Retterwissen (4): Öffnungszeit

Eine schnelle Öffnungszeit ist eins der wichtigsten Marketingargumente für Rettungsschirme. In der Praxis wird die reale Öffnungszeit allerdings von vielen Randfaktoren mit beeinflusst.

Alle Folgen der Serie gibt es hier: Serie Retterwissen.

Ein Retter beim Test der Öffnungszeit gemäß EN 12491.
In dieser Form gilt der Retter laut Normvorgaben schon als geöffnet,
weil er bereits 20 kg Widerstand aufgebaut und eine entsprechende
Sollbruchstelle zerrissen hat. // Quelle: G. Reusch, Youtube, Screenshot
Wer sich die Werbeschriften zu diversen Rettungsschirme anschaut, wird bei allen eine Eigenschaft besonders hervorgehoben finden. Die Formulierungen lesen sich immer ähnlich: eine schnelle Öffnungzeit, eine kurze Öffnungszeit, eine minimale Öffnungszeit, etc. Zudem wird gerne betont: Eine geringe Öffnungszeit sei das allerwichtigste Kriterium für Rettungssysteme.

Als Begründung wird angeführt, dass die meisten Retterwürfe in geringem Bodenabstand von weniger als 100 Metern erfolgen. Da zählt jede Sekunde, damit der Retter noch tragend öffnet und den Absturz bremst. So weit die Verkaufsargumente.

In der Praxis relativiert sich das ein wenig. Denn jene Öffnungszeit gemäß der EN-Norm, auf welche sich die Hersteller berufen, wird nach einem Standardverfahren ermittelt, das mit der Praxis eines bewussten "Werfens" und der kompletten, tragenden Öffnung eines Rettungsschirmes nicht direkt vergleichbar ist.

Beim EN-Test der Öffnungszeit wird das Retterpäckchen im Flug bei einer Fluggeschwindigkeit von 8 m/s einfach neben dem Piloten fallen gelassen und dann durch den Fahrtwind aufgezogen. Sobald sich der Retter soweit geöffnet hat, dass er einen Zugwiderstand von 200 Newton aufbaut (das sind rund 20 kg, also weit weniger als die nominelle Anhängelast), reißt eine Sollbruchstelle. Als Öffnungszeit gemäß EN-Norm gilt die Zeit, die zwischen dem Loslassen des Retters und dem Reißen der Sollbruchstelle vergeht. Liegt der Wert unter fünf Sekunden, gilt der EN-Test in diesem Punkt als bestanden. Ab welchen Werten ein Hersteller dann werbend von einer "kurzen" Öffnungszeit sprechen darf – ob zwei, drei, vier oder 4,9 Sekunden – ist allerdings nirgendwo festgeschrieben.

Das heißt nun nicht, dass eine besonders schnelle Öffnung im EN-Test nicht ein wichtiger Hinweis für die Funktionalität einer Rettung sein könnte. Allerdings machen die wenigsten Hersteller explizite Angaben der im Test tatsächlich gemessenen Öffnungszeit. Da heißt es in der Beschreibung nur "deutlich unter dem Grenzwert der EN" oder "Öffnungszeit bis zu 40 Prozent unter dem Grenzwert". Eine echte Vergleichbarkeit ist bei so schwammigen Formulierungen nicht gegeben.


Rettertyp bestimmt das Öffnungsverhalten

Sinnvoller ist es da, sich einmal die Unterschiede im Öffnungsverlauf verschiedener Rettertypen vor Augen zu führen. So wird deutlich, dass es Retter gibt, die zumindest von ihrem Grundkonzept her Vorteile gegenüber anderen in puncto Öffnungszeit besitzen sollten. Das hängt damit zusammen, dass die Wege der Luftzufuhr in die Kappe während des Öffnungsvorgangs unterschiedlich sind. Als Beispiel sei hier einmal ein Rogallo mit einer klassischen Rundkappe verglichen.

Belüftungs- und Öffnungssequenz eines
Rogallos (oben) und einer Rundkappe (unten).
// Quelle: vonblon.com, bearbeitet
Ein Rogallo ist so geformt und wird so gepackt, dass über fast die gesamte Packlänge der Kappe ein Schlitz offen bleibt, über den die Luft einströmen kann. Ein Rogallo fasst deshalb schnell und auf großer Fläche Luft. So entfaltet und öffnet er sich besonders flott.

Bei einer Rundkappe strömt die Luft nur am unteren Ende in die Stoffhülle. Dafür müssen sich die anfangs noch aufeinander liegenden Stoffbahnen erst ein wenig lockern.. Strömt Luft hinein, sammelt sich diese anfangs im Scheitel. Rundkappen nehmen während der Öffnung vorübergehend eine sogenannte Birnenform (s. Grafik links) an. Diese ist, aerodynamisch gesehen, kontraproduktiv, da sie recht stabil umströmt werden kann. Erst wenn Turbulenzen an der noch schmalen Basis dafür sorgen, dass diese weiter aufgerissen wird, entfalten die Kappen ihre gewünschte tragende Form. Manche Hersteller nutzen aufgenähte Stofftaschen (Ram-Air-Pockets) oder andere turbulenz-erzeugende Hilfen an den Kappen, um die Birnenphase so kurz wie möglich zu halten.

Kreuzkappen und SQR-Retter sind ganz ähnlich gepackt wie Rundkappen und öffnen nach dem gleichen Prinzip von einer anfangs engen Basis her. Allerdings kann bei ihnen die "Birnenphase" kürzer ausfallen. Ihr Aufbau ist ja nicht rundum symmetrisch, sondern mehr oder weniger eckig, was keine gleichmäßige Birnenform zulässt. Zudem sorgen auch die seitlichen Lüftungsschlitze dafür, dass sich schneller "aufreißende" Turbulenzen an der Basis bilden. Deshalb wird rechteckigen Kappen in der Regel eine etwas schnellere Öffnung als klassischen Rundkappen zugesprochen.

Eine Dreieckskappe stellt wiederum eine interessante Mischform dar. Auch sie wird weitgehend wie eine Rundkappe gepackt. Allerdings wird die beim Packen zuoberst gefaltete Eckbahn so gelegt, dass sich ein langer Belüftungsschlitz ergibt, wie beim Rogallo. Das sollte ähnliche Vorteile bei der Öffnungszeit bringen. So weit die Theorie.


Das Gesamtpaket muss stimmen

In der Praxis sollte man die Öffnungszeit eines Retters nicht allein nach EN-Maßstäben betrachten. Denn letzendlich ist der komplette "Öffnungsvorgang" des Retters entscheidend. Und der beginnt mit dem Ziehen des Retters aus dem Außencontainer, beinhaltet das mehr oder weniger gezielte Werfen und das Öffnen des Innencontainers, geht über ins Luftfassen des Retters bis zur wirklich stabil tragenden Funktion über dem Piloten.

Alle diese Teilschritte werden in ihrer Geschwindigkeit teilweise weniger vom Retter als von anderen Faktoren beeinflusst. Die Retterposition am Gurtzeug, der Aufbau und die Anbindung des Innencontainers (hierzu folgt noch ein eigenes Retterwissen-Kapitel), kurze Packintervalle und ein entschiedenes Pilotenverhalten spielen eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Das Gesamtpaket muss stimmen.

Wer beispielsweise einen schnell öffnenden, aber voluminösen Retter in ein Gurtzeug packt, aus dessen Außencontainer das Paket nur mit größerer Kraftanstrengung zu ziehen ist, wird Zeit und Wurfkraft einbüßen und so den Vorteil der schnellen Öffnungszeit wieder verspielen.

Überhaupt gilt: Ein kräftiger Retterwurf, der die Leinen vehement streckt und die Kappe durch den Impuls regelrecht aufreißt, ist der größte Garant für eine flotte Retteröffnung und der beste Schutz vor Retterfraß. Die Öffnungszeit wird dann auch deutlich unter den jeweiligen EN-Testweren liegen, egal mit welchem Modell.

Ein solcher Wurf will allerdings auch geübt sein. Piloten tun gut daran, die Auslösung des Retters in Turnhallen o.ä. regelmäßig zu trainieren. Im Notfall kann ein optimierter Bewegungsablauf Zeitvorteile bringen, die weit über den 2-3 Sekunden liegen, in denen sich moderne Retter im EN-Öffnungstest maximal unterscheiden.


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2 Kommentare:

Guido Reusch hat gesagt…

"Überhaupt gilt: Ein kräftiger Retterwurf, der die Leinen vehement streckt und die Kappe durch den Impuls regelrecht aufreißt, ist der größte Garant für eine flotte Retteröffnung und der beste Schutz vor Retterfraß. Die Öffnungszeit wird dann auch deutlich unter den EN-Testweren liegen, egal mit welchem Modell. "

uhhh - das ist aber echt dünnes Eis - kannst Du das bitte belegen!

Gruß Guido

Lucian Haas hat gesagt…

Guido, das Eis ist nicht so dünn. Denn ich spreche hier stets von Rettern, die den Öffnungstest gemäß EN bestanden haben. Um das klarer zu machen, habe ich im Text noch ein Wort eingefügt, dort heißt es jetzt: "... auch deutlich untern den jeweiligen EN-Testwerten liegen, egal mit welchem Modell."

Solltest Du Erfahrungen haben, dass ein "gut geworfener" Retter langsamer öffnet als einer, der nur wie im EN-Test fallen gelassen wird, dann wäre ich sehr daran interessiert, das aufzuklären.