"Leichtschirme sind schöner zu fliegen"

Wo liegen Vor- und Nachteile von Leichtschirmen gegenüber Standardversionen? Russel Ogden kennt als Testpilot bei Ozone beide Welten und spricht über seine Erfahrungen 

Russel Ogden vom Konstruktionsteam von Ozone.
// Quelle: Youtube
Ozone ist neben Air Design der einzige Hersteller, der von fast jedem Schirm seiner Modellpalette auch eine Leichtversion anbietet. Mojo - Jomo, Buzz - Geo, Rush - Swift, Delta - Alpina heißen die Paarungen. Einer, der sie alle geflogen hat, ist Russel Ogden. Er bevorzugte am Ende stets die Leichtversionen, verrät er im Gespräch mit Lu-Glidz. Nennenswerte Nachteile der für die Schirme verwendeten leichteren Tücher sieht er nicht - zumindest solange man darauf achtet, dass sie trocken bleiben.

Russel, es gibt keine offizielle Definition dafür, was "leicht" bei der Entwicklung von Gleitschirmen heißt. Was sind die wichtigsten baulichen Charakteristika, die einen Leichtschirm ausmachen - außer einem geringen Gewicht?
Russel Ogden: Das hängt von der Art des Schirmes ab. Aber es geht um mehr als nur um den Austausch des Tuchmaterials. Der Aufbau der inneren Strukturen hat auch einen großen Einfluss auf das Gewicht. Und hier kann man so viel oder so wenig wie nötig optimieren.

Worin liegen die Vorteile des Leichtbaus? Was macht eine Jomo besser als ein Mojo?
(Anm.: Der Jomo ist die Leichtversion des A-Schirms Mojo 5 von Ozone)
Russel Ogden: Es gibt viele Vorteile. Ein kleineres Packmaß, leichter zu tragen, einfacheres Aufziehen, geringerer Bremsdruck, ein direkteres Handling, man fühlt die Luftbewegungen besser. Im Allgemeinen sind für meinen Geschmack die Leichtschirme schöner zu fliegen als die Standardversionen.

Gibt es beim Flugverhalten auch Vorteile für schwerere Schirme, oder bevorzugst Du immer die leichtere Version, wie zum Beispiel einen Alpina 2 gegenüber dem Delta 2?
Russel Ogden: Das einzige, was mir dabei in den Sinn kommt, ist dass schwerere Schirme Luftbewegungen gedämpfter an den Piloten weitergeben. Für nervös veranlagte Piloten ist es angenehmer, die Standardversion anstelle der leichten Variante zu fliegen. Im Gegenzug gilt: Wer mehr Rückmeldung will, sollte auf die leichtere Option setzen.

Leichtschirme basieren typischerweise auf leichten Tüchern wie Skytex 27. In den vergangenen Jahren hat sich deren Qualität deutlich verbessert. Gibt es noch nennenswerte Nachteile gegenüber Standardtüchern, abgesehen von einer etwas geringeren Reißfestigkeit?
Russel Ogden: Der einzige echte Nachteil, den wir bei Ozone noch sehen, ist, dass Leichttücher empfindlicher reagieren auf Feuchtigkeit und dadurch schneller Schaden nehmen, vor allem bei Kontakt mit Salzwasser.

Mal ehrlich - um wie viel geringer ist die Lebensdauer eines Leichtschirmes im Vergleich zur Standardvariante - bei einer identischen Nutzung im Alltag?
Russel Ogden: Das wissen wir ganz ehrlich gesagt nicht. Das lässt sich unmöglich abschätzen, weil jeder Schirm seine eigene Nutzungsgeschichte hat. Da können beim identischen Modell aus den gleichen Materialien große Unterschiede auftreten. Die Art der Nutzung und die atmosphärischen Verhältnisse haben den größten Einfluss auf die Lebensdauer. Wenn man einen Leichtschirm immer trocken halten kann, sollte er unserer Erfahrung nach nahezu so lange halten wie ein normalgewichtiger Schirm. Ich kann aber nicht sagen, wie lang "nahezu" tatsächlich ist.

Was sind die größten Herausforderungen für die Konstrukteure, wenn man von einem normalen Schirm noch die Leichtvariante entwickelt?
Russel Ogden: Das hängt davon ab, wie viel Gewicht man sparen will und wie viel interne Strukturen man für den Zweck noch als absolut nötig erachtet. Als wir zum Beispiel versucht haben, den Ultralite noch leichter zu machen, blieb uns als einzige Option noch, das Untersegel wegzulassen. Die Entwicklung des ersten Single-Surface-Schirmes XXLite war dann aber noch ein gehöriges Stück Arbeit. Andere Schirme wie der Jomo haben nur etwas abgewandelte interne Strukturen und Bauweisen, erfordern also keine ausgedehnten Testflüge mehr, weil wir diese Arbeit schon bei der Entwicklung der Standardversion getan haben. Natürlich erlebt man auch mal Überraschungen. Deshalb versuchen wir so viele Flugstunden wie möglich mit den Leichtversionen zu sammeln bevor wir die Schirme auf den Markt bringen.

Manche Firmen wie beispielsweise Advance setzen heute auf leichte Normalschirme und vermarkten sie als "semi-light". Sie basieren auf Standardtüchern, haben aber einen stark optimiertes Innenleben. Nova hat angekündigt, dass es vom ähnlich gewichtsoptimierten Ion 4 keine Leichtvariante mehr geben soll. Gehört solchen Hybridbauweisen die Zukunft?
Russel Ogden: Es ist allgemein bekannt, dass niedrige Schirmgewichte Vorteile bringen. Deshalb macht es Sinn, den Materialeinsatz in allen Bereichen weiter zu optimieren. Ich sehe keinen Grund, warum sich das in Zukunft ändern sollte.
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6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Jemand aus dem Gradient Team sagte mir, dass die Lebensdauer einer Leichtversion des Nevada ca. 70% einer Standartversion entspricht, rein technisch gesehen. Der Umgang und die Pflege sind da die entscheidenden Faktoren natürlich.

Stani

Lucian Haas hat gesagt…

Stani. Ich habe bei Nachfragen bei diversen Herstellern dazu, wie sich die Lebensdauer von Leichtschirmen zu Standardschirmen unterscheidet, Angaben zwischen 0 und 50% erhalten. Hier spielt auch mit rein, dass es keine genaue Definition für "Schirm-Lebensdauer" gibt. Ist ein Schirm am Ende, wenn er sicherheitstechnisch gegroundet gehört, oder wenn auch der (Second-Hand-)Markt ihn nicht mehr will?

Wenn man damit rechnen würde, dass ein Standardschirm für 300 Flugstunden taugt, sollte ein Leichtschirm im schlechten 50%-Fall 150 h erreichen können. Die meisten Piloten kommen aber kaum auf über 30h pro Jahr. Sie könnten so einen Schirm durchaus 5 Jahre lang fliegen. Da sich die meisten Piloten auch nach 4-5 Jahren einen neuen Schirm kaufen, hätten sie vom Leichtschirm tatsächlich keinen Nachteil - außer vielleicht, dass der Second-Hand-Markt für ältere Leichtschirme so gut wie nichts hergibt.

Für Vielflieger (XC), die wirklich viele Stunden in der Luft verbringen, sollten Leichtschirme auch kein Problem darstellen. Denn es ist weniger die Flug- als die Packweise (Lagerung), die heutigen Tüchern zusetzt. 20 Flüge á 4h können im Grunde weniger "schädlich" sein als 40 Flüge á 1h, denn im zweiten Fall wurde der Schirm doppelt so häufig über den Boden gezogen, eng gefaltet, möglicherweise feucht eingepackt etc.

Die Rechnung, gerade beim Second-Hand-Kauf, hat halt viele unbekannte.

Anonym hat gesagt…

@ Lucian

Leichtschirm hat seine Vorteile wie besseres Steigen gegenüber der Standartversion (hat mir der selbe MA mitgeteilt) so wie weniger dynamisch, leichter zu tragen usw. Und dass die meisten Piloten wohl kaum über die besagten 30 Std/Jahr hinausfliegen, da stimme ich dir zu. Jedoch bietet die Standartversion Vorteile, die einem Normalo-Flieger mehr in die Karten Spielen, als eine Leichtversion.

Leinen zum Beispiel, ummantelte sind um Welten besser geschützt als unummantelte, welche dazu noch zum ringeln und sich an unmöglichsten Dingen zu verhängen neigen, vom Erkennen im Gras o.ä. ganz zu schweigen. Soll jeder selbst versuchen, eine Bremsleine (man bekommt seine alte nach dem Check zurück) an einem Stein aufzureiben. Das Tuch ist wesentlich stabiler: musste in einem abgemähten Feld (Weizen) landen und mir ist der Schirm volle Lotte mit der Kante in die Stängel! War nicht ein Loch drin. Eine Baumlandung mitgemacht, ebenso hat es das Tuch unbeschadet überlebt. Fazit: einfach langlebiger.

Was das Packen betrifft: es hat sich als richtig herausgestellt, den Schirm sehr locker und ohne Kompressionsband zu packen, immer trocken und dunkel versteht sich von allen. Zum trocknen hänge ich den als an die Decke in ein Matratzenüberzug locker gewickelt, max. 2 Tage dann ist der trocken. Da hält der Schirm um X länger. Den Fehler mit eng packen, transportieren usw. mache ich sicher nicht noch mal.. Mein armer Bright..

Ein Vorteil eines Leichtschirmes vermisse ich dann doch: es soll sich viel besser und leichter aufziehen lassen. Hier im Flachen bei den Startplätzen wünsche ich mir es jedes Mal :)

Stani



Richman hat gesagt…

Hat jemand mehr Information darueber warum die leichten Tuecher bei Feuchtigkeit schneller altern und was da passiert.
Loest sich die Beachichrung?
Verzieht sich das Tuch?

Lucian Haas hat gesagt…

Richman, Feuchtigkeit ist für alle Tücher schlecht, weil sie diverse chemische Alterungsprozesse beschleunigt. Durch Hydrolyse kann unter anderem die Beschichtung vom Nylon gelöst werden. Da die leichten Tücher zum Teil mit dünneren Fäden, v.a. aber auch durch eine weniger dichte Webart ihr geringes Gewicht erreichen, kommt hier dem Zusammenspiel von Nylon und Beschichtung eine noch größere Bedeutung zu. Ist die Beschichtung gestört, verlieren diese Stoffe schneller ihre mechanischen Qualitäten. Die gleichen Prozesse laufen auch bei etwas schwereren Stoffen ab. Doch wirken sich die Effekte erst später "spürbar" aus.

Anonym hat gesagt…

Hallo,
ich hatte kürzlich folgenden Beitrag zur Haltbarkeit von Leichtschirmen im DHV Forum gepostet, der auch durchaus hochkarätig kommentiert wurde... ;-)

http://www.gleitschirmdrachenforum.de/showthread.php/32603-Luftdurchl%C3%A4ssigkeit-von-Leichtschirm-T%C3%BCchern-Messwerte-beim-Check

Gruß

Holger