Seilbahnkabel können im Flug leicht übersehen werden. Eine Kollision ist lebensgefährlich. Wie lässt sich das Risiko reduzieren?

Ein Kabel im "kabelverseuchten" Engelberger Tal
(Verlauf hervorgehoben) // Foto: Lu-Glidz
  
Der tödliche Absturz von Rémi Bourdelle beim Dolomiti Superfly hat es in erschreckender Weise in Erinnerung gerufen: Kabel von Seilbahnen oder Stromtrassen sind lebensgefährliche Hindernisse, die man nur allzu leicht übersehen kann.

Gerade beim Gleitschirmfliegen, das häufig nah am Gelände erfolgt, lässt sich dieses Risiko nie völlig ausschließen. Und das gilt für alle Könnensstufen gleichermaßen, vom Anfänger bis zum erfahrenen Profi.

In den Unfallstatistiken tauchen Kollisionen mit Liftseilen und Stromleitungen zwar noch vergleichsweise selten auf. Aber sie gehen überdurchschnittlich häufig mit schweren oder sogar tödlichen Verletzungen einher. Deshalb sollte man Kabeln immer mit großem Respekt begegnen und möglichst einen gebührenden Sicherheitsabstand halten.

Das ist leider leichter gesagt als getan. Denn um Abstand zu halten, muss man erst einmal wissen, wo die Kabel überhaupt sind. Hier gibt es aber ein großes Problem: ihre enorm schlechte Sichtbarkeit. 

Ein dünnes Stahlseil hat einen Sehwinkel von wenigen Bogensekunden. Mit seiner meist grau-schwarzen Farbe bietet es keine Kontur und Kontraste. Es wirft so gut wie keinen Schatten und zeigt kaum Bewegung. Damit verschwindet es vor einem unruhigem Hintergrund, besonders noch im flachen Gegenlicht der Morgen- und Abendstunden. 

Was uns ins Auge sticht, ist meist nicht das Seil, sondern ein kurzes Aufblitzen von reflektiertem Licht. Fällt dieser Reiz weg, bleibt das Kabel weitgehend unsichtbar. Das gilt besonders für kleine land- und forstwirtschaftliche Materialseilbahnen. Denn sie sind in der Regel nicht mit extra Flugwarnkugeln markiert.


Achtung bei der Brillenwahl

Wer das Risiko eines Zusammenstoßes senken will, muss die Sichtbarkeit der Kabel irgendwie erhöhen. Hierfür gibt es zwei Wege, die am besten beide beschritten werden sollten. 

Nummer 1: Achtung bei der Brillenwahl! Die meisten Gleitschirmpiloten gehen mit einer Sonnenbrille in die Luft. Was als Schutz vor Fahrtwind und UV-Strahlung dient, verschlechtert leider die Sichtbarkeit von Kabeln. Um hier die Nachteile möglichst klein zu halten, gilt es wiederum zwei Dinge zu beachten. 

Erstens sollte man fürs Fliegen grundsätzlich auf Sonnenbrillen mit Polarisationsfilter verzichten. Gläser mit Polfilter reduzieren die Reflektionen von glänzenden Oberflächen und filtern damit genau die verräterischen "Lichtblitze" der Kabel, die uns warnend ins Auge stechen könnten. Deshalb fürs Fliegen immer unpolarisierte Brillen nutzen! 

Tönungskategorien bei
Sonnenbrillen // Zeiss.de

Zweitens sollte man fürs Fliegen Sonnenbrillen wählen, die nicht zu stark abdunkeln. Es gibt vier Filterkategorien. Kat. 2 lässt 18-43 % des Lichts durch, Kat. 3 nur 8-18 %, Kat. 4 (Gletscherbrille) gerade noch 3-8 %. Je weniger Licht das Auge erreicht, desto mehr weitet sich die Pupille, worunter die Sehschärfe leidet. Zugleich wird es schwieriger, geringe Farb- und Schattenkontraste noch zu erkennen. Deshalb empfehlen Luftfahrtbehörden für Fliegerbrillen Gläser der Kategorie 2. Eine dunklere Brille mag zwar die Augen entspannen, aber im Flug wird sie zum Handicap: Sie schluckt genau die schwachen Kontraste, die ein Seil verraten.


Hinderniswarner im Vario

Nummer 2 sind technische Hilfen bei der Erkennung von Hindernissen: Wer viel in Regionen fliegt, die mit Kabeln "verseucht" sind, tut gut daran, ein Fluginstrument oder eine Flug-App mit integrierter Hindernisdatenbank zu nutzen. Sie sollten die Kabel auf Karten anzeigen und/oder möglichst auch eine automatische Warnfunktion besitzen, wenn man in die Nähe eines Kabels kommt. Dazu zählen zum Beispiel (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Instrumente von Naviter sowie die SeeYou Navigator App, aktuelle Skytraxx Varios, XCTracer, Burnair Map und Burnair Go, XCTrack, XCSoar. Wichtig ist darauf zu achten, die Hinderniswarnungen auch zu aktivieren und die Hindernisdaten aktuell zu halten.

Kabelwarnungen im 
Seeyou Navigator
// Quelle: Naviter


Bei der Effektivität der Warnungen gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Instrumenten. Manche haben keine Kartendarstellung, sondern nur eine akustische Warnung (z.B. XCTracer). Andere zeigen Kabel auf den Karten, lassen aber keinen Warnton ertönen (z.B. Burnair Go). 

Besonders gut gelöst ist die Warnfunktion meiner Erfahrung nach u.a. beim Seeyou Navigator (auch im Oudie und Omni): Dort sind Kabel eingezeichnet, bleiben aber dünn, wenn man noch in größerer Distanz bzw. Höhe dazu ist. Kommt man näher, werden die entsprechenden Kabel deutlich hervorgehoben. Bei erkennbarer Kollisionsgefahr auf dem aktuellen Flugpfad ertönt zusätzlich noch ein Warnton und es erscheint eine zugehörige Info-Box.


Fliegen mit Kabelbewusstsein

Eine angepasste Brillenwahl und ein Hinderniswarner im Fluginstrument sind noch immer keine Garanten dafür, dass man alle Kabel sofort erkennt. Wichtig ist es auch, sein Umfeld im Flug bzw. das Gelände vor einem ständig nach möglichen weiteren Hinweisen abzuscannen. 

Auffälliger als die Seile selbst sind in der Regel die zugehörigen Masten, Stationen, Holzgerüste, Trassenschneisen etc. Wenn man einen davon sieht, sollte man immer nach dem nach einem zweiten Ausschau halten. Wer die Endpunkte findet, kennt auch den Verlauf der Kabel dazwischen. Sicherheitshalber sollte man davon ausgehen, dass zwischen zwei Masten stets auch ein Seil verläuft, selbst wenn aktuell keines zu sehen ist.

Hat man eine solche Trasse erkannt, sollte man seinen Flugweg daran anpassen, und zwar so, dass man deutlich über der Trasse quert. Als Faustregel gelten 50 Meter und mehr Sicherheitsabstand über Seilbahnen und  Stromleitungen.

Kabelbewusstsein ist auch schon bei der Startplatzwahl wichtig. Vor allem in Skigebieten oder neben Bergstationen kann man bei Seitenwind am Start schnell in eine Seilbahn gedrückt werden. Hat man die Wahl, dann sollte man bei Seitenwind besser auf der Leeseite einer Trasse auslegen, um im Notfall vom Kabelhindernis weg getrieben zu werden.