Sackflugrisiko bei neuen Schirmen

Eine interessante, leider negative Entwicklung tut sich da bei neuen Gleitschirmen auf. Dank verbesserter Beschichtungen nehmen die Tücher weniger Wasser auf. Das ist grundsätzlich positiv, so lange man damit nicht in einen Schauer gerät. Denn bei einem Schauerflug können auf einem wasserabweisenden Tuch kleine Tropfen auf der Oberfläche stehen bleiben und zu größeren Tropfen zusammen wachsen (wie bei einem frisch gewachsten Auto). Das wiederum kann die Strömung am Flügel abreißen lassen. Der Schirm landet dann unweigerlich im Sackflug, der im schlimmsten Fall selbst mit den üblichen Sackflugausleitemanövern (Beschleuniger treten) nicht mehr ausgeleitet werden kann (höchstens vielleicht mit einem bewusst gezogenen Frontstall, bei dem durch das Aufschnalzen die fetten Tropfen vom Tuch "geschleudert" werden).

Besonders betroffen von diesem Phänomen scheint der neue Mistral 4 von Swing zu sein. Schon im August kam es zu einem entsprechenden Unfall, weshalb sich Swing zu Tests und einer Verlautbarung über Bahnsackflug im Regen genötigt sah. Demnach ist der Strömungsabriss durch die Tröpfchen auf dem Flügel "reproduzierbar".

Trotz der recht brisanten Ergebnisse blieb es anschließend dennoch eher ruhig auf dieser Front, bis jetzt im DHV-Forum neue Berichte über die eindeutige Sackflugtendenz des Mistral 4 aufgetaucht sind. Da besteht wohl doch noch mehr Informations- und Aufklärungsbedarf. Zumindest sollten sich Mistral4-Piloten Gedanken machen, bei welchen zweifelhaft-labilen Bedingungen sie sich noch in die Luft wagen wollen. Letztere Empfehlung gilt freilich generell für alle Tütenflieger.

Warum nun gerade der Mistral4 diese betonte Bahnsackflugtendenz zeigt, ist offiziell noch nicht klar. Den Spekulationen im DHV-Forum nach könnte neben dem Tuch auch das gewählte Profil des Flügels eine Mitschuld tragen. Der Mistral4 hat ein so genanntes S-Schlag-Profil mit einem Knick im Obersegel, wodurch die Nicktendenz des Flügels reduziert wird (weil der Druckpunkt beim Vorschießen nicht mehr über die gesamte Fläche wandert, sondern in diesem Knick gewissermaßen hängen bleibt). Möglicherweise können aber dicke Tropfen in diesem Knick die Strömung schneller abreißen lassen.

Da S-Schlag-Profile im Gleitschirmbau immer häufiger eingesetzt werden, u.a. um Schirme mit hoher Leistung noch in die DHV Sicherheitsklasse 1-2 zu "trimmen", könnte der nicht ausleitbare Bahnsackflug freilich auch bei anderen Modellen auftreten. Darum lohnt es sich, bei dieser Diskussion bzw. Entwicklung am Ball zu bleiben.

Für die weitere Diskussion zu diesem Thema habe ich im DHV-Forum übrigens einen eigenen Thread zum Thema Sackflugrisiko aufgemacht. Da kann man hoffentlich weitere Neuigkeiten dazu verfolgen.
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