Test: Jacke Aventus 3.1

Die speziell fürs Gleitschirmfliegen entwickelte Jacke Aventus 3.1 des Herstellers Abgeflogen überzeugt mit durchdachten Details. Sie ist aber auch ein Schwergewicht.  

Zwei Jacken in einer: Die warm gefütterte Innenjacke der Aventus 3.1
(rechts) kann auch solo getragen werden. Die Außenjacke (links)
ist sehr stabil und winddicht. // Fotos: Lu-Glidz
Es hat 1,5 Jahre Entwicklungsarbeit und zahlreiche Prototypen gebraucht, bis das Team der Abgeflogen Flywear GmbH um Nicolas Weber endlich zufrieden war. Im Frühjahr 2019 brachten sie die Aventus 3.1 auf den Markt – als (laut Werbetext) "perfekte Gleitschirmjacke für jede Saison".

Was hat diese Gleitschirmjacke, was andere Outdoor-Jacken nicht zu bieten haben? Die Abgeflogen-Macher haben sich tatsächlich einige Gedanken gemacht und die Aventus 3.1 mit etlichen, auf Gleitschirmflieger zugeschnittenen Details aufgewertet, die man in dieser Form anderswo nicht so schnell finden wird.

Rettungsschnur und Pfeife
immer dabei.
Die Jacke besitzt zum Beispiel zahlreiche Taschen an der Front und auf den Ärmeln, in denen man alles mögliche unterbringen kann. Sie tragen innen kleine Klipse, um daran bei Bedarf Sicherungsleinen etwa für einen Fotoapparat anzubringen. Zudem sind sie mit Kabel-Durchführungen versehen, um zum Beispiel Headset-Kabel bequem nach innen verlegen zu können.

Auf dem rechten Ärmel sitzt eine SOS-Tasche, in der standardmäßig ein Rettungsset mitgeliefert wird, bestehend aus Rettungsschnur und Notruf-Pfeife. Am Bund der Jacke sind im vorderen Bereich verdeckte Schlaufen angenäht, an denen man zum Beispiel ein Vario bei der Beinmontage sichern kann. Es sind solche Features, an denen man unschwer erkennt, dass die Designer selbst Piloten sind und deshalb wissen, worauf es im Gleitschirmalltag manchmal ankommt.

Mehr noch als mit solchen Gimmicks hat mich die Jacke aber mit weiteren Eigenschaften überzeugt.


Der Schnitt ist für die Flughaltung optimiert

Zum einen gilt: Wenn man in die Luft geht, will man es warm haben. Die Aventus 3.1 besteht aus einer auch solo zu tragenden, einzipbaren Innenjacke mit Primaloft-Fütterung, die tatsächlich für ein molliges Klima sorgt. In Kombination mit der darüber und  ebenfalls auch solo zu tragenden, winddichten Außenjacke braucht man im Flug keine Auskühlung mehr zu fürchten. Ein hoch schließender, aber nicht einengender Kragen hält den Wind vom empfindlichen Nacken fern. An den Ärmelenden sitzen weiche Stulpen fürs Handgelenk, die etwaige Kältebrücken zwischen Handschuh und Jacke vermeiden helfen.

Die Jackenärmel sind lang und breit genug geschnitten, um auch
in klassischer Flughaltung noch perfekt zu sitzen.
Besonders gefallen hat mir der Schnitt der Ärmel. Diese sind lang und (an passender Stelle) auch weit genug ausgeführt, um die typischen Bewegungen und Armhaltungen beim Fliegen nicht einzuschränken. Endlich mal eine Jacke, bei der man die Hände weit nach oben führen kann, ohne dass es um die Arme spannt und die Ärmel nach unten zieht.

Die Ärmel der Innenjacke sind allerdings etwas eng geraten am Unterarm. Das macht sich vor allem bemerkbar, wenn man beide Jacken in Kombination trägt und dann ausziehen möchte. Hier bedarf es einiger Verrenkungen und Festhalte-Übungen, um den Arm mit einem Zug aus beiden Jacken zu bekommen.

Nicht ganz so bedienfreundlich sind auch die langen 2-Wege-Reißverschlüsse der großen Vordertaschen. Die Zipper sind winddicht ausgeführt, was sie aber recht schwergängig macht. Sie einhändig im Flug zu öffnen oder zu schließen, ist zuweilen etwas fummelig.

Die Ärmeltasche mit dem SOS-Päckchen könnte für mein Empfindung auch etwas höher am Oberarm sitzen. Bei der realisierten Position rutscht das Rettungsschnur-Päckchen gerne einmal bis in die Armbeuge, was bei angewinkelten Armen im Flug stören kann.


Stabil, aber auch schwer

Bei der Qualität und Haltbarkeit der Nähte und Stoffe gibt es nichts zu meckern. Beim Oberstoff der Außenjacke haben es die Abgeflogen-Designer aus meiner Sicht sogar etwas zu gut gemeint.

Die Innenjacke der Aventus 3.1
kann eingezippt werden.
Es ist ein stabiles Cordura-Gewebe. Dadurch ist es wirklich winddicht, aber auch etwas steif und nicht besonders atmungsaktiv. Es gibt zwar extra Reißverschlüsse unter den Achseln, um dort längere Belüftungsschlitze zu öffnen. Doch bei stärkerer körperlicher Aktivität staut sich dann doch schnell die Wärme. Für Hike-and-Fly Touren würde ich andere Lösungen bevorzugen, bei denen man besser nach dem System "Zwiebelschale" arbeiten kann.

Die Jacke ist zudem kein Leichtgewicht. In der von mir getesteten Größe L kommt die Außenjacke auf knapp 900, die Innenjacke auf knapp 600 Gramm. Will man beide zusammen mal in einen Rucksack stecken, hat man einen 1,5 kg schweren, fußballgroßen Stoffklumpen zu verstauen. Wohl dem, der dann nicht mit einer platzoptimierten Leichtausrüstung unterwegs ist, sondern noch einen ausreichend dimensionierten Packsack zum Startplatz trägt.


Fazit: Die Aventus 3.1 ist eine vielseitig einsetzbare Jacke für Gleitschirmpiloten, die es in der Luft und beim Parawaiting rund ums Jahr warm und bequem haben wollen. Der Grundaufbau, der Schnitt und viele Detaillösungen sind auf diesen Einsatz hin optimiert. Die Jacke ist damit eine sehr interessante Option für Piloten, die im Flugalltag in der Regel mit der Bergbahn zum Startplatz kommen, und für die Gewicht keine entscheidende Rolle spielt. Wer den Flugsport allerdings häufig wandernd betreibt und gerne mal längere Hike-and-Fly Touren unternimmt, der dürfte die Aventus 3.1 zuweilen als etwas zu schwer und zu wenig atmungsaktiv empfinden. Vielleicht nimmt Abgeflogen ja die Anregung auf und entwickelt auch noch eine Light-Version dieses ansonsten durchaus gelungenen Konzepts.


Hinweis: Die Aventus 3.1 wurde mir für den Test von Abgeflogen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Ich selbst bin als Modell auf den Bildern zu sehen und trage dort eine Jacke in Größe L. Zur Einordnung: Ich bin 1,82m groß und wiege etwas über 70 kg. 
Die Jacken sind im Online-Shop von Abgeflogen erhältlich (Preis zum Zeitpunkt des Tests: 298 €). Neben der blauen Ausführung (Azur) wie auf den Bildern gibt es die Jacke auch in grau (Dark) und hellem grün (Lime). Die Farbe der zugehörigen Innenjacke ist immer gleich wie auf den Bildern.