30 Januar 2015

Der DHV verliert an Einfluss auf die EN

Die EN-Normen, die für die Last- und Flugsicherheits-Tests von Gleitschirmen und Gurtzeugen gelten, werden von einer Arbeitsgruppe namens CEN-WG 6 erarbeitet. Darin sitzen Vertreter aus den verschiedenen europäischen Ländern. Aus Deutschland ist es die DIN Arbeitsgruppe für Gleitschirme. Bisher stand diese maßgeblich unter dem Einfluss des DHV. Doch die Zeiten ändern sich.

In den vergangenen zehn Jahren war Hannes Weininger, Leiter des Technikreferats des DHV, der Obmann der DIN-Arbeitsgruppe. Er wurde in dieser Funktion nun abgelöst von Guido Reusch, dem Chef der Prüfstelle EAPR. Seine Wahl durch die Mitglieder erfolgte mit nur einer Gegenstimme. Reusch wird die Obmann-Position nun für drei Jahre innehaben.

Der Vorgang ist ein kleines Stück Gleitschirmpolitik und -geschichte. Einst war der DHV qua Amt und eigener Definition "die" Stimme Deutschlands bei der CEN-WG 6. Im vergangenen Jahr stießen  die EAPR und Independence als Vertreter der Prüfstellen und Hersteller zur DIN-Arbeitsgruppe hinzu. 2015 wurden auch noch Swing, Skywalk und Icaro als weitere Mitglieder aufgenommen. Damit hat der DHV in diesem Gremium jetzt seine führende Position verloren.

Durch die neue Mitgliederstruktur in der DIN Arbeitsgruppe Gleitschirm bekommen die Hersteller ein größeres Gewicht. "Bislang war die DHV-Politik auch immer gleichzeitig die deutsche Meinung in der WG 6. Ich denke es ist notwendig, dies etwas offener zu gestalten. Pilotenverband, Hersteller und Prüfstellen müssen nun jeweils einen Konsens finden", erklärte Reusch in einer Email gegenüber lu-glidz. Seine Rolle als Obmann sehe er vor allem als die eines Moderators. Die größten Differenzen bestünden zwischen den Herstellern und dem DHV.

Im Streitfall kommt Reusch allerdings auch eine entscheidende Rolle zu. Gibt es bei Abstimmungen in der Arbeitsgruppe eine Stimmengleichheit, hat der Obmann eine zweite Stimme.

Anmerkung: Eine Revolution im Bereich der EN-Normen für Gleitschirme sollte man durch diesen Vorgang nun nicht erwarten. In der CEN-WG6 kochen auch viele Köche den Brei, und schon bisher konnte sich der DHV dort mit manchen seiner Vorstellungen nicht durchsetzen. Dieser kleine Machtverlust im Rahmen der deutschen Arbeitsgruppe könnte den DHV aber darin bestärken, sich als Pilotenverband mit seinen alternativen, verschärften Sicherheitstest von Gleitschirmen weiter zu profilieren.

27 Januar 2015

Gleitschirm mit Doppelschleudersitz

In Zeiten, da ein neuer Rekord im Infinity-Tumbling mit dem Gleitschirm nur noch müde Youtube-Blicke generiert, müssen Action-Piloten mit immer neuen Ideen aufwarten, um ein paar Minuten Aufmerksamkeit für sich und ihren Sponsor zu erhaschen. Der Spanier Horacio Llorens und der Argentinier Hernán Pitocco haben sich dafür folgendes einfallen lassen: Sie springen zu zweit in mehr als 4000 Meter Höhe mit dem Tandem kopfüber aus dem Korb eines Heißluftballons. Dann machen sie ein paar Infinity Tumblings, nur um sich dank eines Spezialgurtzeugs mit einem Mal komplett vom Schirm zu trennen. Dabei werden sie aus dem Tumbling heraus regelrecht weggeschleudert. Es folgt ein bisschen Freifall und schließlich die sichere Landung unterm Skydiving-Schirm.

Das alles sieht sehr locker aus, war allerdings nicht ganz ungefährlich. In einem ersten Versuch war das Timing des Ausstiegs noch nicht perfekt. Pitocco fiel von oben auf den Gleitschirm, konnte sich aber befreien, wie auf einem Blog von Redbull nachzulesen ist.

Beim Betrachten solcher Bilder fragt man sich nur: Was machen die Protagonisten, wenn sie sich eines Tages selbst nicht mehr mit noch gewagteren Manövern toppen können?



Sollte das Video nicht angezeigt werden, kann man es hier anschauen.

25 Januar 2015

WM-Sieger: Hamard, Fukuoka, Deutschland

Die lachenden Sieger (v.l.): Michael Maurer (2), Honorin Hamard (1), Torsten Siegel (3) // Quelle: Facebook-C.Maurer
Die Gleitschirm-Weltmeisterschaft in Roldanillo, Kolumbien, ist entschieden. Nach der Rekordzahl von zehn geflogenen Tasks haben Honorin Hamard (FR), Seiko Fukuoka-Naville (FR) und das Team Deutschland jeweils in der Overall-, Frauen- und Teamwertung gewonnen. Hier jeweils die Top 5:

Overallwertung (alle Ergebnisse hier):
1. Honorin Hamard (FRA), 7099 P., Enzo 2
2. Michael Maurer  (SUI), 7041, Boom 10
3. Torsten Siegel (GER), 7031, Boom 10
4. Heli Eichholzer (AUT), 7030, Enzo 2
5. Chrigel Maurer (SUI), 7029, Boom 10

Frauenwertung (alle Ergebnisse hier): 
1. Seiko Fukuoka-Naville (FRA), 6473, Enzo 2
2. Keiko Hiraki (JPN), 5941, Enzo 2
3. Nicole Fedele (ITA), 5904, Enzo 2
4. Kirsty Cameron (GBR), 5839, Enzo 2
5. Laurie Genovese (FRA), 5767, Enzo 2

Nationenwertung (alle Ergebnisse hier):
1. Deutschland, 18360
2. Slowenien, 18221
3. Spanien, 18211
4. Frankreich, 18130
5. Schweiz, 18099

In der Kurzanalyse zeigt sich: Honorin Hamard hat verdient gewonnen. Im direkten Vergleich flog er in sieben von zehn gewerteten Tasks besser als der Zweitplatzierte Michael Maurer.

In der Nationenwertung liegt die Schweiz auch deshalb nur auf dem fünften Platz, weil Michael Maurer nicht für das Team punktete (4 Piloten müssen vor dem Wettbewerb gesetzt werden). Auch Österreich (6. Platz) wäre in der Teamwertung weiter vorn, wäre der in der WM Viertplatzierte Heli Eichholzer in die Wertung gekommen worden. Als Ranglisten-Fünfter der Österreicher war er aber vor der WM nicht fürs Team gemeldet worden.

Im Deutschen Team flog Ulrich Prinz (Overall Platz 8) am konstantesten die Punkte ein.

24 Januar 2015

WM: Heute der entscheidende Task

Die Piloten im WM-Task #9 auf dem Weg ins Ziel, dargestellt im Replay-Modus.
Bei der Gleitschirm-Weltmeisterschaft in Roldanillo startet heute am späteren Nachmittag mitteleuropäischer Zeit der letzte Task des Wettbewerbs. Es bleibt bis zum Schluss spannend. In der Einzelwertung führt derzeit der Franzose Honorin Hamard, der gestern als Dritter im Task (s. Replay) gut punkten konnte. Sein Vorsprung von 42 Punkten ist nicht uneinholbar, doch wenn Honorin keine Schwäche zeigt, sollte die sehr kontrollierte Pulkfliegerei in Roldanillo ihm zum WM-Titel verhelfen. Ebenso ist der aktuell 1. Platz für Deutschland in der Teamwertung noch nicht sicher, aber wenn die punktenden Piloten weiter so konstant fliegen wie in den früheren Tasks, dürfte dort nichts mehr anbrennen. Wer die WM im Livetracking verfolgen oder sich aus Teamberichten oder Blog- und Facebook-Posts der Piloten genauer informieren will, findet hier die nötigen WM-Links.

23 Januar 2015

Schweizer Höhenflug mit Folgen

Mitte Januar hat die Schweizer Nationalbank mit einem Schlag ihre Währungspolitik geändert. Sie hält den Wert des Schweizer Franken gegenüber dem Euro nicht mehr durch Stützungskäufe auf einem künstlich niedrigen Niveau. Von einem Tag auf den anderen kam es zu einer Aufwertung des Franken um rund 20 Prozent. Der Wechselkurs (SFR zu EUR) liegt jetzt bei etwa 1 zu 1 statt zuvor 1,2 zu 1. Der Höhenflug des Schweizer Franken hat auch Auswirkungen auf die Gleitschirmbranche und das Fliegerleben. Dieser Post zeigt einige der Entwicklungen auf. Zudem erklärt Advance-Marketingleiter Simon Campiche im Interview, wie der Schweizer Traditionshersteller auf die neue Lage reagieren will.

Die Aufwertung des Schweizer Franken hat Licht- und Schattenseiten. Piloten aus der EU, die gerne mal in die Schweiz zum Fliegen fahren, dürften sich das jetzt etwas genauer überlegen. Schon bisher waren die Preise von Bergbahnen, Gastronomie und Hotelerie in der Schweiz höher als in umliegenden Ländern. Durch die Aufwertung des Franken ist die Schweiz nochmals spürbar teurer geworden. Als Gleitschirmreiseziel verliert sie damit an Attraktivität.

Schweizer Piloten hingegen können sich freuen. Ihre Währung ist mehr wert, wodurch sie nun nicht nur günstiger reisen, sondern auch günstiger einkaufen können. Und das gilt nicht nur im grenznahen Ausland. Auch in der Schweiz fallen die Preise, vor allem für Importprodukte. Die Schweizer Vertretung der französischen Miniwing-Marke Littlecloud verkündete beispielsweise nur einen Tag nach dem Überraschungscoup der Nationalbank: "LittleCloud Schweiz hat die Preise schon angepasst! Die Preise sind jetzt deutlich günstiger, das ist der Moment zum Wechseln oder für Neueinsteiger!" Auch andere internationale Hersteller dürften auf ein willkommenes Zusatzgeschäft bei den Eidgenossen hoffen.

Schweizer Firmen der Gleitschirmbranche, die zum Teil stark auf Export ausgerichtet sind, haben es nun freilich schwerer. Ihre Produkte dürften im EU-Raum zwangsläufig etwas teurer werden. Die  Einschätzung der Lage und Reaktion auf die Situation ist aber durchaus unterschiedlich, wie folgende drei Beispiele zeigen:

Die Flugsau GmbH ist ein Hersteller u.a. von Leichtrucksäcken und Schnellpacksäcken "Swiss Made". An der Preisschraube drehen will Verkaufsleiter André Bernhard nicht. Er nimmt einen möglichen Rückgang im Export in Kauf. "Da wir schon immer darauf gesetzt haben, in der Schweiz zu produzieren, und alles was wir erwirtschaften in Knowhow und Spezialmaschinen zu investieren und dabei klein zu bleiben, betrifft uns die Krise wenig", sagt er. "Unsere Kundschaft im In- und Ausland bekommt bei uns das individuelle Produkt mit dem nötigen Service, und dies wird immer seinen Preis haben."

Den Fluginstrumentehersteller Flytec trifft die Franken-Aufwertung mitten in einer Zeit des eigenen Umbruchs. Derzeit wird die gesamte, komplett in der Schweiz entwickelte und gefertigte Produktpalette neu aufgestellt. "Als Schweizer Firma führen wir unsere Buchhaltung selbstverständlich in Schweizer Franken, das heißt, die Einnahmen wurden durch den Kurseinbruch vermindert", sagt Flytec-Geschäftsführer Jörg Ewald. Dennoch wolle er die erst im Dezember gesenkten Euro-Preise der bisherigen Serien wenn möglich so belassen wie sie sind, die Schweizer Preise sollen etwas sinken. "Grundsätzlich können und wollen wir uns aber auf keinen Preiskampf einlassen. Längerfristig gibt es bei einem Preiskampf in Nischenmärkten wie unserem nämlich rundum nur Verlierer", so Ewald. Sein Plan ist es, künftig noch stärker Qualität und Service als Kaufargumente für Flytec-Produkte herauszustellen.

Deutlich komplexer stellt sich die Lage für Advance dar. Denn der Thuner Gleitschirmhersteller hat für seine Preisfindung mit der Entwicklung und Vertrieb in der Schweiz, Produktion in Vietnam und dem Hauptmarkt Europa gleich drei Währungen zur berücksichtigen. Den Trend für 2015 beschreibt Marketingleiter Simon Campiche so: Advance-Produkte werden im Euro-Raum etwas teurer, in der Schweiz etwas günstiger. Der Preisaufschlag in Euro sei allerdings auch durch einen stärkeren Dollar und gestiegene Preise in Asien bedingt, sagt er im nachfolgenden Interview mit lu-glidz.



Wie groß war der Schreck, als die Nachricht mit der Freigabe des Franken kam und damit die Aufwertung gegenüber dem Euro? 
Simon Campiche: Als Schweizer Unternehmen mit 80 Prozent Exportanteil ist so etwas natürlich ein Schreck! Als uns diese Hiobsbotschaft erreichte, waren wir gerade damit beschäftigt, wie wir die Dollar-Aufwertung gegenüber dem Euro abfedern können. Das waren immerhin auch fast zwölf Prozent in den letzten sechs Monaten. Die trifft uns auch voll. Aber wir sehen das alles gleichzeitig auch als Chance, weil wir so noch besser und effizienter werden müssen. Das wird uns stärken und auch in unseren Produkten zum Ausdruck kommen.

Advance-Produkte zählten bisher schon zu den Premium-Produkten im Markt, auch was den Preis betrifft. Durch die Aufwertung des Schweizer Franken wird das auf dem Papier nun noch verstärkt. Wie werdet ihr darauf reagieren? 
Simon Campiche: Wir müssen schon aufgrund der Euro Schwäche beziehungsweise der Stärke des US-Dollars in 2015 eine geringfügige generelle Preiserhöhung vornehmen. Denn die dadurch gestiegenen Produktions- und Materialkosten können wir nicht vollumfänglich selber tragen. Das wird vermutlich anderen Gleitschirmherstellern gleich ergehen, das betrifft also alle. In früheren Jahren hat sich ja der Dollar lange gegenüber dem Euro eher abgeschwächt. Das hat jeweils gerade die Teuerung in Asien kompensiert. Nun läuft aber beides in die gleiche Richtung. Die Preisanpassung wurde unerlässlich. Was die Stärke des Schweizer Franken angeht, ist das unser Problem als Schweizer Hersteller. Das können und wollen wir nicht auf die ganze Welt abwälzen. Deshalb müssen wir da andere Lösungen suchen als eine weitere Preiserhöhung.

Advance ist ein Schweizer Unternehmen, produziert allerdings in Vietnam und verkauft viel außerhalb der Schweiz. Beruht eure kaufmännische Rechnung auf dem Schweizer Franken, oder rechnet ihr eh grundsätzlich in Euro oder Dollar?
Simon Campiche: Wir haben in der Tat eine komplexe Kosten- und Ertragsstruktur in den drei Währungen Schweizer Franken, Euro und Dollar. Schlussendlich haben wir einen hohen Fixkostenanteil in Schweizer Franken, während 80 Prozent der Einnahmen in Euro kommen.

Im Euro-Raum werden Advance-Schirme also etwas teurer. Wie aber wird eure Preispolitik unterm Strich in der Schweiz aussehen?
Simon Campiche: Klar ist, dass wir unsere Preise in der Schweiz generell senken müssen, damit wir unsere Flugschulen im Heimmarkt in einer eh schon schwierigen Situation bestmöglich unterstützen können. Das tut uns zusätzlich weh, aber nur so können wir den Schweizer Markt und unsere Partner stärken.

Andere Marken von außerhalb der Schweiz können nun auf jeden Fall günstiger werden für die Schweizer. Wie wollt ihr auf diese zwangsläufig wachsende Konkurrenz reagieren? 
Simon Campiche: Da wir die Preise in der Schweiz an den Kurs vom Franken zum Euro koppeln, werden unsere Produkte in der Schweiz billiger. Das Problem sind ja nicht nur die anderen Marken in der Schweiz, sondern die Einkäufe der Schweizer im nahen Ausland. Wenn die Preise in der Schweiz nicht sinken, kauft niemand mehr da ein. Wir müssen sicherstellen, dass die Schweizer Flugschulen konkurrenzfähig bleiben gegenüber denjenigen aus dem umliegenden Euro Raum.

Gibt es also in der Schweiz bald Gleitschirmpreise eins zu eins wie in der EU?
Simon Campiche: Es gibt noch immer viele Schweizer Piloten, die eine qualitativ hochstehende Dienstleistung vor Ort schätzen und deshalb auch bereit sind, in der Schweiz einen leicht höheren Preis dafür zu bezahlen. Das ist auch gut so. Schliesslich ist hier alles teurer und auch die Löhne sind höher. Die Gleitschirmbranche in der Schweiz darf ihre Preise nicht auf die paar Schnäppchenjäger ausrichten, die mehrwertsteuerfrei im nahen Ausland einkaufen und dann den Schirm über die Grenze nach Hause schmuggeln. Sonst geht die ganze Branche in der Schweiz zugrunde.

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22 Januar 2015

Der bessere Nullwindstart

Wer heute bei Nullwind an Startplätzen steht, kann verschiedenste Vorwärtsstarttechniken mit unterschiedlicher Eleganz und Erfolg beobachten. Piloten der alten Schule, die schon vor mehr als zehn Jahren ihren Schein gemacht haben, sind es häufig noch gewohnt, wild drauflos zu rennen - in der Meinung, damit besser Luft in ihre Tüte zu bekommen. Doch das ist bei modernen Schirmen, deren Eintrittskante von Stäbchen aufgespannt wird, gar nicht mehr nötig. Es ist sogar kontraproduktiv, wie folgendes Lehr- und Vergleichsvideo des Littlecloud-Vertreters in Annecy zeigt.

Im Splitscreen werden jeweils Startmethoden mit unterschiedlichen Laufgeschwindigkeiten und unterschiedlicher Handhaltung gezeigt. Der Schirm ist zwar ein Miniwing von Littlecloud, doch auch normalgroße Schirme reagieren nicht viel anders. Schnell wird sichtbar: Das Losspurten von Anfang an verlängert die Laufstrecke und macht den Start viel unsicherer. Der Spurt sollte erst starten, wenn der Schirm schon über dem Piloten ist.

Interessant ist noch eine zweite Erkenntnis: Gemäß der DHV-Lehrmeinung wäre ein Start mit seitlich leicht nach hinten gestreckten Armen zu bevorzugen. Der Pilot führt dabei die Gurte nur sanft auf ihrem Weg nach oben. Das Video zeigt aber noch eine andere Technik, bei der der Pilot die Unterarme von Anfang an leicht nach oben angewinkelt hält, so als würde er die Uhrzeiten 10:10 oder 11:05 zeigen. Bei dieser Haltung der A-Gurte füllt der Schirm von Anfang an noch besser und steigt schneller. Zumindest bei Null- und gar leichtem Rückenwind verspricht das die größten Erfolge.

Allerdings (wenn auch im Video nicht gezeigt): Bei stärkerem Wind sollte man mit der 10:10-Technik sehr vorsichtig sein. Denn dann kann der Schirm beim Start dem Piloten die Arme schmerzhaft nach hinten reißen. Hier wäre wieder die Methode mit gestreckten Armen zu bevorzugen.

Auf jeden Fall lohnt es sich, einmal am Übungshang bei unterschiedlichen Windstärken auszuprobieren, wie sich der eigene Schirm bei den verschiedenen Aufziehtechniken verhält.

Das Video ist auf Vimeo zu sehen.


20 Januar 2015

Gleitschirm-WM: Noch alles offen

Ein offenes Rennen bei der WM in Roldanillo // Quelle: Facebook - Nick Greece
Nach sechs bereits geflogenen von elf möglichen Tasks bleibt es bei der Gleitschirm-WM in Roldanillo weiter spannend. Sowohl in der Einzel- wie in der Teamwertung liegen die Führenden jeweils dicht beieinander, sodass hier noch schnell Veränderungen möglich sind. Der aktuelle Zwischenstand lautet:

Gesamt:
1. Stephan Morgenthaler (CH, Enzo 2), 4339
2. Michael Maurer (CH, Boomerang 10), 4337
3. Torsten Siegel (DE, Boomerang 10), 4332

Frauen:
1. Seiko Fukuoka Naville (FR, Enzo 2), 3818
2. Laurie Genovese (FR, Enzo 2), 3669
3. Nicole Fedele (IT, Enzo 2), 3631

Nationen:
1. Schweiz, 11213
2. Deutschland, 11189
3. Slovenia, 11126

Ein Gewinner steht auf jeden Fall jetzt schon fest. Es ist Roldanillo: Der Ort in Kolumbien dürfte durch die WM noch mehr Piloten als interessantes Winterflugziel aufgefallen sein. Denn dort wird tatsächlich so gut wie jeden Tag geflogen. Selbst wenn es morgens noch stark regnet, wie beim gestrigen 6. Task, kann es wenig später aufklaren. Und nur zwei Stunden später ziehen schon wieder angenehme 3-Meter-Bärte nach oben.

Race-technisch ist Roldanillo von der großen Pulkfliegerei geprägt. Die Wettbewerbspiloten hängen wie große Fliegenschwärme am Himmel und fliegen große Teile der Strecken gemeinsam. Mehrere Tasks wurden erst auf den letzten Kilometern im Endanflug entschieden - wie bei einem Massensprint bei der Tour de France. Zwischen dem jeweiligen Sieger und der nachhetzenden Meute lagen oft nur wenige Sekunden.

Material-technisch zeigt Roldanillo ein ausgewogenes Bild: Gin hat mit dem Boomerang 10 leistungsmäßig mit Ozones Enzo 2 gleichgezogen. Beide Modelle sind ebenbürtig. Niviuks titan-bestückter Icepeak 8 hingegen tauchte bisher nicht nachhaltig in den vorderen Reihen auf. Ob dies am Schirm liegt oder daran, dass kaum Spitzenpiloten, sondern eher einige Außenseiter mit dem IP8 unterwegs sind, ist eine der in Roldanillo diskutierten Fragen.

Insgesamt hinterlässt die WM bisher einen sehr positiven Eindruck. Die Stimmung unter den Piloten ist gut. Es gibt keine Sicherheits- und messtechnische Diskussionen. Die Tasksetter machen ihre Sache gut. Und selbst das Live-Tracking funktioniert so stabil und schnell, dass das Verfolgen der Tasks am heimischen Bildschirm durchaus spannend sein kann. Die aktuellsten Daten erhält man dabei entweder in der 3D-Darstellung in Google Earth oder über die 2D-Tablet-Version mit manuellem Nachladen, die auch am PC gut funktioniert.

Wer einen filmischen Eindruck der Race-Fliegerei in Roldanillo bekommen will, sollte sich am besten die Videos des belgischen Piloten Tom Ceunen auf Vimeo anschauen. Hier einmal sein gelungener Beitrag über den gestrigen Task. Ansonsten gibt es bei lu-glidz noch eine umfassende Linksammlung zur WM.

17 Januar 2015

GFS-Wettermodell rechnet jetzt feiner

Bewölkungsprognose des GFS-Modells im Raster von 13 km (links) und 27 km (rechts). // Quelle: wetter3.de
Das globale Wettermodell GFS der US-Wetterbehörde NOAA ist eine der wichtigsten frei verfügbaren Quellen für Flugwetterprognosen. Seit kurzem rechnet GFS mit einer deutlich höheren Auflösung. Statt bisher 27 Kilometer Abstand zwischen den Modellgitterpunkten sind es jetzt nur noch 13 Kilometer. Durch diese Verfeinerung können viele Prozesse in der Atmosphäre besser nachgebildet werden - vor allem solche, die stark von der Topographie geprägt werden wie der Fluss bodennaher Winde oder die Enstehung von Wolken über Gebirgen.

Auf einschlägigen Wetterseiten wie z.B. wetter3.de ist die Neuerung bereits zu finden. Dort gibt es Wetterkarten im alten wie im neuen Maßstab (bezeichnet als GFS 0,5° bzw. GFS 0,25°). Darauf sind die Auswirkungen des feineren Modellgitters leicht erkennbar.

Das Beispiel oben zeigt einmal die Prognose tiefer Bewölkung. In der 0,25°-Darstellung links sind über dem Schwarzwald und dem Jura  dichtere Wolken zu sehen, die in der gröberen Modellrechnung rechts nahezu fehlen (s. rote Pfeile).

Interessant ist diese Entwicklung vor allem für Flugsportler, die frei verfügbare Thermikprognosen wie RASP, Meteo-Parapente, Meteovolo oder Soaringmeteo nutzen. Alle diese Dienste greifen zur Berechnung ihrer feinen Thermikmodelle (mit Rasterweiten zwischen 2 und 7 Kilometer)  auf die von GFS stammenden globalen Rahmendaten zurück. Und je genauer die Eingangsdaten, desto realitätsnäher sollten auch die daraus abgeleiteten Ergebnisse der Thermikmodelle ausfallen.

Mit den Verbesserungen bei GFS wollen die US-Meteorologen zum europäischen Global-Wettermodell ECMWF aufschließen. Dieses gilt seit einigen Jahren als etwas leistungsfähiger. ECMWF rechnet schon länger mit einem Raster von 16 Kilometern. In den Prognosen für ein bis zwei Tage könnte das feinere GFS nun mit ECMWF gleichziehen.

In der Qualität der Mittelfristprognosen über drei Tage und mehr sehen Experten allerdings die Europäer weiter im Vorteil. Das liegt an einem speziellen, sehr rechenaufwendigen Korrekturverfahren, mit dem das ECMWF-Modell anhand Millionen realer Messdaten im laufenden Betrieb immer wieder nachgetrimmt wird.

Zudem bleibt auch bei ECMWF die Entwicklung nicht stehen. Im Laufe dieses Jahren soll das Modell auf ein 10-km-Gitter umgestellt werden. Bis 2020 hat man sogar 7 km im Visier.

15 Januar 2015

Crashziel Kerio

Hoch über der Kante des Kerio Valley. // Quelle: Xcontest-Fritz Dorninger
Es gibt mittlerweile viele beliebte Destinationen, zu denen streckenhungrige europäische Gleitschirmpiloten im Winter reisen. Brasilien, Südafrika, Australien, Chile. Ein Ziel aber sticht dabei heraus, wenn auch mit negativen Schlagzeilen: das Kerio Valley in Kenia. Von keinem anderen Spot werden derzeit in schöner Regelmäßigkeit so viele Flugunfälle gemeldet.

Auch dieser Tage liest man in den Flugkommentaren im Xcontest Sätze wie: "Zu windig ... und schon hat's wieder einen runter gehauen. Und wieder der Rücken. Zum Glück scheints für alle 4, die wir in den letzten Tagen hatten, mit Rückenverletzungen, einigermassen glimpflich ausgegangen zu sein."

Zugleich tauchen in den XC-Datenbanken regelmäßig Zahlen auf, die Streckenjägern leuchtende Augen machen: In diesem Jahr wurden schon 261, 247, 241, 231,... km geflogen. Und die klassische Saison dort geht noch bis in den Februar hinein.

Powersoaring-Track am Abbruch des Kerio Valley in Kenia. // Quelle: Vimeo
Eins machen viele Berichte über das Kerio Valley immer wieder klar. Die Gegend ist nichts für wenig erfahrene Piloten. Starkwinderprobt, schüttelfest und klapperresistent sollte man sein. Zumal wenn man sich zu dem Flugstil verleiten lässt, mit dem dort Rekorde geflogen werden: "Powersoaring". Es geht darum, sich ständig im Beschleuniger stehend in relativ geringer Höhe über Grund die kilometerlange Talkante entlang zu hangeln. Die in den dynamischen Aufwind eingelagerten Ballerthermiken werden einfach durchflogen. Speed und Kilometer sind das Ziel. Im vergangenen Jahr setzte Gregory Knudson so einen offiziellen Speed-Rekord für einen Flug über 200 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 36,33 km/h.

Doch gerade das Powersoaring erweist sich in Kerio als durchaus riskant. Denn an der 1000 Meter ansteigenden, gestuften Hangkante bilden der dynamische Hangaufwind zusammen mit starken Thermiken eine unberechenbare Mischung. Die Thermiken sorgen für Windsprünge in Stärke und Richtung. Rippen im Relief, die vom überregionalen Passat-Wind eigentlich harmlos angeströmt sein sollten, können plötzlich zu unerwarteten Leefallen werden. Wer da nicht sattelfest reagiert, findet sich schnell auf dem harten Boden gebrochener Tatsachen wieder.

Wer einen Flugurlaub ins Kerio Valley plant, sollte diese Verhältnissen nicht unterschätzen. Auf Skytrekker24 hat Oliver Guenay schon im vergangenen Jahr eine gute Beschreibung der Lage und einige wichtige Sicherheitstipps geliefert.

14 Januar 2015

Vulkanausbruch beeinflusst Gleitschirm-WM

Schon seit fast vier Wochen spuckt der kolumbianische Vulkan Nevado del Ruiz immer mal wieder Asche- und Gaswolken. In den vergangenen Tagen hat sich die Aktivität etwas verstärkt, was sich nun auch auf die Gleitschirm-WM in Roldanillo auswirkt.

Roldanillo liegt rund 100 Kilometer südwestlich des Vulkans und damit eigentlich außer Reichweite. Aufgrund der Aschewolken werden aber bei Bedarf manche Lufträume oder Flughäfen in Kolumbien temporär für die allgemeine Luftfahrt gesperrt. Einige Flugrouten verlaufen dann weiter im Süden, und das zwingt wiederum die Organisatoren der WM dazu, dem auszuweichen.

Für Task 2 mussten die Tasksetter laut dem Blog der Veranstalter eine schon ausgearbeitete 136 km lange Route canceln und sich etwas anderes überlegen. Der schließlich ausgerufene 107 km lange Task führte bewusst weiter nach Süden, fort von der Problemzone.

Es bleibt der Laune der Natur überlassen, inwieweit auch an den kommenden Tagen der Vulkan den WM-Piloten noch ins Flugvergnügen spuckt.

Der Nevado der Ruiz erlangte 1985 traurige Berühmtheit, als bei einem deutlich heftigeren Ausbruch große Eismassen am Gipfel schmolzen. Die dadurch ausgelösten Schlammlawinen begruben eine ganze Ortschaft unter sich. Damals kamen 20.000 Menschen ums Leben.

Für weitere Infos über den allgemeinen Verlauf der WM gibt es diese Linksammlung.

13 Januar 2015

Paragliding365 ist wieder im Netz erreichbar

Nach über zwei Wochen des Komplettausfalls ist die Startplatzdatenbank paragliding365.com wieder online. Nach Angaben des Webmasters Torsten Koerting kam zu einem Virusbefall als Auslöser für den Crash noch eine urlaubsbedingte Abwesenheit als Grund für die verlängerte Auszeit hinzu.

Die Links zu WM

Heute startet der erste offizielle Task bei der Weltmeisterschaft der Gleitschirmflieger im kolumbianischen Roldanillo. lu-glidz wird das Event verfolgen, allerdings keine tägliche Berichterstattung aus der Ferne anbieten, sondern nur überraschende, interessante Entwicklungen in Posts aufgreifen. Schließlich wird über den Alltag in Roldanillo wird viel besser aus erster Hand berichtet. Wer sich dafür interessiert, für den gibt es hier eine kleine Linkzusammenstellung. (Wem noch weitere interessante Seiten auffallen, bitte in den Kommentaren posten).

Vom Veranstalter:
Homepage | Pilotenliste | Ergebnisse | Facebook | Twitter | Instagram

Livetracking:
Livetrack24

Wetter Roldanillo:
Meteoblue | Wunderground | Windity

Teamberichte:
Deutschland | Schweiz | Österreich Blog / Facebook | Niederlande | Italien | Slowenien | Frankreich

Piloten - Blogs und Facebook:
Yvonne Dathe (D) | Pepe Malecki (D) | Chrigel Maurer (CH) | Pal Takats (HU) | Honorin Hamard (FR) | Brad Gunnuscio (US) | Maxime Pinot (FR) | Charles Cazaux (FR) | Aaron Durogati (IT) | Nicole Fedele (IT) | Andre Rainsford (SA) |

Medien:
Cross Country HP / Facebook | DHV-TV |

12 Januar 2015

Video: WM-Eöffnung in Roldanillo



Bei der WM in Kolumbien hat die deutsche Nationalmannschaft wieder einen professionellen Kameramann dabei: Yves Jonczyk von Flymovies berichtete auch schon über die EM in Serbien. Dank der Bilder einer Kamera-Drohne liefert sein erstes Werk aus Roldanillo interessante Einblicke in die Eröffnungsfeier. Dieses und bald noch einige weitere Videos über den Verlauf der WM sind auf dem Youtube-Kanal von Flymovies oder auf der Facebookseite von Yves zu sehen.

Wochenlang windige Westlage?

Während sich einer wie Manuel Nübel vom windigen Wetter nicht davon abhalten lässt, sich weiter auf die Strapazen der X-Alps 2015 vorzubereiten (s. Foto, Quelle: Facebook), fragen sich andere Piloten: Wann kann ich mal wieder einen genüsslichen Winterflug absolvieren?

Schenkt man den Wettermodellen Glauben, ist ein Genusswinter erst einmal nicht in Sicht. Auch wenn der Wind und seine Böen nicht unbedingt mehr Orkanstärke erreichen, so ist nördlich der Alpen doch noch die ganze Woche über  mit für normale Gleitschirme "unfliegbaren" Bedingungen zu rechnen. Und von der Tendenz her könnte das sogar in der kommenden Woche so weiter gehen.