Buchtipp: The Missing Link

Woran erkennt man ein gut gebautes Gurtzeug und wie stellt man es ein? Das Buch "The Missing Link" von Michael Nesler und Gudrun Öchsl liefert wertvolles Hintergrundwissen.

Das Cover von The Missing Link.
// Quelle: Profly.org
Wenn unter Gleitschirmpiloten über Ausrüstung und Flugleistung gesprochen wird, steht der Schirm in der Regel immer an erster Stelle. Dann folgen Vario und Flugcomputer, und erst zuletzt wird vielleicht auch das Gurtzeug erwähnt. Dabei ist dieser Teil der Ausrüstung für das Flugerlebnis und -ergebnis mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar von entscheidender Bedeutung. Denn die Agilität, das Fluggefühl und das Extremflugverhalten eines Schirmes wird enorm davon bestimmt, wie das angehängte (Piloten-)Gewicht und dessen Bewegungen auf den Schirm rückwirken können.

Angesichts der großen Bedeutung des Gurtzeugs als zentrales Verbindungsglied wird dieses Bauteil wie das Wissen darüber in der Praxis allerdings sträflich vernachlässigt. Welcher Pilot wurde in der Flugschule über die Bauweisen, Verstrebungsarten und Einstellmöglichkeiten verschiedenster Gurtzeuge aufgeklärt? Wem wurde gezeigt, wie sich Fehler bei der Einstellung und der damit verbundenen Pilotenhaltung negativ auf das Flugverhalten und das Fluggefühl auswirken können? Hand aufs Herz: Die wenigsten dürften sich hier als gut informiert betrachten. Es ist an der Zeit, diese Lücke mit Wissen zu füllen.

Michael Nesler ist Gleitschirmkonstrukteur, u.a. für Swing. Dennoch oder gerade aus diesem Hintergrundwissen heraus sagt er: "Das Gurtzeug und dessen Einstellung tragen mehr zur Sicherheit und Handling bei als der Gleitschirm selbst."

Gemeinsam mit seiner Partnerin Gudrun Öchsl hat er das kleine aber feine, 56-seitige Buch "The Missing Link" geschrieben. Darin geht er in acht Kapiteln darauf ein, was eine gute Gurtzeugkonstruktion ausmacht, auf welche (teils versteckten) Qualitäts- und Maßdetails man beim Kauf achten sollte, wie man ein Gurtzeug Schritt für Schritt richtig einstellt und warum das Erreichen einer idealen Sitzposition für ein sicheres wie effizientes Fliegen so wichtig ist.

Anfangs könnte man meinen: Warum braucht es ein ganzes Buch über Gurtzeuggrundlagen? Doch wer die leicht lesbaren, gut verständlichen Kapitel mitsamt ihrer vielen Praxistipps durcharbeitet, wird selbst als erfahrener Flieger feststellen, dass für ihn im Bereich Gurtzeuge noch vieles weitgehend unbekannt, selten bedacht und optimierbar ist.

Eine schaukelige Vier-Punkt- und die ruhigere Zwei-Punkt-Aufhängung
bzw. Steuerhaltung. // Quelle: Profly.org
Ein interessantes Beispiel aus dem Buch ist die Frage, welche intuitive Steuergrundhaltung sich durch die Einstellung des Gurtzeuges ergibt. Ideal ist eine Haltung, bei der die Hände automatisch direkt neben und parallel zu den Tragegurten geführt werden. Denn so werden alle Kräfte zwischen dem Piloten und dem Schirm nur über zwei Aufhängungspunkte übertragen. Wird die Gurtzeugeinstellung allerdings so gewählt, dass die Steuerbewegungen mit den Händen deutlich hinter oder neben den Tragegurten erfolgen, ergibt sich eine Vier-Punkt-Aufhängung. In diesem Kräfteparallelogramm führt das Ziehen an den Bremsen dazu, dass der Pilot mit Gurtzeug automatisch eine Nick-, teils auch Rollbewegung vollführt. Das bringe Unruhe in das System, mache den Flug für den Piloten schaukeliger, koste Leistung, und der Schirm werde sogar anfälliger für Störungen, so Nesler.

Das Gute an diesem Buch ist, dass die Autoren keine grundsätzlichen Empfehlungen für einzelne Marken, Bauweisen oder Modelle aussprechen. Vielmehr erklären sie die Vor- und Nachteile der verschiedenen Grundkonstruktionen so, dass der Leser später beim Gurtzeugkauf leicht erkennen kann, auf was für ein System er sich einlässt und auf welche Besonderheiten er jeweils achten sollte.

Einen Punkt, der in vielen Pilotendiskussionen über Gurtzeuge häufig an erster Stelle steht, lässt "The Missing Link" völlig außen vor: Sind nun Airbags oder Schaumstoffbags die besseren Protektoren? Hierauf geht das Buch gar nicht ein - ganz nach dem Motto, dass die Hauptfunktion eines Gurtzeug im sicheren Fliegen und nicht im unberechenbaren Einschlag liegt. Und wer ersteres optimiert, wird letzteres vielleicht gar nicht erst erleben müssen.

Das Buch ist nicht nur für Piloten interessant, die gerade vor dem Kauf eines neuen Gurtzeuges stehen. Es liefert auch wertvolles Wissen, um Stärken und Schwächen eines schon vorhandenen Gurtzeug besser zu verstehen und dieses auf seine Bedürfnisse und Körperverhältnisse einzustellen. Wer zudem gerade plant, bald 700, 900 oder gar 1200 Euro für ein neues Gurtzeug auszugeben, der sollte ruhig erst einmal 14,90 Euro in ein Exemplar und das Wissen von "The Missing Link" investieren. Nach der Lektüre und den daraus gewonnenen Erkenntnissen wird er am Ende vielleicht nicht mit dem äußerlich coolsten, aber mit dem von Innenaufbau her passendsten Gurtzeug durch die Lüfte cruisen.


Michael Nesler, Gudrun Öchsl: The Missing Link. Professional Flying Team GmbH (Eigenverlag). 56 Seiten. 14,90 €. ISBN-13: 978-3940-988041

Das Buch ist in Deutschland erhältlich über Profly, in Österreich über den Thermik-Shop und in der Schweiz beim SHV (15,50 CHF). Zudem führen einige Flugschulen wie Drachenfliegenlernen.de (von der ich den Scan des Buchcovers übernommen habe) das Buch in ihren Shops.

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2 Kommentare:

martinpi hat gesagt…

Es wundert mich schon lange dass so viel über Schirme und so wenig über Gurtzeuge geredet wird. Testschirme bekommt man fast aufgedrängt, Testgurtzeuge sind eher eine Seltenheit. So spricht mir dieser Beitrag aus dem Herzen.

Ich habe das Buch bestellt.

Tobias Glatz hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.