Die fiesen Ecken des Windes

Wenn Wind um scharfe Kanten streicht, können davor und dahinter Turbulenzen mit starken Windspitzen entstehen. Aus 15 km/h Wind können lokal bis zu 60 km/h werden.

Windböenstärke rund um Gebäudeecken der
Hafencity Universität Hamburg. Diese Grafik
gibt es auch als Film. // Quelle: CEN
Gleitschirmflieger bewegen sich, anders als viele andere Flieger, häufig in unmittelbarer Nähe des Geländes. Wir soaren z.B. an Berggraten entlang, um die Höhe zu halten. Doch je nach Grundwind und Geländeform ist diese Praxis mit Vorsicht zu genießen. An Felsvorsprüngen und anderen scharfen Geländekanten können unverhofft starke Turbulenzen auftreten.

Wie heftig derlei Turbulenzen ausfallen können, zeigt ein aktuelles Forschungsprojekt an der Universität Hamburg. Dort erfassen Meteorologen und Stadtplaner, wie der Wind um Gebäudeecken pfeifen kann. Das hat zwar nicht direkt etwas mit dem Gleitschirmfliegen zu tun. Doch die Ergebnisse sind von den Grundlagen her übertragbar und sollten Gleitschirmpiloten durchaus aufhorchen lassen.

Im Zuge des Projektes haben die Forscher eine Reihe von Windmessmasten um ein Unigebäude am Hamburger Hafen errichtet – und zwar sehr nah beieinander. Dadurch erreichen sie eine so hohe räumliche Auflösung von Messdaten wie sie in der Meteorologie nur sehr selten erhoben wird. Zudem arbeiten die Forscher mit einem Windprognosemodell, das die Strömungen in einem Punkteraster von einem Meter nachbildet. Normalerweise rechnen die feinsten solcher Modelle nur mit Rastern von 100 Meter (übliche Wettermodelle haben Rasterweiten von mehr als 2 Kilometer).

Aktuell läuft die Messkampagne, die weitere Auswertung wird erst in einem Jahr abgeschlossen sein. Aber schon erste Ergebnisse liefern interessante Erkenntnisse. Zum Beispiel zeigte sich, dass ein 15 km/h Grundwind hinter manchen Gebäudekanten turbulent bis auf fast 60 km/h beschleunigt werden kann. Und die maximale Turbulenz ist dabei nicht direkt an der Kante, sondern in einigem Abstand dahinter zu finden. Turbulente Wirbel müssen also erst einmal etwas heranwachsen, um ihre größte Wucht zu erreichen.

Übertragen auf die Situation der Gleitschirmflieger darf man die Erkenntnisse ruhig einmal mehr als Warnung verstehen: Selbst bei einem noch moderaten Grundwind können im Lee von Geländekanten, Felsnasen und anderen Hindernissen schnell einmal Windgeschwindigkeiten erreicht werden, denen ein Gleitschirm nicht unbedingt gewachsen ist. Vor allem scharfe Felskanten, an denen sich die Strömung nicht sanft anlegen kann sondern zwangsläufig abreißen muss, sollte man an windigeren Tagen lieber mit deutlichem Abstand umfliegen.

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