Die erste echte Haifischnase

Der Minoa von Swing hatte schon 1994 eine Haifischnase. // Foto: R. Schmid
Immer mehr neue Schirme kommen heute mit einer Art Haifischnase auf den Markt, d.h. einer geschlossenen Front mit einer Stufe im Profil und leicht zurückversetzten Eintrittsöffnungen. Diese sogenannte Shark Nose wurde allerdings nicht, wie von Ozone gerne dargestellt und sogar patentiert, erstmals 2011 in deren Wettbewerbsflügel R11 realisiert.

Originalprofil (Unterseite) des Minoa. // Quelle: Swing
Tatsächlich gab es schon 1994 einen Schirm, der mit ganz ähnlichen Merkmalen aufwarten konnte: Der Minoa von Swing. Dieser Wettbewerbsflügel hatte ebenso ein Profil mit einer dünneren, geschlossenen Schnauze und zurückversetzten Eintrittsöffnungen an der Unterseite. Das Originalprofil lagert noch im Archiv von Swing und zeigt genau die typisch gestufte Nase. Der Minoa war etwas schwierig zu starten. Damals gab es noch keine Stächen, die der Nase auch ohne Innendruck ihre Form geben konnten. Aber einmal in der Luft, muss es ein sehr schöner Schirm gewesen sein, von dem einige Piloten noch heute schwärmen.

Angesichts des Minoa ist es fraglich, ob Ozone im Falle eines Rechtsstreites um sein Shark-Nose-Patent dieses behalten würde. Vielleicht haben die Designer um Fred Pieri und Luc Armant auch deshalb großzügig darauf verzichtet, Lizenzgebühren für das Nachbauen von Haifischnasen von anderen Gleitschirmfirmen verlangen zu wollen.

Das Doppelsegel des Minoa entlüftete über kleine Löcher
an der Hinterkante. // Quelle: parapentiste.info
Ein weiteres innovatives Merkmal des Minoa ist bisher noch nicht wieder am Gleitschirmmarkt erschienen: Der Schirm hatte am Obersegel eine Art zweite Haut, die sich jeweils von der Mitte einer aufgeblähten Zelle zur nächsten spannte und an der Hinterkante über kleine Löcher entlüftete. Auf diese Weise war die Oberseite des Segels extrem glatt, weil die Stofffalten entlang der Profilrippen unter diesem Doppelsegel verborgen blieben. Der Minoa erreichte schon damals eine Gleitzahl von 8,5.

Heute versuchen Gleitschirmdesigner mit 3D-Shaping, Cord-Cut-Billow und dem Einsatz dünnerer bzw. weicherer Stoffe den Faltenwurf in Grenzen zu halten. Aber wer weiß: Vielleicht führt der Drang nach immer mehr Leistung noch dazu, dass bald irgendeine Firma den angeblich ersten Schirm mit Smooth-Skin-Technologie (SST) präsentiert? Damals ist das Konzept übrigens wegen extrem hoher Fertigungskosten von Swing nicht weiter verfolgt worden. Allerdings hatten damals Wettbewerbsschirme auch noch keine 101 Zellen, wie Ozones neuer Enzo 2 - der angeblich teuerste Schirm der Firmengeschichte...
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2 Kommentare:

Sebastian hat gesagt…

Ozone versucht in diesem PDF die Unterschiede zu den bestehenden Konzepten deutlich zu machen: http://downloads.flyozone.com/pdf/PG/ozone_shark_nose_en.pdf Nicht alles was aussieht wie eine Sharknose (nach hinten versetzte Eintrittsöffnung oder wie beim Minoa konkave Profilrippen) ist auch eine Sharknose im Sinne von Ozone. In sofern mach ich mir keine Sorgen über das "Abgucken" anderer Hersteller, denn vom Abgucken allein wirds allenfalls ein "Back Positioned Intake" (777) oder eine "Equalized Pressure Technology" (Gin). Man muss auf jeden Fall Ozone eingestehen, dass sie diesen Trend bei den modernen Gleitschirmen mit dem R10 eingeläutet haben. In sofern finde ich das Ozone-Bashing, das wegen dem angemeldeten Patent betrieben wird, nicht gerechtfertig. Happy Landings, Sebastian

Lucian Haas hat gesagt…

Sebastian,
mein Post ist kein Ozone-Bashing, sondern ein Rückblick in die Gleitschirm-Geschichte, der zeigt, dass manch große Neuerung keine Revolution, sondern nur eine Evolution bedeutet. Dass Ozone mit Einführung der Shark-Nose etwas altes aufgegriffen, aber auf interessante Weise weiterentwickelt hat, steht außer Frage.
Lucian