Leistungsmakel (5): Verdrillfreudige Leinen

Diese kleine Serie auf lu-glidz beschäftigt sich mit Sicherheitsmängeln, die Schirme der neuen Generation konstruktionsbedingt aufweisen (können). Im Teil 4 geht es um sich verdrillende Leinen.

Moderne, auf Leistung getrimmte Schirme besitzen heute immer dünnere und unummantelte Leinen. Durch den geringeren Querschnitt bieten solchen Leinen der umfließenden Luft einen geringeren Widerstand, was letztendlich die Gleitleistung der Schirme verbessert. Doch dieses Plus erkauft man sich mit Nachteilen.

Ein im Flug beim Ohrenanlegen entstandener Knoten in der Bremsspinne.
// Foto: O. Blonske - Gleitschirmdrachenforum
Dünne Leinen sind leicht und flexibel wie Nähgarn. Unter Last erscheinen sie einem zwar strack und gerade wie Drähte, doch ohne Last können sie ein erstaunliches Eigenleben entwickeln. Manche Leinen sind durch ihre Webart oder einen unachtsamen Einbau in sich verdrillt. Legt man nun zwei dünne Stränge davon ohne Last nebeneinander so dass sie sich berühren und aneinander reiben, haben sie die Tendenz, sich wie von Geisterhand umeinandern zu wickeln, wie eine Bohnenranke um eine Stange. Kommt diese Wicklung nun unter Zug, können sich die Windungen zu einem festen Knoten zusammenziehen. So kommt es immer wieder vor, dass Piloten zwar vor dem Start ihre Leinen checken und keine Knoten erkennen, doch nach dem Aufziehen plötzlich doch einen Knüpfer in der Galerieleine haben. Dieser ist dann erst auf die beschriebene Weise während des Startprozesses entstanden.

Selbst während des Fluges können nach dem gleichen Prinzip noch bösartige Knoten entstehen, und zwar immer dann, wenn die dünnen Leinen entlastet sind. Das kann bei einem Klapper der Fall sein, aber auch bei einem profanen Manöver wie dem Ohrenanlegen. Bei eingezogenen Ohren sind die Galerieleinen, aber auch die Bremsanlenkung der äußeren Zellen ohne Zug. Leicht und flexibel wie sie ohne Mantel nun mal sind, flattern die dünnen Leinen im Fahrtwind, schlagen aneinander, werden durch die Luftströmung leicht verwirbelt und verdrillen unter Umständen für den Piloten völlig unbemerkt. Wenn dieser nun nach einiger Zeit die Ohren öffnet, ziehen sich die verdrillten Leinen zu einem ansehnlichen Knoten zusammen. Es gibt kaum eine Chance, ein solches Konstrukt im Flug wieder zu lösen, denn jeder Zug zieht alles nur noch fester zusammen.

Es sind diese Momente, in denen Piloten gerne auf 0,2 Gleitzahlpunkte verzichten würden, um eine voll ummantelte und damit steifere Bremsleine zu haben, die ihnen das Flugvergnügen nicht so leicht vereitelt.
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