Teurer Leistungsgewinn mit Nitinol

Nitinol-Drähte in der Eintrittskante des
CCC-Schirms Icepeak 8 von Niviuk.
// Quelle: FB-Soheil Barikani
Nitinol ist eine Legierung aus Nickel und Titan und derzeit ein heißes Thema bei den Konstrukteuren von Wettbewerbsschirmen. Die leichten Drähte aus Nitinol können Nylon als Grundmaterial für die Stäbchen in den Profilnasen moderner Hochleistungsschirme ersetzen. Der neue Icepeak 8, mit dem Niviuk bei der kommenden Gleitschirm-WM ab Mitte Januar in Kolumbien wieder vorne mitfliegen will, ist durchgängig damit bestückt. Welche Vorteile Nitinol mit sich bringt, darüber sprach lu-glidz mit Michael Nesler. Der Konstrukteur war einer der ersten, der mit Nitinol im Gleitschirmbau experimentierte. Unter anderem designte er den Tandemschirm Twice TE von Icaro sowie den Bergschirm Husky von Kimfly mit nitinol-gestützter Eintrittskante.

Michael, was kann Nitinol, was Nylon nicht kann?
Michael Nesler: Der Nitinol-Draht ist im Idealfall ohne Werkzeug und Erhitzen so gut wie nicht dauerhaft verformbar. Er springt immer wieder in seine Ursprungsform zurück. Abgewickelt ist der Draht gerade. Baut man ihn in die Rundungen der Profilnase eines Gleitschirms ein ein, spannt er sich wie eine Trommel auf. Dadurch wird die Nase sehr steif und formstabil. Beim Packen wiederum kann man Schirme mit Nitinol-Draht zusammenknüllen wie man will, der Draht wird nicht verknicken. Bei gleicher Spannkraft ist er auch nicht schwerer als die üblichen Nylon-Drähte. Und er kann recycelt werden.

Du sprichst vom "Idealfall", was meinst Du damit?
Michael Nesler: Nitinol ist nicht gleich Nitinol. Je nach Herkunft, Qualität und Typ können die Eigenschaften sehr verschieden sein. Zwischen dem Zeug aus China und dem aus Deutschland gibt es riesige Unterschiede.

Um wieviel teurer ist Nitinol im Vergleich zu Nylon-Stäbchen?
Michael Nesler: Rechnet man die Kosten der Stäbchen für einen Wettbewerbsschirm mit entsprechend vielen Zellen, kommt man je nach Material auf ganz unterschiedliche Summen. Nimmt man PVC, sind es circa 5 Euro. Für Nylon-Draht aus dem üblichen Polyamid 6.6 muss man rund 15 Euro zahlen. Bei China-Nitinol sind es schon etwa 200 Euro. Und nimmt man deutsches Nitinol, liegen die Kosten bei rund 350 Euro.

Lohnt sich denn der Einsatz des teuren Nitinols, kann man damit die Leistung eines Schirmes verbessern?
Michael Nesler: Ja, bei richtiger Verwendung sogar deutlich.  Allerdings geht das auf Kosten der Sicherheit. Ein Schirm mit Nitinol-Stäbchen muss von Beginn an dafür entwickelt und getestet werden. Ersetzt man bei einem üblichen Schirm lediglich die Plastikstäbchen durch Nitinol-Drähte,  wird er durch die stabilere Profilnase zwar besser gehen. Aber es kann zu unvorhersehbaren Extremreaktionen kommen, die teilweise in der normalen Zulassung beim Testen nicht auftreten,  in Turbulenzen aber schon. 
  
Wenn Nitinol und Nylon gleich teuer wären, würdest Du dann heute schon alle Stäbchen-Schirme mit Nitinol bauen wollen?
Michael Nesler: Ja, auf jeden Fall.
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