Schirmtest: Sol Sycross

Der Sycross (EN-B) ist ein feinfühliger Thermikflügel mit Leistungsanspruch, dessen Fluggefühl und Handling auch Rücksteigern aus der C-Klasse gefallen dürfte.  
Der Sol Sycross zeigt seine sportliche Outline - inklusive zurück geschwungener Stabilo.
// Foto: S. Scholz
Die im folgenden beschriebenen Eindrücke zum Sol Sycross habe ich in zehn Flug- und Groundhandlingstunden unter unterschiedlichen Bedingungen in der Eifel und an der Mosel gewonnen. Geflogen bin ich den Sycross in der Größe M (85-100 kg) mit rund 94 kg Startgewicht. Das Gurtzeug war ein Karpofly Extra Light (Liegegurtzeug). Der Schirm wurde mir für den Test freundlicherweise vom Sol-Importeur Kontest zur Verfügung gestellt.

Die brasilianische Gleitschirmmarke Sol ist schon seit 20 Jahren am Markt. Weltweit gehört sie zu den großen Herstellern, die mit einer kompletten Produktion - von der Entwicklung bis zur Näherei - aufwarten können. In Deutschland war Sol allerdings bisher weniger präsent. Das lag zum einen an einem wenig umtriebigen Vertrieb, zum anderen aber auch an manchen Konstruktionsmerkmalen der Schirme. Die Modelle waren in der Regel aus sehr schweren Tuchqualitäten genäht - gut um in starker brasilianischer Tropensonne zu bestehen, aber schlecht um die vom Light- und Semilight-Trend beeinflussten europäischen Flieger zu begeistern.

Künftig soll und könnte das anders werden, und der Sycross von Sol stellt das erste Modell einer vielleicht neuen Zeitrechnung dar. Zum einen hat Sol mittlerweile einen neuen Importeur in Deutschland. Konrad Görg hat über seine Firma Kontest den Vertrieb für Sol seit diesem Jahr übernommen und versucht u.a. mit Streckenprämien neuen Schwung ins Marketing für die Marke zu bringen. Zum anderen zeigt Sol mit dem Sycross, dass man mittlerweile auch in der Lage ist, Schirme mit unter sechs Kilogramm Gewicht zu bauen. Die verwendeten, stabilen Tücher vom Typ WTX werden in den USA speziell für Sol produziert. Das Gewicht von 5,7 kg für die getestete Größe M ist zwar immer noch rund 0,5 kg mehr als das, was mittlerweile am Markt üblich ist. Doch was Starteigenschaften oder Packmaß betrifft, hat man davon keine Nachteile.

Der Sycross ist von Sol als High-B konzipiert. 57 Zellen, eine Streckung von knapp 5,7, leicht ausgeprägte Shark-Nose. Auch in anderen Details wird sichtbar, dass Sol mit dem Sycross auf leistungshungrige Piloten setzt. Zum Beispiel sind die Leinen (bis auf die untere Bremsleine) komplett unummantelt und auch durchgängig aus dem vergleichsweise teuren und deshalb seltener bei Gleitschirmen zu findenden Vectran. Dieses als besonders längenstabil geltende Material wird sonst eher nur im Hochleisterbereich eingesetzt.

Die sportliche Ausrichtung der Flügels wird dann auch in der Luft spürbar. Der Sycross gehört zu jenen High-B-Schirmen, bei denen auch C-Klasse-Rücksteiger im Handling nicht viel vermissen werden. Doch davon im Folgenden mehr.


Start mit dem Sycross in Klüsserath an der Mosel. Die Ohren füllen
bei diesem Schirm gerne etwas verzögert. // Foto: S. Scholz
Starten: Das Starten mit dem Sycross geht leicht von der Hand, verlangt aber dennoch etwas mehr Aufmerksamkeit des Piloten als bei manch anderen B-Schirmen. Das fängt beim Leinensortieren an. Die Vectran-Leinen sind zwar angenehm glatt, neigen kaum zum Kringeln und fallen sehr gut auseinander. Doch der komplette Leinensatz ist über alle Ebenen hinweg orange eingefärbt - bis auf die blaue Bremsleine. Selbst die Stabilo-Leine hat keine abgesetzte Farbe. Das erschwert den Überblick.
Für einen Vorwärtsstart bei wenig Wind sollte die Kappe betont bogenförmig ausgelegt werden, sonst kann die Mitte beim Aufziehen etwas hängen bleiben, selbst wenn man nur die inneren A-Gurte in die Hand nimmt. Folgt man diesem Rat, steigt der Sycross sehr ruhig, willig und spurtreu. Trotz der 5,7 kg Schirmgewicht ist nur ein vergleichsweise schwacher Impuls nötig.
Bei stärkerem Wind und Rückwärtsstart verhält sich der Sycross angenehm unaufgeregt. Die Kappe zählt eher zu den "Hockern", die nicht gleich bei der ersten Böe aufflattern wollen. Dennoch reicht wiederum ein kurzer Impuls völlig aus, um den Aufstieg einzuleiten. Damit dieser auch bis über den Kopf des Piloten weitergeht, ist nur noch ein leichter, aber stetiger Zug an den Gurten nötig.
Hat man die Eintrittskante des Schirmes nicht von Anfang an über die gesamte Breite als Wand vor sich im Wind aufgebaut, können beim Aufstieg des Sycross die Ohren etwas hängen bleiben und verzögert füllen. Im Starkwind lässt sich diese Eigenschaft freilich zum eigenen Vorteil nutzen, indem man den Schirm mit kleinerer Fläche durch die Powerzone des Windfensters zieht, während sich die Ohren erst später voll entfalten.
Positiv fällt die Spurtreue des Sycross auf. Die Kappe neigt kaum dazu, bei Seitenwind auszubrechen. Die Kehrseite: Wer einen Spaßschirm fürs Groundhandling sucht, den man besonders flott über A- und C-Gurte hin und her steuern kann, wird beim Sycross etwas Spritzigkeit vermissen.

Landen: nichts auffälliges.

Bremsgriff des Sycross mit angenehm starken Magneten.
Bremsen: Der Sycross hat einen üblichen Bremsvorlauf von rund 10 cm. Dann greift die Bremse gleichmäßig über die gesamte Hinterkante. Sie besitzt kein Raffsystem, was typisch ist für eher flach gebaute Flügel. Der Bremsdruck ist mittel und steigt auch nicht übermäßig an. Er vermittelt einen sehr angenehmen Kontakt zum Flügel. So lässt sich ohne große Anstrengung pilotieren. Der typische Zugbereich liegt im üblichen Rahmen der High-B-Flügel.
Eine Besonderheit des Sycross ist die rechteckige Magnethalterung der Bremsgriffe, die erfreulich gut funktioniert, d.h. die Magnete sind stark genug, um die Griffe an Ort und Stelle zu halten. Die Bremsschlaufen wiederum sind recht weich. Zur Stegverstärkung besitzen sie nur ein eingenähtes, biegsames Plastikstäbchen. Mit einer halben Wicklung geflogen, ermöglicht das aber einen guten Griff.

Kappenfeedback: Der Sycross gibt sehr feinfühlig Rückmeldung über die Luftverhältnisse. Die Informationen gelangen hauptsächlich über die Tragegurte zum Piloten - das aber in einer so differenzierten Weise wie kaum ein anderer Konkurrent dieser Klasse. Der Niviuk Ikuma kann dem Sycross hier noch das Wasser reichen, spricht allerdings eine andere, ruhigere Sprache. Während der Ikuma als Einheit agiert, besteht der Sycross auf eine deutliche "Stereotrennung", d.h. rechte und linke Flügelhälfte kommunizieren eindeutig über ihren jeweiligen Tragegurt als ihren Kanal.
Überhaupt wirkt die Kappe des Sycross manchmal wie zwei- oder gar dreigeteilt. Neben einem sehr stabilen Zentrum gibt es rechts und links deutlich weichere Außenflügel, die gelegentlich ein Eigenleben führen und auch gerne mal kurz winken. In schwachen Bedingungen empfand ich die feinen Bewegungen als sehr hilfreiche Rückmeldungen für eine gute Linienwahl. Bei turbulenteren Verhältnissen erschien mir das "Plappermaul" Sycross fast schon übertrieben gesprächig. Piloten, die von sensibleren C- oder gar D-Flügeln her kommen, werden sich aber vielleicht gerade auch wegen dieser Eigenschaft für den Sycross erwärmen können.

Gewichtssteuerung: Der Sycross reagiert gut auf Gewichtseinsatz, ohne nervös zu wirken oder übertrieben zu rollen.

Kurvenflug: Der Schirm hat ein grundsätzlich sehr angenehmes Kurvenverhalten. Er beherrscht alle Schräglagen gut und kann - einmal eingestellt - mit angenehm wenig Bremszug darin gehalten werden. Der Sycross braucht kaum Stütze mit der Außenbremse und tendiert nicht zum Graben. Aufs Nachziehen reagiert der Flügel angenehm schnell und vermittelt so das Gefühl einer guten Kontrolle. In turbulenterer Luft verliert der Sycross aber gelegentlich seine Kohärenz. Das Eigenleben der Außenflügel führt dazu, dass die Steuerimpulse nicht immer direkt und linear umgesetzt werden. Gelegentlich wirkt das so, als müsse man dem Flügel die Kurven aufzwingen, die er sonst so willig macht. Dann ist etwas mehr Geduld gefragt.

Der Sycross in der Durchsicht. Dem Flügel ist seine vergleichsweise
hohe Streckung von 5,7 gut anzusehen. 
Thermikeigenschaften: Solange die Thermiken homogen und wenig zerrissen sind, punktet der Sycross mit einem besonders angenehmen Kurbelverhalten. Es ist fast so, als besitze der Flügel einen Autozentriermodus, der ihn ins Steigzentrum zieht, dem Piloten viel Arbeit abnimmt und ein effizientes Steigen ermöglicht. Die Nickdämpfung ist gut, aber nicht übertrieben. So lässt sich der Flügel schnell und einfach nachzentrieren. Das besonders feine Kappenfeedback über die Tragegurte macht den Sycross zu einem wahren Nullschieberschnüffler. An dieser Eigenschaft dürften vor allem Flachlandflieger ihre Freude haben.
Deutlich anspruchsvoller wird es, den Sycross in zerrissener Thermik auf Spur zu halten. Wenn der Schirm in Turbulenzen etwas an Spannung und Kohärenz verliert, wirkt er gelegentlich störrisch, weil er sich gegen das Drehen sperrt. Vom Piloten verlangt das viel Aufmerksamkeit und Anpassungsvermögen, um die momentane Drehlaune des Sycross zu erfassen. Unerfahrene Flieger, denen das "aktive Fliegen" und Schirmhorchen noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, könnten den Sycross unter solchen Bedingungen schnell einmal als anstrengend erleben.
Hinweis: Ich habe den Sycross im Test in der Mitte des Gewichtsbereiches geflogen. Es ist zu erwarten, dass das Handling der Kappe in turbulenterer Luft durchaus von einer höheren Belastung profitiert. Andere Sycross-Piloten dürfen gerne ihre Erfahrungen hierzu in den Kommentaren anmerken.

Beschleuniger: Der Beschleunigerweg des Sycross ist überraschend kurz, meinem Empfinden nach sogar der kürzeste aller bisher von mir getesteten High-B-Schirme. Dennoch erreicht der Schirm einen hohen Maximalspeed, der rund 14 km/h über Trimmgeschwindigkeit liegt. Damit gehört der Sycross zu den schnelleren Vertretern seiner Klasse. Da der Beschleuniger zudem noch ohne allzu großen Kraftaufwand zu treten ist, lädt der Schirm geradezu dazu ein, häufiger ins Gas zu steigen.
Hierzu trägt noch eine weitere Eigenheit des Sycross bei: Die oben schon mehrfach angemerkte Nervosität der Außenflügel nimmt deutlich ab, sobald man nur ein wenig den Beschleuniger tritt. Zwei Zentimeter reichen schon aus, um eine etwas ruhigere Kappe zu erhalten. Es mag zwar auf den ersten Blick seltsam erscheinen, in turbulenteren Verhältnissen ins Gas zu steigen. Doch diese zwei Zentimeter sind nicht die Welt, schonen aber die Nerven.
Positiv sind mir beim Sycross die C-Handles an den Tragegurten aufgefallen, mit denen sich Nickbewegungen des Schirmes im beschleunigten Flug über die C-Ebene kontrollieren lassen. Bisher empfand ich bei anderen B-Schirmen mit C-Handles (u.a. BGD Base, Niviuk Ikuma) diese Griffhilfen eher als störend: Sie sind dort für meinen Geschmack jeweils zu niedrig platziert und geben zu wenig Kontakt zum Flügel. Beim Sycross ist das anders. Die Griffe sitzen auf Höhe der Nullposition der Bremse (die Haltemagnete der Bremse sind auf den C-Handles montiert). Zudem bietet ihre Form eine gute Zugübertragung. Nur im Winter könnte es nachteilig sein, dass die Griffe vergleichsweise klein bzw. eng genäht sind. Mit dicken Handschuhen oder gar Fäustlingen wird man dann Probleme bekommen, noch hineinzufassen.

Ohren anlegen: Die Ohren des Sycross legen sich gut an die Leinen an und schlagen im Geradeausflug nicht. Nur bei Kurvenwechseln können sie etwas unruhig werden, beruhigen sich aber auch wieder. Die Sinkwerte sind durchschnittlich. Die Öffnung erfolgt nicht selbständig, vielmehr sind deutliche Bremsimpulsen nötig, damit die Außenflügel wieder willig Luft fassen.

Steilspirale: Die Einleitung erfolgt etwas verzögert, doch dann entwickelt der Sycross ordentlich Wumms. Die G-Kräfte sind nicht zu unterschätzen. Die Kontrolle während der Spirale ist sehr gut. Bei der Ausleitung sollte man dem Flügel genügend Zeit einräumen.

Frontklapper: nicht gezogen.

Seitenklapper: Ich habe mittlere Klapper bis 60% gezogen (nur unbeschleunigt). Der Schirm drehte dabei vergleichsweise langsam ab und zeigte für einen High-B keine übermäßige Dynamik. Allerdings muss man damit rechnen, nach Klappern den Außenflügel aktiv aufpumpen zu müssen.

Nicken: Der Sycross besitzt eine gut abgestimmte Nickdämpfung - stark genug, um heftiges Vorschießen z.B. beim Herausfallen aus Thermiken gleich abzumildern; aber noch genügend Energie belassend, damit der Pilot das Nickmoment vorteilhaft für die schnelle Kurveneinleitung nutzen kann. Die effektiv benötigten Bremswege zum Abfangen der Kappe sind angenehm kurz.

Rollen: Der Schirm reagiert gut und direkt auf Gewichtsverlagerung, ohne dabei nervös zu wirken. Wer höhere Ausschläge erreichen will, muss schon die Bremsen mit einsetzen. Da der Sycross relativ lange Leinen besitzt, ist für "runde" Wingover ein gutes Taktgefühl gefragt. Die Außenflügel sollten gut gestützt werden.

Packen: Der Sycross besitzt nicht allzu lange, relativ weiche und unempfindliche Stäbchen in der Eintrittskante. Damit dürfte der Schirm jede übliche Packweise gut überstehen. Das Packmaß ist normal.

Der Leinensatz des Sycross: Alles aus orangenem, unummanteltem
Vectran, bis auf die blau-grüne Bremsleine.
Qualität: Da gibt es wenig zu beanstanden. Das Nahtbild von Kappe und Tragegurten ist gut, wenn es auch nicht ganz die Exaktheit wie bei Advance oder Ozone erreicht. Die eingesetzten Materialien sind hochwertig. Wer hinter Sol eine brasilianische Billigproduktion erwartet, muss sich eines besseren belehren lassen. Die Marke beweist sogar Sinn für kleine, zweckdienliche Details. Der Packgurt des Schirmes beispielsweise besitzt ein kleines, aufgenähtes Sichtfenster, hinter dem sich ein Adress- oder Typenschild platzieren lässt.
Es bleiben nur kleinere Kritikpunkte: Das Gurtmaterial der Tragegurte ist recht weich und verdreht sich schnell einmal. Das verlangt vor dem Start etwas mehr Aufmerksamkeit, um nicht mit verdrehten Gurten zu starten. Dass zudem der komplette Leinensatz auf A+B+C einfarbig daher kommt und nicht einmal an den Leinenschlössern durch kurze farbige Mäntel unterscheidbar gemacht wird, halte ich in diesem Schirmsegment für verfehlt. Vor allem dass selbst die Stabilo-Leine nicht farblich abgesetzt ist, stellt in meinen Augen sogar ein Sicherheitsmangel dar. Im Falle eines Verhängers will ich nicht lange nach dem Stabilo suchen müssen. Warum die Hersteller (Sol ist hier nicht allein) an diesem Punkt sparen, ist mir ein Rätsel. Es sollte doch ein leichtes sein, zumindest den untersten Meter der Stabilo-Leine mit einem eindeutig eingefärbten Mantel zu bestücken.

Fazit: Der Sycross von Sol ist ein besonders feinfühliger Thermik- und Streckenflügel, dem man den Leistungsanspruch anmerkt. Die Kappencharakteristik im Handling und Feedback ist näher an einem C- als an einem klassischen B-Schirm. Aufsteigern in die B-Klasse würde ich den Flügel eher nicht anraten, sie könnten von der Sensibilität unter bestimmten Bedingungen überfordert werden. Rücksteiger aus höheren Klassen oder erfahrene High-B-Piloten hingegen dürften die gleichen Qualitäten zu schätzen wissen. Das besonders feine Sensorium und Thermikhandling des Sycross in schwachen Bedingungen empfehlen den Schirm vor allem als Flachlandflügel. In turbulenter Frühjahrs-Alpenthermik wird der Sycross die Piloten allerdings stärker fordern als manch anderer Schirm dieser Klasse.

In eigener Sache: Hat Dir dieser Test etwas gebracht? Unterstütze den Blog mit einer Spende!

Share on Google Plus