Der Rush 4 hat ein sehr angenehmes Startverhalten. Schon hier zeigt sich die erwähnte Kohärenz. Der Flügel füllt von Anfang an sehr gleichmäßig und steigt dann kompakt nach oben. Und selbst wenn man den Schirm aus der Tulpe heraus nur mit den inneren A-Leinen aufzieht, nimmt er bei der ersten Gelegenheit die Ohren hoch, baut seine Spannung auf und steigt dann als Einheit weiter. Stets ist nur leichter Zug auf den A-Leinen nötig.
Diese Eigenheit des Rush 4, gewissermaßen in Form zu "springen", ließ mich anfangs daran zweifeln, ob der Schirm auch bei Starkwind noch gut zu händeln wäre. Schließlich stellt er immer schnell seine ganze Fläche in den Wind. Doch beim Groundhandling im starken Talwind von Lermoos zeigte er weitere Qualitäten. Zum einen bleibt die Kappe, leicht vorgefüllt, stur und ruhig am Boden hocken, ohne ständig gebändigt werden zu müssen. Und wenn man dann nach kurzem Impuls der A-Leinen beim Aufziehen an der C-Ebene gegenhält, lässt sich der Schirm fein dosiert in der Steiggeschwindigkeit und ohne Überschießtendenz über dem Piloten platzieren.
Weniger gut gelingen Kobra-Starts. Der Flügel mag es nicht besonders, nur mit Teilflächen in der Luft zu stehen und nach oben zu schlängeln.
Ein deutliches Manko am Start sind die sehr dünnen einfarbigen und unummantelten Galerieleinen. Sie sind aus einem sehr weichen geflochtenen Material, das gerne kleine Schlaufen und Schlingen bildet oder sich bohnenrankenartig umeinander windet. Hier ist erhöhte Aufmerksamkeit des Piloten nicht nur beim Leinensortieren, sondern auch beim Hantieren mit dem Schirm am Startplatz gefragt. Sonst fängt man sich schnell mal unverhofft ein Knötchen ein.

Landen: klassentypisch. Wer ausgeflogene Landungen beherrscht, wird sich an der ausreichend vorhandenen Flair-Energie erfreuen.

Bremsen: Der Rush 4 hat einen mittleren bis hohen Bremsdruck, der schon früh spürbar wird. Allerdings ist das im Flug nicht zwangsläufig ermüdend. Der Schirm bietet schon im ersten Drittel des Bremsweges eine sehr gute Kontrolle. Auffallend ist, dass die Bremse an der Hinterkante sehr gleichmäßig greift. Zudem kommt sie, obwohl die Kappe nicht ausgesprochen flach gebaut ist, ohne irgendwelche Raffbänder aus. Auch das ein Zeichen für sehr homogene Spannungsverteilung. 

Im Gegenlicht zeigt der Rush 4 sein aufwendiges Innenleben.
Bänder über die gesamte Schirmbreite sorgen für eine
sehr homogene Spannungsverteilung.
Kappenfeedback: Der Schirm ist sowohl über die Bremse als auch über die Tragegurte in angenehmer Weise mitteilsam. Er zeigt sehr differenziert die Luftbewegungen an, ohne den Piloten unnötig zu überfrachten und nervös zu machen. Auch hier kommt wieder die Kohärenz der Kappe ins Spiel. Da winkt selten mal ein Ohr, alles erscheint erstaunlich kompakt. Spürbare Entlaster sind selten - vielleicht zeigt sich hier die erhöhte Innendruckstabilität der Haifischnase. Dennoch hat man als Pilot nicht den Eindruck, vom Schirm entkoppelt zu sein. Wenn man sich auf die feinen übermittelten Druckzeichen einlässt, erscheint es so, als würde sich die Kohärenz der Kappe auch auf das Schirm-Piloten-Verhältnis übertragen. Vertrauenserweckend. 

Gewichtssteuerung: Progressiv. Der Rush 4 spricht gut auf Gewichtsverlagerung an, ohne bei kleineren Bewegungen gleich einen Schlingerkurs zu starten.

Kurvenflug: Der Rush 4 ist ein Schirm für alle Schräglagen, wenn auch das ganz flache Drehen wie beim Chili 3 nicht ganz sein Ding ist. Er mag es, in den Kurven laufen gelassen zu werden. Dann vermittelt er eine sehr sattes Carver-Gefühl. Eine leichte Stütze auf der Außenbremse hindert effektiv das Graben. Eine einmal eingestellte Kurvenlage muss man kaum noch korrigieren. Will man es dennoch tun, beispielsweise beim Nachzentrieren, reagiert der Rush 4 mit etwas Bedacht. Seine Spurtreue führt zu einer leicht verzögerten Reaktion, einer Art Gedenksekunde, bis die Kappe als Ganzes den neuen Kurs auch gutheißt und dann überzeugt vertritt. Ein Mentor 3 oder der Mistral 7 weisen hier die direktere Lenkung auf und erscheinen in solchen Situationen etwas wendiger.

Thermikeigenschaften: Die Spurtreue im Kurvenflug machen den Rush 4 zu einer sehr angenehmen Kurbelmaschine. In den meisten Bärten ist etwas weniger Arbeit als bei anderen High-End-B's gefragt. Durch das gute Kappenfeedback lässt sich zudem die thermisch aktive Luft sehr gut lesen. Nur in stärker zerrissenen und inhomogenen Bärten verliert der Flügel etwas an Effizienz, weil er beim schnellen Nachzentrieren eben diese Gedenksekunde verzögert reagiert. Hier ist z.B. ein Mentor 3 ein kleines Quentchen exakter zu fliegen.
Eine auffällige Besonderheit zeigt der Rush 4 beim Einfliegen in starke Steigkerne. Da beißt das Profil zu, springt regelrecht nach vorne und verlangt ein schnelles Händchen des Piloten, um diese Pitchbewegung abzufangen.
 
Beschleuniger: Beim Beschleuniger des Rush 4 fällt auf, dass er besonders leicht zu treten ist. Halbgas bringt rund 6 km/h mehr, Vollgas legt nochmals 6 km/h drauf, was eine Max-Speed um 50-51 km/h ergibt. Das sind rund 2-3 km/h weniger als bei seinen direkten aktuellen Konkurrenten. Voll beschleunigt bleibt das Sinken aber noch erstaunlich moderat. Zudem ist die Kappe auch dann noch sehr ruhig und überaus spurstabil.

Ohrenanlegen: Das Ohrenanlegen ergibt nur durchschnittliche Sinkwerte. Leider zeigt der Rush 4 wie viele moderne Stäbchenschirme die Tendenz, gelegentlich mit den Ohren zu schlagen. Es ist nicht allzu stark ausgeprägt, aber bei längeren Flugpassagen dennoch störend.

Steilspirale: Der Rush 4 lässt sich schnell in die Spirale ziehen und erreicht auch schnell hohe Sinkwerte. Nach dem Freigeben ohne aktive Mithilfe braucht es einige Umdrehungen, bis der Schirm eindeutige Aufrichttendenzen zeigt. Bei diesem Manöver zeigt der Schirm, dass er auch durchaus anspruchsvoll sein kann und in erfahrene Pilotenhände gehört.

Frontklapper: hoher Einleitewiderstand, leicht verzögertes Aufschnalzen.

Seitenklapper: Ich habe nur unbeschleunigte Klapper um 50-70% gezogen. Hier zeigte der Rush 4 im Klassenvergleich der Highend-B's eine mittlere Dynamik. Er besitzt allerdings ein ungewöhnliches Füll- und Wiederöffnungsverhalten. Während andere Schirme Zelle für Zelle aufgehen oder plötzlich aufschnalzen, hat man beim Rush den Eindruck, als würde der Schirm erst alle Leinen vorspannen, die Zellen in Position bringen und dann überm Kopf wie eine Ziehharmonika in die Breite gehen, um seine gewohnte Spannung aufzunehmen. Gelegentlich kommt es dabei zu kleinen, harmlosen Gegenklappern.

Nicken: Der Rush 4 ist sehr pitchstabil. Beim induzierten Nicken zeigt die Kappe nur eine moderate Dynamik, lässt sich zudem sehr gut abfangen.

Rollen: Hier ist der Rush 4 in seinem Element. Die Gedenksekunde beim Nachzentrieren ist vergessen, beim rhythmischen Kurvenwechsel baut sich schnell hohe zur Sache.

Packen: Der Rush 4 besitzt recht steife gekreuzte Stäbchen an der Eintrittskante, die ca. 40 cm ins Segel hinein reichen. Über der C-Ebene sitzen kleine Gibus-Bögen (im Halbkreis eingenähte Stäbchen) als Verstärkung. Der Schirm wird mit einem guten Schlauchpacksack ausgeliefert, in dem er sich sowohl lang (gedrittelt) als auch kürzer (geviertelt) problemlos zusammenfalten lässt.

Warnhinweis von Ozone: Stoff über Stäbchen kann beim Schleifen
am Boden schneller mal zu Schäden (Scheuerstellen) führen.
Qualität: Im Nahtbild zeigt Ozone ein sehr hohes Niveau. Alles wirkt sehr wertig, mit durchdachten Details. An der Eintrittskante im Obersegel sind zum Beispiel in der Zellenmitte jeweils noch kurze Verstärkungen aus Klebesegel aufgebracht, um ein Vibrieren im Schnellflug zu verhindern. Die drei Leinenebenen sind farblich voneinander abgesetzt.
Nicht mein Geschmack sind die sehr dünnen und weichen Galerieleinen. Sie verlangen durch ihre Kringelneigung eine erhöhte Aufmerksamkeit vom Piloten. Problematisch ist auch die starke Vorspannung, die von den Stäbchen auf den Stoff des Segel ausgeübt wird. Hier kann es schneller passieren, dass man beim unbedachten Schleifen des Segels über den Boden an diesen Stellen den Stoff über den Stäbchen aufscheuert. Nicht von ungefähr hat Ozone extra einen warnenden Packhinweis im Schirm aufgedruckt.

Fazit: Mit dem Rush 4 ist Ozone ein sehr ausgewogener Schirm im Bereich Highend-B gelungen. Kohärent, guter Starter, homogenes Kurvenverhalten, hohe Spurtreue, große Flugruhe - all das sind Eigenschaften, die eine angenehme Kombination aus Leistung und Komfort bieten. Ein echter Cruiser. Auf den ersten Blick könnte man den Rush 4 wegen seiner Zugänglichkeit sogar gerade Aufsteigern in die Highend-B-Klasse ans Herz legen. Allerdings müssen sie bereit sein, das empfindlichere Leinenmaterial in Kauf zu nehmen. Außerdem gilt es, sich nicht gleich von der fromm erscheinenden Natur des Schirmes einlullen lassen. In manchen Situationen, wenn die Kappe bissig in die Steigkerne schießt oder in Steilspiralen sehr schnell hohe Dynamik aufbaut, lässt sie auch erkennen, wie entfesselt sie auftreten kann. Da ist noch immer ein Pilot gefragt, der auch Rasseflügel zu bändigen weiß.

Hinweis: Der Rush 4 wurde nach der EN-Norm bei Air Turquoise getestet. Da Air Turquoise als Prüfstelle noch keine Akkreditierung der DAkkS besitzt, steht die Zulassung gemäß deutscher LTF noch aus. Wann diese bürokratische Hürde genommen werden kann, ist derzeit ungewiss. Ein Schirm ohne gültige LTF-Zulassung darf offiziell in Deutschland nicht geflogen werden.

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2 Kommentare:

Lorenz hat gesagt…

ich fliege den Swift4 ML. dieser ist leichter und vermutlich durch das leichtere Material eher etwas gutmütiger. das Ohren schlagen hat er leider auch wenn auch weniger stark als Chili3 oder Tequila4. greift man so hoch man kann in die Leinen zum runterziehen ist es etwas weniger oder etwas besser. Allerdings sind neueste Schirme heute da vermutlich besser geworden (Sky Apollo, Epsilon8)offenbar hat man rausgefunden wie man das verbessern kann...

Anonym hat gesagt…

Ja Lucian, der Sky Apollo wäre mal einen Test wert. Der Vergleich zu Rush und konsorten wäre interessant ... :)