Der bessere Nullwindstart

Wer heute bei Nullwind an Startplätzen steht, kann verschiedenste Vorwärtsstarttechniken mit unterschiedlicher Eleganz und Erfolg beobachten. Piloten der alten Schule, die schon vor mehr als zehn Jahren ihren Schein gemacht haben, sind es häufig noch gewohnt, wild drauflos zu rennen - in der Meinung, damit besser Luft in ihre Tüte zu bekommen. Doch das ist bei modernen Schirmen, deren Eintrittskante von Stäbchen aufgespannt wird, gar nicht mehr nötig. Es ist sogar kontraproduktiv, wie folgendes Lehr- und Vergleichsvideo des Littlecloud-Vertreters in Annecy zeigt.

Im Splitscreen werden jeweils Startmethoden mit unterschiedlichen Laufgeschwindigkeiten und unterschiedlicher Handhaltung gezeigt. Der Schirm ist zwar ein Miniwing von Littlecloud, doch auch normalgroße Schirme reagieren nicht viel anders. Schnell wird sichtbar: Das Losspurten von Anfang an verlängert die Laufstrecke und macht den Start viel unsicherer. Der Spurt sollte erst starten, wenn der Schirm schon über dem Piloten ist.

Interessant ist noch eine zweite Erkenntnis: Gemäß der DHV-Lehrmeinung wäre ein Start mit seitlich leicht nach hinten gestreckten Armen zu bevorzugen. Der Pilot führt dabei die Gurte nur sanft auf ihrem Weg nach oben. Das Video zeigt aber noch eine andere Technik, bei der der Pilot die Unterarme von Anfang an leicht nach oben angewinkelt hält, so als würde er die Uhrzeiten 10:10 oder 11:05 zeigen. Bei dieser Haltung der A-Gurte füllt der Schirm von Anfang an noch besser und steigt schneller. Zumindest bei Null- und gar leichtem Rückenwind verspricht das die größten Erfolge.

Allerdings (wenn auch im Video nicht gezeigt): Bei stärkerem Wind sollte man mit der 10:10-Technik sehr vorsichtig sein. Denn dann kann der Schirm beim Start dem Piloten die Arme schmerzhaft nach hinten reißen. Hier wäre wieder die Methode mit gestreckten Armen zu bevorzugen.

Auf jeden Fall lohnt es sich, einmal am Übungshang bei unterschiedlichen Windstärken auszuprobieren, wie sich der eigene Schirm bei den verschiedenen Aufziehtechniken verhält.

Das Video ist auf Vimeo zu sehen.


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6 Kommentare:

Thomas hat gesagt…

Endlich mal wird die Lehrmeinung des DAVs diesbezüglich korrigiert. Ich hatte die gleichen Erfahrungen mit großem Schirm im Zillertal am Penken gemacht. Nach tausend erfolglosen Startversuchen mit minimalen Rückenwind bekam ich den 10:10-Tipp von einem Tandempiloten. Das war gold wert! :)

Anonym hat gesagt…

Hallo Lucian,
das Video ist wirklich sehr interessant. Ich werde die 10:10 Technik einmal zusammen mit Peter testen und vergleichen.

Ich bin verfechter der "Arme lang nach hinten" - Technik. Meiner Meinung nach hängt es mehr von der Lauftechnik ab.
Grundhaltung: Arme lang nach hinten.
Lauftechnik: Impulsives Losgehen, Zug auf Leinen über Hüfte (Hauptkarabiner); nach der Aufrichtphase verlangsame (Schirm steigt); Minimales Abfangen (Schirm im Zenit); Kontrollphase; Beschleunigungsphase (Schrittlänge vergrößern).
Leider wurde in dem Video nur eine progressivsteigende Laufgeschwindigkeit angewand, was den Vergleich nicht ganz möglich macht.

Aber wie gesagt - ich werde die 10:10 auch mal testen um mich evtl eines Besseren belehren zu lassen :)

Danke für deine tollen Beiträge Lucian!

Gruß Simon Winkler (DHV-Lehrteam)

Lucian Haas hat gesagt…

Hey Simon,
schön, dass Du mitliest.

Die 10:10 Methode hat meiner Erfahrung nach Vor- und Nachteile.

Vorteil: Der Schirm füllt und steigt wirklich schneller/besser, was bei Null- oder gar Rückenwindstart viel bringt.

Nachteil: Bei stärkerem Wind von vorne wird es schwer für den Piloten, bei dieser Armhaltung dagegen zu halten. Das kann ordentlich am Schultergelenk reißen und birgt u.U. sogar Verletzungsgefahr. Hier würde ich auf jeden Fall auch die "Arme lang nach hinten"-Technik (ALNH) bevorzugen.

D.h.: Wenn der DHV eine 1-for-all Lösung beim Vorwärtsstart lehren will, dann ist ALNH sicher erste Wahl. Wer es differenzierter haben will, für den ist 10:10 bei Nullwind auf jeden Fall eine interessante Option. Du solltest Deine Technik-Vergleiche darum bewusst bei Nullwind machen!

Nicht umsonst heißt der Post "Der bessere Nullwindstart" und nicht "Der besser Vorwärtsstart".

Anonym hat gesagt…

Hey Lucian,

das werde ich auf jedenfall machen! Ich hoffe wir bekommen auch so ein schönes Vergleichsvideo hin. :)

Schönes Wochenende!

Gruß Simon Winkler

Ralf Münch hat gesagt…

Hallo Freiflieger,

der Nullwindstart ist der gefährlichste Start! Die vom Verband geforderte und einzig erlaubte Starttechnik in dem Zusammenhang ist meiner Meinung nach veraltet und naja....
Unsere Kurzleiner in dem Zusammenhang mit einem Langleiner zu vergleichen, finde ich nicht so ganz O.K., sind doch alle Schirmreaktionen, Pilotenverhalten nicht vergleichbar...Der LC Clip aus France zeigt aber nicht nur schön unseren Kunden einen kleinen Ausschnitt unserer Starttechniken, sondern regt anscheinend auch den DHV zum Nachdenken an... ;-)

swing high
Ralf Münch
www.littlecloud.de


Anonym hat gesagt…

Hallo,

ich habe bereits während meiner Ausbildung, rein intuitiv, bei Nullwind die 10:10 Methode verwendet. Wurde leider kritisiert, weil es nicht die übliche Lehrmeinung ist... Schön zu sehen, dass ich damit nicht verkehrt lag :)
Da ich jetzt eine Lizenz habe, kann ich starten wie ich will - bei Nullwind 10:10 - bei stärkerem Wind mit Armen nach hinten.
Für mich ist das sehr intuitiv - bei Nullwind will ich die Kappe aktiv unterstützen, bei 10:10 ziehe ich den Schirm eben mehr an der Nase hoch und er steigt schneller.
Mit etwas Wind ist das nicht nötig. Bei Wind will ich eher den Wind-Druck an den Gurten/Karabinern spüren und mit dem Körper, nicht mit den Armen dagegen kämpfen.
Danke für das Video.
Ich bin froh, dass meine Intuition noch etwas taugt.

Wünsche allen gute Starts und sanfte Landungen.

Grüße, Adam