Der Super-Samstag

Wolkenstraßen auf dem Weg von der Rhön nach Frankreich. // Quelle: XContest, Greg Blondeau
Es gibt Tage, an denen die großen Strecken ausgerufen und sogar von einigen auch geflogen werden. In den Alpen kommt das häufiger vor. Hammertagalarm. Dann tingelt und trifft sich die klassische Streckenfliegergemeinde an zentralen Startplätzen wie beispielsweise der Grente. Im deutschen Flachland ist das seltener. Doch umso faszinierender, wenn es auch dort einmal ähnlich funktioniert. Der vergangene Samstag, 18. April, war so ein Tag.

Gleich sieben 200er standen am Ende in der Tageswertung des XC-DHV. Vier am Kreuzberg in der Rhön gestartet, drei am Hesselberg. Ein achter Flug, im Xcontest geladen, war allerdings der Weiteste: Der Franzose Greg Blondeau war eigens zum Kreuzberg angereist, um von dort aus einmal nach Frankreich zurück zu fliegen. Das ist ihm nicht nur eindrücklich gelungen, am Ende standen sogar 275km auf dem Tacho. Chapeau!

Ähnlich eindrücklich auch die Flüge von Oliver Ditschke (264 km) und Armin Harich (244 km), die ebenfalls die Grenze nach Frankreich passierten. Armin gelang dieses Kunststück sogar, obwohl er bei seinem ersten Versuch noch nach 13 km abgesoffen war, mit dem Taxi zurück zum Startplatz fuhr und dann erst spät um 12 Uhr zur Langstrecke starten konnte. (Unter den Kommentaren im XC-DHV ist ein ausführlicher Flugbericht von Armin zu lesen).

Die Kunst für diesen Tag bestand auch darin, die guten Bedingungen frühzeitig zu erkennen und sich entsprechend auf Startplatzwahl und Route vorzubereiten. Für diesen Samstag hatten die meisten Wetterberichte schon Tage im voraus gute Flugbedingungen gemeldet.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für gute thermische Verhältnisse im Flachland ist die Zufuhr von kalter, trockener Höhenluft in einem frischen Hoch. Je kälter und je trockener die Höhenluft daher kommt, desto früher, besser und länger werden die Thermiken starten und anhalten. Vor allem zum Abend hin wirkt sich das nochmals positiv aus. Wenn aus den Wäldern auch bei tiefstehender Sonne große feuchtere Thermikblasen aufsteigen, werden diese in der kalten, trockenen und deshalb dichteren Höhenluft noch lange hochreichende Steigzonen bieten. Die Landezeit von Oliver Ditschke um 19:40 Uhr zeigt das sehr eindrücklich.

Aequivalenz-Potenzial-Temperatur: Bläuliche Bereiche
deuten auf thermikträchtige Luftmassen hin.
Um solche Tage im voraus zu erkennen, lohnt ein Blick auf die 850 hPa Modellkarten der Aequivalenz-Potential-Temperatur, wie sie u.a. bei der Wetterzentrale zu finden sind. Diese Karten zeigen die Temperatur der Luftmassen in rund 1500m Höhe, allerdings mit zwei Besonderheiten: Zum einen wird die Luft als erstes "trockengerechnet", d.h. die enthaltene Feuchtigkeit wird rechnerisch komplett "auskondensiert" und die dabei frei werdende Kondensationswärme der Temperatur zugeschlagen. Als zweites wird diese Temperatur der ausgetrockneten Luft dann noch auf Meereshöhe umgerechnet, d.h. durch die adiabatische Erwärmung beim Absenken von 1500 auf 0 Meter kommen nochmals 15°C hinzu. Je kälter und je trockener die Höhenluft ist, desto niedriger wird am Ende die Aequivalenz-Potential-Temperatur sein. Regionen mit niedriger Aequivalenz-Potential-Temperatur sind grundsätzlich sehr thermikträchtig, zumindest wenn es am Tag genügend Sonneneinstrahlung gibt, die den Erdboden erwärmen kann. Das war am Super-Samstag gegeben.

Wolkenstraßen im Thermikprognosemodell. // Quelle: Meteo-Parapente.com
Für weite Strecken im Flachland braucht man allerdings nicht nur gute Thermik, sondern am besten auch relativ kräftigen, aber unten rum immer noch startbaren Wind. Der Windversatz bringt einem Piloten selbst beim Kurbeln noch weiteren Streckengewinn. Zudem können sich lange Wolkenstraßen bilden, die dem Piloten helfen, die Zonen mit dem besseren Steigen zu identifizieren.

Dass es Wolkenstraßen geben könnte, ist übrigens auch vorab in passenden Wetterkarten zu erkennen gewesen. Hier mal als Beispiel die Darstellung der niedrigen Bewölkung, wie sie für Samstag auf der Seite www.meteo-parapente.com prognostiziert war. Sehr schön ist dabei zudem die Drehung des Windes zu sehen. Eher Nordost in der Mitte Deutschlands (Kreuzberg) und dann gen Südwesten auf Ost drehend. So gebogen wie die Wolkenstraßen waren am Ende auch die Flugrouten des Tages.

Hinweis: Die Prognosen sind niemals so genau, dass man aus den Karten die exakte Lage von Wolkenstraßen ablesen könnte. Die Darstellung der Wolkenstraßen sollte man nur als grundsätzlichen Hinweis auf besonders streckenträchtige Bedingungen im Flachland sehen.

In eigener Sache: Hat Dir dieser Bericht gefallen oder etwas gebracht? Dann unterstütze lu-glidz doch mit einer Spende.
Share on Google Plus

2 Kommentare:

Ralf Münch hat gesagt…

Ist nicht das Rückseitenwetter mit dem gleichen potenzial ausgestattet aber wesentlich sicherer zu fliegen für die breite Maße der Piloten... ;-)

swing high
Ralf

Lucian Haas hat gesagt…

Ralf, der Samstag war "Rückseitenwetter" der Kaltfront, die am Freitag über D gezogen war und Samstag auch noch an den Nordalpen hing. Der Begriff Rückseitenwetter bedeutet nicht automatisch, dass es auch gut fliegbar für Gleitschirme ist. Kann immer noch mit kräftigem Wind und kräftiger Thermik einher gehen.