Von den Untiefen der Safety-Class

Seit knapp vier Jahren agiert der DHV nicht nur als Musterprüfstelle für Gleitschirme nach LTF- und EN-Norm. Er führt auch vom Herstellerauftrag unabhängige Safety-Tests durch. Im Stile einer Stiftung Warentest kauft der DHV Gleitschirme der A- und B-Klassen am Markt und lässt sie dann von seinen Testpiloten ohne die einschränkenden Prüfvorgaben der EN-Norm hart rannehmen.

Richtig große Front- und Seitenklapper werden gezogen, am äußersten Rand oder sogar weit über die EN-Klapperfelder hinaus. Es wird spiralt, so weit der Schirm es mitmacht. Eine spezielle Loggertechnik zeichnet dabei Abdreh- und Vorschießwinkel, G-Kräfte und Höhenverlust rigoros auf. Am Ende werden nach einem vorgegebenen Bewertungsschema (xls-Datei) Noten zwischen 1 und 5 vergeben. Wobei die schlechteste davon schließlich die Endeinstufung des Schirmes in eine Safety-Class bestimmt.

Das Ansinnen des DHV mit diesen Sicherheitstests ist ehrenwert. Die Safety-Class-Einstufung soll Piloten dabei helfen, den allgemeine Sicherheitscharakter eines Schirmes besser einschätzen zu können - d.h. Informationen zu geben, die aus den klassischen EN-Tests nicht herauszulesen sind. Wenn ein Schirm zu besonders heftigen Klappern mit Gegenklappern tendiert, wenn große Frontklapper stabil bleiben und einen Piloteneingriff erfordern, wenn bei einer Steilspiralen nach Freigabe der Bremse der Schirm erst einmal massiv zu bohren beginnt, so sind das wertvolle Hinweise darauf, dass ein vielleicht nach EN-Vorgaben gutmütig erscheinender Schirm auch seine fiesen Seiten haben kann. So etwas kann und sollte die Kaufentscheidung eines Piloten durchaus mit bestimmen.

Im Alltag zeigt sich aber, dass die Safety-Tests zu einer verzerrten Wahrnehmung führen können. Immer wieder werden Schirme durch das starre Bewertungsschema als besonders sicher oder vergleichsweise unsicher abgestempelt, obwohl das mit der Erfahrung in der Flugpraxis nicht zwingend übereinstimmt.

Ein plakatives Beispiel ist der Test des Paratech P12: Obwohl er ein A-Schirm ist, rutschte er in die niedrigste Safety-Class 5. Wie konnte das passieren? Bestnoten beim seitlichen Einklapper, gute Sicherheitsnoten beim Frontklapper, aber eine Note 5 in der Steilspirale. Liest man die Testbeurteilungen im Detail, kam der P12 auch in der Steilspirale in fast allen Teilbeurteilungen auf Noten zwischen 1 und 3. Zum Verhängnis wurde ihm nur, dass er im Test (ohne Piloteneingriff) mehr als 720 Grad nachdrehte. Zwar ist sein Höhenverlust bei der Ausleitung nur mäßig (Note 2), dieses Nachdrehen somit auch nicht zwangsläufig gefährlich. Insgesamt sollte der P12 eigentlich als einer der sichersten A-Schirme gelten. Dennoch reicht die eine Teilnote aus, um dem Schirm in der DHV-Datenbank als Safety-Class 5 abzuqualifizieren.

Ein anderer Fall mit umgekehrtem Ausgang ist der Test des UP Ascent 3: Es ist ebenfalls ein A-Schirm, der aber sowohl bei Seiten- und Frontklapper als auch bei der Steilspirale die Testnote 2 erhielt und somit als Schirm der Safety-Class 2 als besonders anfängertauglich erscheint. Interessant wird es aber, wenn man in der erweiterten Schirm-Beschreibung des Safety-Tests auf folgende Passage stößt: "An der Gewichtsuntergrenze sollte man aktiv auf Steuerdruckänderungen reagieren, um nicht unbeabsichtigt einen Strömungsabriss bei bewegter Luft zu provozieren. Generell war das Handling selbst im mittleren Gewichtsbereich sehr träge. Gewollt rasche Kurvenwechsel in bewegter Luft mussten mit großer Vorsicht durchgeführt werden, um keinen Strömungsabriss zu provozieren. Dies wurde durch das Hebeln der Kappe begünstigt." Autsch! Ein A-Schirm, der vom Anfänger offenbar schon aktives Fliegen verlangt, damit nicht unbeachsichtigt die Strömung abreißt. Nur: Ein solches Urteil hat keinen abwertenden Einfluss auf die Sicherheitsklasseneinstufung.

Verkehrte Welt? Zumindest leider würdig, kritisiert zu werden. Der plakative Einsatz von Schulnoten, der von der Idee her die Stärke der DHV-Safety-Tests sein sollte, entpuppt sich tatsächlich als dessen Schwäche. Die überbügelnden Gesamtnoten lenken ab von der hervorragenden Arbeit, die das DHV-Sicherheitsreferat bei diesen Tests gerade im Detail leistet.

Es gibt keine anderen Gleitschirm-Testformate, die messtechnisch so aufwendig und aufschlussreich zu Werke gehen. In den Begleittexten der Safety-Tests beschreiben die DHV-Piloten erfrischend ehrlich die wahrgenommenen Stärken und Schwächen eines Schirmmodells, machen Anmerkungen zu Startverhalten und Handling. Doch welcher Ottonormalpilot kümmert sich noch um die Details, liest aufmerksam das Kleingedruckte, wer hinterfragt die Bedeutung einzelner Teilnoten für den eigenen Fliegeralltag, wenn eine zusammenfassende Gesamtnote (die sich immer nur am schlechtesten Teilwert orientiert) scheinbare Sicherheit oder Unsicherheit vorgaukelt?

Lesetipp: Über die Einschätzung der DHV-Safety-Tests aus Sicht eines Sicherheitstrainers hat Chris Geist kürzlich einen informativen Beitrag auf den Internetseiten der Paragliding Academy veröffentlicht: EN, LTF, Safety-Class - Welcher Gleitschirm ist sicher?
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3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der DHV sollte wirklich das Abreißverhalten mitbewerten, schließlich ist es eine der häufigsten Unfallursachen! Mittlerweile haben die Tests immerhin eine verbale Aussage darüber drin. Es sollte aber Teil der SC-Bewertung werden, also analog zu den Klappern mit diesen Parametern:
Steuerweg
Steuerkraft
Sackflugfenster
Schießwinkel
Höhenverlust
Richtungsänderung

Weiters sollte daran gearbeitet werden, dass man auch die aktive Sicherheit eines Schirmes beschreiben kann. Solche Dinge wie die Kontrollierbarkeit oder das Risiko einer Überreaktion im Falle einer Störung.

Vielleicht ist das aber auch das Privileg der journalistischen Schirmtests.

Gruß, Sebastian

Anonym hat gesagt…

Ähnliches wollte ich auch anmerken:
Pilotenfehler werden nicht berücksichtigt. Typische Falschreaktionen könnten simuliert werden und sollten in die Bewertung einfließen. Dass gerade ein Anfänger bei beispielsweise einem großen Klapper gar nichts unternimmt, ist eher unwahrscheinlich.

Bemerkenswert ist auch, dass der DHV in diesem Kontext weiter von "Sicherheit" bzw. "Safty" spricht, wo es keine gibt. In eigentlich allen anderen Outdoorsportarten spricht man mittlerweile von "Risikomanagement" oder "Risikominimierung".

Anonym hat gesagt…

Eine einzige "Note" ist eben nicht geeignet das vielschichtige Verhalten eines Gleitschirms zu beschreiben. Die Safety-Class-Tests an sich empfinde ich allerdings als extren nützliche Informationsquelle, man muss sich eben die Zeit nehmen und die Testberichte im Detail lesen.