Alain Zollers berechtigter Klagebrief 2.0

Vor knapp über einem Jahr veröffentlichte Alain Zoller, Chef des Schweizer EN-Zertifizierungsbetriebs Air Turquoise, bereits einmal einen offenen Brief, in dem er sich um die Zukunft der Gleitschirmsicherheit sorgen machte. Damals war er kurz zuvor selbst beim Testen eines neuen Zweileiners abgestürzt und hatte sich mit etwas Glück nur ein paar Knochenbrüche zugezogen. Vorübergehend wurden damals die Tests der Zweileiner ausgesetzt - wenn auch später wieder aufgenommen. Damals war Alains Botschaft: Wer Wettbewerbsflügel in die EN-Klassifizierung zwingt, fördert damit den Leistungswahn im Gleitschirmbusiness. Leistungswahn bedeutet: mehr Streckung, weniger Leinen und versteifte, stabilere Profile, die seltener klappen (aber wehe wenn!!). Das könnte vielen Piloten auch den Spaß am Fliegen verderben, womit sich letztendlich die Branche den Ast absägen würde, auf dem sie sitzt.

Aus dieser Haltung heraus ist verständlich, dass Alain Zoller große Hoffnung auf die Einführung einer neuen Competition Class außerhalb des EN-Regimes setzte. Denn wenn die käme, müsste er nicht mehr unter erheblichem Risiko die hochgezüchteten Wettkampfsicheln daraufhin testen, ob sie vielleicht noch ins EN-D-Raster passen. Mit den Vorschlägen der Herstellervereinigung PMA, für die Competition Class bestimmte Baugrenzen einzuführen wie z.B. eine maximale Streckung von 7, wäre indirekt auch eine de-facto Deckelung solcher Maße für EN-Flügel zu erwarten gewesen - weil kaum ein Hersteller hätte rechtfertigen können, warum er für "Freizeitpiloten" künftig Schirme mit extremeren Layouts anbieten wollte.

Diesem von seinem Potenzial her durchaus geschickten Schachzug zum Trotz hat jüngst allerdings die Europäische Union der Drachen- und Gleitschirmverbände EHPU in einem Brief (pdf) bekannt, dass sie in jedem Fall gegen die Einführung einer Competition Class (CC) ist. Und: Selbst wenn die CC von der FAI beschlossen werden sollte, dürften keine Wettbewerbe unter Beteiligung von CC-Flügeln in ihren Mitgliedsländern stattfinden. Da Europa noch immer der größte Markt für Gleitschirme weltweit ist, heißt das: Nach den Regeln üblicher Politik ist die Competition Class schon gestorben, bevor sie auf der Jahrestagung der FAI-Gleitschirmsektion CIVL am kommenden Wochenende eingehender diskutiert werden kann.

Alain Zoller hat das schnell erkannt und beklagt jetzt in einem neuerlichen offenen Brief auf seiner Internetseite: Warum sollen alle Piloten unter den Folgen von Regeln leiden, die nur für 0,15% der Piloten (den Wettbewerbspiloten die auch Cat.1 Wettbewerbe fliegen) gemacht werden, fragt er. Und hält fest: "Das Können eines Durchschnittspiloten hat sich in den vergangenen 15 Jahren kaum verändert, aber die Schirme haben es. Mit Schirmen, die immer anspruchsvoller werden, und einem Pilotenkönnen, das noch so ist wie vor 15 Jahren, macht diese Entwicklung keinen Sinn."

Zoller kritisiert in seinem Brief namentlich den DHV als Schwergewicht in der EHPU, der starr auf seiner Forderung bestehe: Nur EN-getestete Schirme in Wettbewerben. Dabei lässt Zoller beiläufig einfließen, dass gerade deutsche Hersteller bei der Entwicklung gestreckterer Schirme vorpreschen, womit er mit Blick auf Swing und U-Turn in den B- und C-Klassen auch richtig liegen dürfte.

(Kleine Anmerkung am Rande: Alain Zoller wird gelegentlich eine gewisse Nähe zu Ozone nachgesagt. Und der PMA-Vorschlag für eine Competition Class mit beschränkter Streckung wurde maßgeblich auch von Ozone entwickelt. Inwieweit hier Marktmächte im Hintergrund die Geschicke der Gleitschirmpolitik lenken und bewusst oder en passant ihre Lautsprecher finden, ist schwer auszumachen).

In jedem Fall schein absehbar, was passiert, wenn die Competition Class nicht kommt: Vor dem letzten PWC Superfinale hatte Gin seinen neuen Boomerang 9 zugelassen - mit einer Streckung von 7,8 (neuer Rekord bei EN-D) - und gleich dank Leistungsvorsprung auch gewonnen. Mit einer Competition Class als Rohrkrepierer würde es wohl nicht lange dauern, bis Ozone und Niviuk neue Enzos und Icepeaks mit größerer Streckung bauen würden, um wieder mithalten zu können. Entsprechende Andeutungen von Luc Armant (Ozone) gab es schon. Die Leistungswahnschraube würde einfach weitergedreht.
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4 Kommentare:

Marco hat gesagt…

Das ist eine echt schwierige Geschichte. Sollte doch mal die Frage gestellt werden, warum man von CC weg und zur EN-D-Klasse gegangen ist.

Es gab bei einem WeltCup gleich 2 Tote wegen überzüchteten Schirmen die keiner Prüfung unterliegen.
Das halte ich auch für schlechte Propaganda und sägt auch am eigenen Ast der Gleitschirmhersteller.

Ich selbst habe dafür gestimmt das es nur bis zur EN-D Klasse weiterhin in Wettbewerben geben soll.

Ob ich jetzt einen EN-D 2-Leiner mit einer Streckung von 7.8 fliege oder einen z. B. Mantra M4 Drei-Leiner mit einer Streckung von 6.5 bleibt letzten Endes die Entscheidung der Piloten und deren Fähigkeit sich selbst einschätzen zu können überlassen.
Und das haben wir doch auch von EN-A bis EN-C...

Freundliche Grüße
Marco S.

Lucian Haas hat gesagt…

Hey Marco,

die zwei Tote in Piedrahita waren sicher 2 zuviel. Ob dies nun den Schirmen angelastet werden kann, oder dem allzu großen Mut, den Beschleuniger zu treten, wird sich nicht klären lassen.

Leider führt die danach entstandene aktuelle Situation allerdings dazu, dass sich der Leistungskampf der Schirmentwickler in den Bereich der EN-zertifizierten Schirmklassen ausdehnt.

Ich persönlich fände es besser, wenn die wenigen Piloten, die tatsächlich Cat1 Wettbewerbe fliegen wollen, dafür auch speziell zugeschnittene Geräte mit entsprechenden Konstruktionsmerkmalen (Streckungsbegrenzung etc.) hätten.

Ein Formel-1 Fahrzeug darf nicht jeder auf den Straßen fahren. Einen EN-Schirm darf aber jeder Scheininhaber fliegen.

Der DHV und andere sollten ihre PR-Strategie überdenken und nicht den Breitensportcharakter des Gleitschirmfliegens über alle Eventualitäten stempeln. Denn dieser Schuss geht nach hinten los.

Normales Fliegen und "Rennfliegen" sind zwei unterschiedliche Ansätze. Natürlich sollen Rennpiloten für ihre Schirme eine größtmögliche Sicherheit bekommen. Aber das sollte nicht im Rahmen des EN-Systems stattfinden, da wäre eine Competition Class genau das Richtige.

Ich fände es auch anstrebenswert, dass Piloten sich eine Rennlizenz "erfliegen" müssen, u.a. durch Teilnahme an Sicherheitstrainings mit ihren jeweiligen Schirmen. Das würde zwar die Zahl der "Rennpiloten" sicher deutlich reduzieren, aber noch einmal deutlicher machen: Rennfliegerei und Breitensport sind 2 Paar Schuhe.

Lucian

Anonym hat gesagt…

Hallo Lucian,
Heuer wurde, meines Wissens nach, der Boomerang 9 beim Superfinale geflogen...;-)
LG, Mike Kozak

Lucian Haas hat gesagt…

Mike,

hast völlig recht. Muss Boomerang 9 heißen, hab's korrigiert. Blöder Flüchtigkeitsfehler.

Lucian