Die Verkreisung des Quadrats

Rundkappe oder Kreuzkappe als Retter? Die neue Marke Companion setzt mit dem Modell SQR auf die Fusion beider Konzepte. 

Paart man eine klassische Rundkappe mit einer typischen Kreuzkappe,
kommt im Ergebnis die quadrat-runde SQR heraus. // Grafik: Companion
Als der Konstrukteur Hannes Papesh vor knapp zwei Jahren Nova verließ, kündigte er in einem Interview mit Lu-Glidz neue Projekte an: "Ich denke, dass wir das ursprüngliche Versprechen des Gleitschirmfliegens - einfaches und sicheres Fliegen für Jedermann - endlich umfassend umsetzen müssen", sagte er damals. Was er genau damit meinte, verriet er allerdings nicht.

Vermutlich hatte er selbst nur erste Vorstellungen, aber mittlerweile hat er, neben der Konstruktion von Schirmen für Advance, eine weitere verwirklicht. Gemeinsam mit Peter Mack, Mike Küng und Rolf Zeltner gründete er die Marke Companion. Die Idee dahinter: Das computertechnische Knowhow, das heute für die Simulation und Konstruktion von Gleitschirmen zur Verfügung steht, auch auf Rettungsschirme zu übertragen. Das Ergebnis ist eine interessante Innovation.

Die SQR hat Auslassöffnungen an
den Seiten wie eine Kreuzkappe.
// Grafik: Companion
Companion hat eine neue Grundform des Rettungsschirms entwickelt. Das Modell SQR stellt die Mischung einer Rundkappe mit einer Kreuzkappe dar. Das Kürzel SQR steht dabei für SquareRound, also "quadrat-rund".

Wie eine klassische Rundkappe ist die SQR in der Planform rundlich und aus relativ gleichförmigen Stoffbahnen aufgebaut. Dadurch lässt sie sich den Herstellerangaben nach ähnlich leicht packen. Von der Kreuzkappe wiederum hat sie unter anderem die vier seitlichen Ausblasöffnungen geerbt. Das soll, wie bei Kreuzkappen typisch, für eine verbesserte Pendelstabilität sorgen. Das Gewicht liegt im Rahmen dessen, was für moderne Retter üblich ist: Die SQR für max 120 kg Anhängelast bringt bei einer Fläche von 32,4 m² rund 1,5 kg auf die Waage.

Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie die SQR entwickelt wurde. Aufbau und Form wurden mit Hilfe von rechenintensiven Strömungssimulationen am Computer optimiert. Der Experte für diese Arbeit im Team war nicht Hannes Papesh, sondern Peter Mack, früher einmal Produktionsmanager von Nova in Ungarn. Heute führt er seine eigene Firma Evotec. Companion ist ein Joint Venture von Evotec mit Advance, wobei die Schweizer vor allem für den Vertrieb zuständig sind.

Im Gespräch mit Lu-Glidz erzählt Peter Mack von der Entwicklung der SQR :

Peter Mack hat die SQR maßgeblich
mit entwickelt. // Quelle: P. Mack
Peter, Du hast mit Hannes Papesh, Mike Küng und Rolf Zeltner die Firma Companion gegründet. Ihr entwickelt Gleitschirmrettungen. Ist das überhaupt ein lukratives Geschäft?
Peter Mack: Ob es lukrativ ist, wissen wir noch nicht. Wir wollten mit dem Projekt eine Vision verwirklichen, und zwar dank der einmaligen Kombination des Know-Hows unseres Teams eine neue Generation von Rettungsschirmen zu entwickeln.

Euer erster Retter kommt gleich mit einer neuen Form daher. SQR ist gewissermaßen die Fusion von Rund- und Kreuzkappe. Wo liegen hier die Vorteile?
Peter Mack: Die SQR bietet unserer Meinung nach das Beste aus zwei Welten. Konkret: sehr schnelle Öffnung, hohe Pendelstabilität bei guten Sinkwerten, leichtes Systemgewicht bei Verwendung von normalen Materialien und - last but not least - ist die SQR einfach und sicher zu packen.

Wie entwickelt und berechnet man Rettungsschirme von Grund auf neu. Standard-Konstruktionssoftware wie beispielsweise Glider-Plan im Gleitschirmbereich wird es wohl kaum geben?
Peter Mack: Nein, die gibt es tatsächlich nicht. Wir haben unsere eigenen Tools primär aus der Gleitschirmentwicklung weiterentwickelt, bis wir in der Lage waren Notschirme zu konstruieren und computerbasierte Simulationen zu machen. Aus den aufwendigen Simulationen konnten wir Rückschlüsse für den weiteren Entwicklungsverlauf ziehen. Das war für uns eine schöne Herausforderung und benötigte viel Zeit und Geduld. Ein weiterer wichtiger Punkt in der Entwicklung war, die theoretischen Resultate in der Praxis zu verifizieren. Dazu haben wir viele Abwurftests gemacht und sogar einen eigenen Testwagen gebaut für die Lasttest-Erprobung.

Wer hatte eigentlich die Idee, die Kreuzkappen wieder in Richtung Rundkappe weiter zu entwickeln, Hannes Papesh oder Du?
Peter Mack: Hannes und ich haben in den letzten Jahren viel Zeit damit verbracht, zusammen Ideen in diesem Bereich weiterzuentwickeln. Es ist ein gemeinsames Kind. Auch Mike Küng hat in der Erprobungsphase sehr wichtige Inputs zu diesem Projekt gegeben. Die finale Abwicklung stammt aus meiner Feder.

Simulation der Strömung an den Luftauslassöffnungen der SQR.
// Grafik: Companion - P. Mack
Kann man heute die Öffnung einer Rettung komplett im Rechner simulieren?
Peter Mack: Theoretisch wäre das möglich, praktisch ist die ganz realistische Simulation aber schwierig, denn bei hohen Öffnungsgeschwindigkeiten dehnen sich Stoffe und Leinen. Zudem kommen noch andere Störfaktoren dazu.
Wir haben die Umströmung der geöffneten Kappe simuliert und daraus Schlüsse für die optimale Form der Rettung gezogen. Es ging darum, viele verschiedene Grundformen und Grundwiderstände miteinander zu vergleichen, um am Ende die beste Form daraus abzuleiten. Zudem konnten wir die Effizienz der Airjets, das sind die seitlichen Luftauslassdüsen, ebenfalls mit Strömungssimulatioen analysieren und verbessern. Das hat sich positiv auf das Pendelverhalten ausgewirkt.

Wie viele reale Prototypen waren nötig, um die SQR in eine zertifizierbare Form zu bringen?
Peter Mack: Bei 15 Stück haben ich aufgehört zu zählen, (lacht...)

Wo werden die Rettungen produziert?
Peter Mack: Gewisse Komponenten werden im Advance Werk in Vietnam vorbereitet. Der Hauptteil der Arbeit passiert anschließend in unserem neuen Werk in Ungarn. Da wird auch eine mehrstufige Qualitätskontrolle durchgeführt, bevor die Retter sorgfältig gepackt und in die ganze Welt verschickt werden.

Wird es in Zukunft noch andere Produkte von Companion geben - neben den Rettungen?
Peter Mack: Die Kernkompetenz der Marke Companion ist die Entwicklung von Rettungssystemen für Hängegleiter. Doch auch wenn der SQR bereits eine sehr breite Zielgruppe abdeckt, haben wir noch mehrere Eisen im Feuer.

Soweit das Gespräch. Ob die SQR nun zu den besten Rettungskonzepten zählt, die man derzeit am Markt finden kann, müssen erst noch Praxiserfahrungen mit vielen beobachteten Auslösungen zeigen. Es könnte interessant sein, am Ende der kommenden Flugsaison die bis dahin gewonnenen Einschätzungen verschiedener Sicherheitstrainer abzufragen. Ein erstes Video eines Testwurfes der SQR, das Chris Geist von der Paragliding Academy auf Youtube gestellt hat, bestätigt zumindest die versprochene Pendelstabilität. (Das seitliche Abtreiben der Kappe ist Folge des beim Dreh herrschenden starken Windes am Gardasee).



Dass das Konzept der SQR nicht nur in seinen aerodynamischen Details durchdacht erscheint, zeigt auch ein Blick in die Packanweisungen im Handbuch der SQR (pdf). Sowohl Leinen als auch Stoffbahnen sind mit unterschiedlichen Farben so markiert, dass man der Anleitung leichter folgen können sollte. Der Anspruch, die SQR genauso einfach packen zu können wie eine Rundkappe, dürfte durchaus erfüllbar sein.
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10 Kommentare:

Christoph Bladt hat gesagt…

Hallo Lucian

Habe mich vor kurzem für die SQR entschieden.
Nur geringfügig Teurer als die Evocross dafür aber knapp 400gramm leichter.
Die Gewichtangaben der Herstellerseite entsprechen der Realität hier wird einem nichts vorgegaukelt :)

Ich hoffe mal das ich sie nie brauchen werde.


Gruß Christoph

Ralf Blumenthal hat gesagt…

Hi Lucian,
auch ich habe mich in den letzten Wochen intensiv mit den verschiedenen Retterkonzepten befasst.
Letztlich stand zur Wahl die X-One und die SQR.
Das ich mich für die SQR entschieden habe lag nicht nur am geringen Aufpreis für die SQR von 75 € zur X-One. Vielmehr war das Vertrauen in die Kompetenz der an der Entwicklung beteiligten Personen ausschlaggebend.

Viele Grüße
Ralf Blumenthal

Tim-Patrick Meyer hat gesagt…

Hi Lucian, danke für diesen Bericht! Ich kann mir denken, dass sich die SQR sehr gut verkaufen wird, da Kreuzkappen ja (zu Recht) schon sehr beliebt sind ... wenn die SQR noch leichter zu packen ist, klingt das echt super! Meines Wissens sind allerdings Rogallo-Retter bei der Öffnungsgeschwindigkeit (dem aus meiner Sicht wichtigesten aller Kriterien) immer noch ungeschlagen. Hinzu kommen eine ausgesprochen niedrige Sinkrate und hohe Pendelstabilität. Bin sehr gespannt auf Erfahrungsberichte mit der SQR, aber vorerst bleibe ich Fan von Rogallos! Viele Grüße, Tim

Lucian Haas hat gesagt…

Hey Tim, Rogallos haben ihre Fans, aber auch ihre Kritiker. Die Chance, dass ein Rogallo nach dem Wurf vertwistet aufgeht, ist relativ hoch. Wer dann erst mit dem Twist kämpft, anstatt sich auf die Landung vorzubereiten, hat von einer schnellen Öffnung wenig. Erst recht, wenn Schirm und Rogallo in den Downplane kommen...

Wie schnell eine Rettung öffnet, wird übrigens sehr stark davon beeinflusst, wie stark und in welche Richtung (entgegen der eigenen Bahn) sie geworfen wird. Ein gutes und regelmäßiges Rettertraining ist da viel wichtiger als die blanke Öffnungszeit auf dem Zulassungspapier.

Die meisten Piloten werden im Notfall mit einer einfacheren Rettung als der Rogallo i.d.R. besser zurecht kommen. Da kann man werfen und sich danach um die Deaktivierung des Hauptschirms kümmern, anstatt noch von Vertwistung und Steuerung der Rogalle abgelenkt zu sein.

Das wichtigste ist eh, den Retter überhaupt zu werfen!

Tim-Patrick Meyer hat gesagt…

Ja, Rogallos sind natürlich auf Grund der Steuerbarkeit auch komplexer, zumal es wirklich nicht so einfach ist, sie tatsächlich zu steuern, wie ich im Sicherheitstraining erfahren habe. Daher ist die Steuerbarkeit für mich auch gar nicht das entscheidende Kriterium für einen Rogallo, sondern eben Öffnungszeit, Sinken und Pendelstabilität. Da glaube ich immer noch, dass Rogallos die Nase vorn haben (lasse mich aber auch gerne vom Gegenteil überzeugen!). Und, wenn man sie wie einen "normalen" Retter behandelt, sind sie auch nicht schwerer zu bedienen: Retter raus, Hauptschirm killen. Da ist es auch egal, ob er vertwistet ist. Die Steuerbarkeit ist für mich nur ein potenzieller Bonus für Piloten, die es können, und noch genügend Höhe über Grund haben.

Aber ich wollte auch nicht das Thema hijacken ... um Rogallos ging's ja eigentlich gar nicht :-).

Viele Grüße!
Tim

Peter Stucki hat gesagt…

Hallo zusammen

Rogallos öffnen am schnellsten, da diese auf der ganzen Länge des gepackten "Schlauchs" Luft fassen können. Am zweit schnellsten sind die Kreuzkappen, je grösser die Schlitze seitlich und je kürzer die Leinen um so schneller die Öffnung.

Rundkappen und Verwandte können nur unten am Basisrand Luft fassen und neigen zur Birnenbildung, wie es auf dem Video von der SQR am Gardasee ersichtlich ist. Auch geht der Retter da in eine Scherenstellung, was zu sehr hohen Sinkwerten führt.
Es ist gut möglich, dass bei der SQR die Sinkwerte durch Vorwärtsfahrt verbessert wurden um so die Fläche klein zu halten, was ich persönlich nicht so vorteilhaft finde, denn die resultierende "Einschlaggeschwindigkeit" bleibt hoch. Im Gegensatz zu Rogallos ist die Flugrichtung nicht unbedingt vorwärts, was ebenfalls auf dem Video vom Gardasee ersichtlich ist (Natürlich half da auch der Wind).

Ich für meinen Teil, möchte diesen Retter erst einmal selber werfen, denn ich sehe hier keine super Innovation sondern eine Rundkappe mit kleinen Schlitzen auf der Seite, was auch keine Neuheit ist, dies hatten schon etliche Rundkappenschirme aus der Vergangenheit, z.B. Rundkappenschirm T10, MC 6 etc.

Viele Grüsse

Peter

Anonym hat gesagt…

Hi Peter,

die "Birnenbildung" findet exakt genauso wie in obigem Video bei jeder Öffnung einer Kreuzkappe statt. Habe noch kein einziges Video gesehen, auf dem eine klassische Kreuzkappe irgendwie anders öffnet.

Anonym hat gesagt…

Hallo Zusammen,

mein Abfluggewicht liegt bei ~90 kg und mir wurde von einem Fachhändler die SQR 100 verkauft.
Nun habe ich mich etwas tiefgründiger mit Rettungen beschäftigt und festgestellt das es in der Szene üblich ist, eine Rettung zu wählen deren max. Gewicht deutlich (min. 10kg) über dem Abfluggewicht liegt. Gleichzeitig ist die SQR 100 von der Fläche ziemlich klein. Ich kann mir nicht vorstellen das Innovation und Hightech die Leistung so verbessern könnnen, das die Fläche kleiner werden kann.
Würdet ihr bei meinem Abfluggewicht lieber eine SQR 120 wählen?

Lg Tobi

Lucian Haas hat gesagt…

Hi Tobi,

zum Thema Rettergröße in Bezug auf Gewicht wirst Du in der Szene die unterschiedlichsten Meinungen hören. Die Einführung der Kreuzkappen mit ihrer teils deutlichen Vorwärtsfahrt hat die Diskussionslage noch komplexer gemacht, da hier eine kleinere Fläche nicht zwangsläufig eine höhere Sinkgeschwindigkeit bedeuten muss. Mehr Anhängelast soll bei manchen Kreuzkappen sogar das Pendelverhalten verbessern. Wie diese Gesamtgleichung nun bei den SQR-Modellen aussieht, werden Dir am ehesten jene Sicherheitstrainer beantworten können, die viele solcher Trainings leiten und schon etliche Retterabgänge mit der SQR gesehen haben. Sie haben einen Eindruck von deren Verhalten in der Praxis zu bekommen und geben in der Regel auf private Nachfrage hin auch offen Auskunft.

Anonym hat gesagt…

Hey Lucian,

vielen Dank für dein schnelles Feedback.
Noch habe ich ggf. die Möglichkeit die SQR 100 gegen die 120er einzutauschen und wollte deswegen erstmal ein paar infos sammeln ob es sinnvoll ist. Ich bin noch nicht so lange am fliegen und wurde durch die ganzen Meinungen sehr verunsichert. Hierbei basieren die Meinungen wahrscheinlich primär auf Erfahrungen mit älteren Rettungen der letzten 10 Jahre, ob die mit modernen Konzepten vergleichbar sind, weiss ich leider nicht. Da die SQR noch recht neu ist wird es wahrscheinlich auch noch nicht so viele infos dazu geben.

Tobi