Torsten Siegel: Über Glück und alte Hasen

Torsten Siegel mit den Nationalmannschaftskollegen
Ulrich Prinz (hinten) und Pepe Malecki (rechts) bei
der Siegerehrung der Weltmeisterschaft 2015 // Quelle: DHV

Bei der Gleitschirm-WM im kolumbianischen Roldanillo wurde Torsten Siegel kürzlich mit dem deutschen Team nicht nur Weltmeister. Er belegte auch in der Einzelwertung den Dritten Platz. Im Rund der Piloten nimmt er eine Sonderstellung ein: Als Konstrukteur - früher bei Swing, heute bei Gin - fliegt er im Wettbewerb immer Modelle, die er selbst mit konstruiert hat. Im lu-glidz-Interview spricht er über seine Erlebnisse in Kolumbien, den Einfluss von Schirm und Gurtzeug auf die Leistung und über die Zukunft der CCC-Klasse.


Torsten, Du fliegst schon seit 21 Jahren Wettbewerbe. Jetzt hagelt es plötzlich Erfolge. Europameister 2014, Team-Weltmeister 2015, 3. Platz in der WM-Einzelwertung. Woher kommt die neue Konstanz?
Torsten Siegel: Konstant war ich früher auch schon, hatte vielleicht nur etwas weniger Glück. In den Jahren 2008 bis 2010 bin ich ziemlich konstant auf den 5. Platz geflogen. Damals hat Xavier Murillo, der 2011 verstorbene Direktor des Paragliding World Cup, zum Spaß schon Wetten darauf abgeschlossen und vor den Wettbewerben gesagt: Den 5. Platz können wir gleich Torsten geben. Zu dieser Zeit hatte ich sehr gutes Material, genau wie jetzt. Nur dass damals immer wieder mal das Quäntchen Glück gefehlt hat. Darüber kann ich mich in der letzten Saison und bei der WM nicht beklagen. Wenn man ehrlich ist, dann gibt es immer wieder Momente wo man zu sich sagt: Das hätte jetzt auch dumm ausgehen können. Konstanz hängt also vom Material, den eigenen Fähigkeiten und einem Glücksfaktor ab. Wenn man 21 Jahre dabei ist, dann steht der Glücksfaktor irgendwann mal auf deiner Seite.

Welchen Anteil siehst Du in Deinem Wechsel 2013 von Swing zu Gin?
Torsten: 99 Prozent.

Du hast Deinen Wettbewerbsschirm, den Boomerang 10, selbst mitkonstruiert. Was unterscheidet ihn technisch vom Boomerang 9, wo liegen die Fortschritte?
Torsten: Als die Offene Klasse nach den Unfällen bei der WM in Spanien innerhalb einer Woche quasi abgeschafft wurde, mussten die ersten EN-D Zwei-Leiner unter einem enormen Zeitdruck entwickelt werden. Mittlerweile verstehen wir die Flügel immer besser. Und da ich mit Gin sehr eng zusammenarbeite, finden wir für viele Punkte neue Lösungsansätze und Ideen. Daher gab es im konstruktiven Bereich unzählige neue Detaillösungen in Verbindung mit einem großen Entwicklungsschritt in der Equalized Pressure Technology (EPT). Unser Schweizer Profilentwickler Koni Schafroth hat für den Boomerang 10 geniale Profile entwickelt, die uns bei der Konstruktion neue Möglichkeiten geben.

Gin hat mit dem Boomerang 10 leistungsmäßig sichtbar mit Ozones Enzo 2 gleichgezogen. Niviuk hingegen erscheint in puncto Leistung, aber auch den Verkaufszahlen seines Icepeak 8 etwas abgeschlagen. Glaubst Du, dass sich die CCC-Klasse künftig de facto auf zwei Hersteller konzentrieren wird?
Torsten: Bei der WM gingen die Schirme der neuen CCC-Klasse zum ersten Mal an den Start. Im Vorfeld hat allerdings die CIVL-Arbeitsgruppe für Verwirrung gesorgt. Sie hat das Anfang 2014 verabschiedete Regelwerk in der Version 2.0 mehrfach geändert und erst kurz vor dem WM-Stichtag für die letzten Zulassungen die finale Version 3.8-V8 präsentiert. Daher gab es bei uns viele offene Fragen, und ich denke bei den anderen Herstellern auch. Das hat sicher viele Hersteller abgeschreckt, extra einen Schirm in drei Größen für die WM zu entwickeln. Ich persönlich fände es sehr schade, wenn sich das Feld jetzt auf zwei Hersteller reduzieren würde. Es ist schwierig zu sagen, wie Niviuk mit der Situation umgehen wird und was von den anderen Herstellern zu erwarten ist. Wir werden sicher ein paar neue Modelle sehen. Ob die dann aber leistungsmäßig ganz vorne mithalten können, wird sich zeigen.

Die Hürden für den Neueintritt anderer, kleinerer Marken in den CCC-Markt ist mit der Vorgabe, mehrere Größen testen zu lassen, allein schon von den Kosten relativ hoch. Viele werden vermutlich das Risiko scheuen. Sollte hier der CCC-Ansatz nochmals überdacht werden?
Torsten: Auf alle Fälle. Für die EM 2016 müssen die Hersteller laut Plan sogar vier Größen zulassen. Das ist einfach nur verrückt. Die kleinen Marken beleben die Szene und die CIVL sollte alles erdenkliche tun, damit wieder mehr Hersteller in den Top-Wettbewerben vertreten sind.

Alle Welt spricht immer über die Schirmleistung. Welche Rolle spielen eigentlich die neuen Race-Gurtzeug mit den großen Heckflossen. Zeigen sich auch dort Unterschiede zwischen Ozones Exoceat, Gins Genie Race etc.?
Torsten: Ich bin mir sicher, dass viele Piloten die Leistungssteigerung durch optimierte Gurtzeuge und Pilotenpositionen unterschätzen. Niviuk hat mit dem "Drifter" meiner Meinung nach das beste Gurtzeug entwickelt, wenn es um die Leistung geht. Heli Eichholzer ist damit bei der WM geflogen und war mit seinem kleinen Enzo 2 extrem stark. [Anm.: Heli kam auf Platz 4, einen Punkt hinter Torsten.] Mit dem Genie Race 3 hat Gin letztes Jahr auch einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht. Wir haben erstmals vollständige Computersimulationen des 3D-Modells durchgeführt. Die Erkenntnisse sind erstaunlich und belegen, wie wichtig die aerodynamischen Gurtzeuge sind. Die Unterschiede zwischen Ozone, Niviuk und uns sind sicher gering und hängen auch stark davon ab, wie der Pilot sein Gurtzeug eingestellt hat. Ich kann nur sagen, dass ich mit meinem Gurtzeug und einer sehr flachen Einstellung sehr zufrieden bin.

Das deutsche Team hat in Roldanillo sehr konstant gepunktet. In manchen Kommentaren im Web war vom “alten” deutschen Team zu lesen. Neben Dir sind ja auch Pepe Malecki oder Ulrich Prinz schon gefühlte Ewigkeiten in der Nationalmannschaft dabei. Wie wichtig ist es, bei einem so intensiven Wettbewerb ein “alter Hase” zu sein?
Torsten: Das ist relativ. Am Ende haben ja die jungen Burschen zumindest die Einzelwertung der WM gewonnen. [Anm.: Weltmeister Honorin Hamard ist 22, der Zweitplatzierte Michael Maurer 24 Jahre alt.] Also kann es nicht von Vorteil sein. Ich denke, dass es eher eine Frage der Persönlichkeit ist. Piloten, die ruhig und abgeklärt sind, fliegen meiner Meinung nach besser. Einige haben das schon in jungen Jahren, bei anderen stellt sich das mit dem Alter ein und dann gibt es noch Piloten, die dagegen renitent sind.

Haben verschiedene Piloten im deutschen Team bei so einem Wettbewerb auch unterschiedliche taktische Aufgaben. War es zum Beispiel abgesprochen, dass Martin Petz öfter vorprescht und so die Geschwindigkeit erhöht?
Torsten: Wir sind ein sehr individuelles Team und haben die Aufgaben zusammen vor dem Start besprochen. Danach ging aber jeder seinen Ideen nach. Wir haben schließlich alle schon ziemlich viel Erfahrung. Dass Martin Petz hie und da den Hasen gespielt hat, ergab sich bei einigen Durchgängen. Und nachdem er einmal einen ganzen Pulk durch einen zu tiefen Endanflug ins Verderben gestürzt hatte, machten wir jeden Tag Späße über neue Finten und wie wir die in der Luft anzeigen. So oder so, uns allen hat das Fliegen extrem viel Freude bereitet. Das war wohl die beste Taktik: Spaß am Fliegen.

In Roldanillo wurden zehn Tasks geflogen. Geht so etwas auch körperlich an die Substanz, oder kann das ein erfahrener Wettbewerbspilot einfach wegstecken?
Torsten: Bei Gin haben wir mal an einem Tag 29 Testflüge an der Winde gemacht. Das geht nach ein paar Tagen an die Substanz. Zehn Tasks bei einer WM sind dagegen wie Urlaub!

In vielen Kommentaren war zu lesen, Roldanillo sei der perfekte Ort für eine WM. Siehst Du das auch so?
Torsten: Was das Wetter angeht - mit Sicherheit. Bei den Aufgaben kam allerdings hie und da etwas Langeweile auf. Da hätten die Tasksetter mehr Mut an den Tag legen können. Und nach zwei Wochen hat sich das Fluggebiet auch etwas erschöpft. Da gibt es sicher andere Gegenden, die etwas mehr bieten. Aber ich jammere jetzt auf hohem Niveau.

Bei der WM dominierte die große Pulkfliegerei. Macht Dir das Spaß, oder gefallen Dir eher technisch und taktisch anspruchsvollere und selektivere Gelände und Aufgaben?
Torsten: Mit einer kleinen Gruppe, sagen wir acht bis zwölf sehr guten Piloten, macht das Pulkfliegen extrem viel Spaß. In Roldanillo war das aber extrem. Die Pulks waren riesig und einige Jungs flogen mit den Messern zwischen den Zähnen hindurch. Nach einer Weile war das eher nervig.

In Roldanillo gab es zahlreiche Zusammenstöße in der Luft samt Retterabgängen. Ist das auch Folge der großen Pulks? Wie ließen sich solche Vorkommnisse vermeiden?
Torsten: Das ist sicher ein Problem der großen Pulks und der sehr engen Punktabstände, die dann über einen Podiumsplatz entscheiden. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das Feld bereits vor dem Start zu entzerren. Die CIVL sollte darüber nachdenken, ob sie nicht einen Berater für das Tasksetting bereitstellt, der über viel Erfahrung verfügt und genau diese Punkte mit einfließen lässt.

Du hast jetzt viel erreicht im Wettkampfleben. Wirst Du dich nun auf Deinen Lorbeeren ausruhen und jüngeren Piloten Platz machen, oder bist Du jetzt erst Recht motiviert? Torsten: Als ich mein Diplom in der Tasche hatte, wollte ich eigentlich nur zwei, drei Jahre im Gleitschirmbereich arbeiten. Jetzt sind es etwas mehr geworden. Aktuell haben wir bei Gin Gliders ein fantastisches Team mit vielen jungen Piloten. Es macht Spaß, die ganze Erfahrung weiterzugeben und mit den Burschen neue Sachen zu entwickeln. So lange wir in der CCC-Klasse aktiv sind und ich die Schirme selbst teste, werde ich sicher noch ein wenig in der Weltgeschichte rumfliegen.

In Deutschland geben jedes Jahr laut DHV-Angaben rund 2000 Gleitschirmpiloten ihr Hobby auf. Was hast Du als Tipp, um die eigene Motivation hoch zu halten?
Torsten: Ich habe 1989 gemeinsam mit meinem Bruder das Gleitschirmfliegen angefangen. Er hat sich dann mehr für das Segelfliegen interessiert, ist aber immer noch mit dem Gleitschirm unterwegs. Natürlich musste er immer die Modelle fliegen, die ich mit entwickelt hatte. Schlauerweise ist er immer den unteren Klassen treu geblieben. Dadurch hat er den Spaß am Gleitschirmfliegen nie verloren. Ich denke, dass vielen Piloten der Spaß abhanden kommt, weil sie auf zu anspruchsvolle Modelle umsteigen und dann das Vertrauen und damit die Motivation verlieren.

Womit beschäftigst Du Dich, wenn Du mal nicht Gleitschirme fliegst oder konstruierst?
Torsten: Wenn du für eine koreanische Gleitschirmfirma arbeitest gibt es neben Gleitschirm fliegen und konstruieren nur Gleitschirm fliegen und konstruieren.

Du lebst in Kanada, arbeitest aber häufiger bei Gin in Korea, fliegst Wettbewerbe auf der ganzen Welt. Auf wie viele Flugkilometer in Linienmaschinen kommst Du so pro Jahr?
Torsten: Letztes Jahr habe ich den Senator-Status bei Lufthansa ganz knapp verpasst.
[Anm.: Den Senator-Status gibt es ab 100.000 Flugmeilen]


Wenn Du Dir noch einen Traum erfüllen könntest, welcher wäre das?
Mit Norman Lausch, Mathias Roten, Rafal Luckos und Florian Haller ein Landebier trinken.
[Anm.: Es handelt sich um frühere Wettbewerbspiloten, die alle bei Flugunfällen ums Leben kamen.]

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