Zum Start des PWC Superfinales kochen Diskussionen um Trimmtoleranzen und die Spannung von Stäbchen in Wettbewerbsschirmen hoch
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| Das Kürzen der Stäbchen in einem CCC-Schirm kann diesen stabiler, aber langsamer machen. // Bild: KI generiert |
Vor dem diesjährigen PWC Superfinale im spanischen Pegalajar sind neue Regel-Diskussionen aufgekommen. Wieder liegt der Fokus auf Schirmen von Ozone, namentlich den Enzo 3. Anders als vor zwölf Jahren steht allerdings nicht der Vorwurf der Täuschung im Raum. Dennoch hat die Geschichte das Zeug dazu, erneut zu einem Politikum zu werden.
Leistung vs. Stabilität
In den vergangenen Monaten ist bekannt geworden, dass beim Enzo 3 von seiner Bauweise her die Länge bzw. die dadurch erzeugte Spannung der Stäbchen im Schirm einen besonders großen Einfluss auf die Profilform und die Flugeigenschaften hat. Eine höhere Spannung der Stäbchen versteift und verbiegt die Profilnase des Zweileiners derart, dass die Schirme bei Fullspeed um gleich einige km/h schneller fliegen, dann allerdings auch klappanfälliger werden.
Ozone gibt an, dass die Enzos ab Werk gemäß Zulassung mit einer Stäbchenspannung in optimaler Balance zwischen Leistung und Sicherheit ausgeliefert werden. Allerdings sind sowohl Stäbchen als auch der Gleitschirmstoff sowie die Nähte eines Schirmes nicht längenstabil. Den Erfahrungen nach schrumpft die Kappe mit der Zeit etwas stärker, sodass die Stäbchen sie unter eine größere Spannung setzen. Die Schirme werden damit tendenziell schneller, aber auch instabiler.
Deshalb hat Ozone bereits die Empfehlung gegeben, zu stramm sitzende Stäbchen mit einem Nagelknipser um wenige Millimeter zu kürzen, wenn Enzo-Piloten den Eindruck haben, dass sich ihr Schirm im beschleunigten Flug nicht mehr ausreichend stabil anfühlt. Um den damit einhergehenden Geschwindigkeitsverlust etwas auszugleichen, könnten die Piloten die Kappe dann im Rahmen der erlaubten Leinentoleranzen bei Bedarf aber etwas schneller trimmen.
Reduzierte Trimmtoleranz ein Risiko?
Bisher galt für CCC-Schirme im Wettbewerb eine Toleranz von +10 bis -20mm. Wobei Wettbewerbspiloten eigentlich nur an einer etwas schnelleren Trimmung, d.h. bis -20mm Interesse haben. Anfang des Jahres hatte die PWC Organisation (PWCA) jedoch beschlossen, den zulässigen Trimmbereich im Sinne der Sicherheit auf +/- 10mm zu begrenzen. Diese Regel gilt damit auch für das Superfinale.
Im Vorfeld das Wettbewerbs kamen aber mahnende Stimmen auf. Der Franzose Honorin Hamard, selbst Testpilot bei Ozone, schrieb im PWC-Pilotenchat auf Telegram einen vielbeachteten Post mit dem sorgenvollen Tenor: Wenn Piloten nicht mehr die Möglichkeit hätten, ihren Schirm um bis zu 20mm schneller zu trimmen, sondern nur noch bis 10 mm, könnten sie eher gewillt sein, für mehr Topspeed eine zu hohen Stäbchenspannung beizubehalten. Das würde letztendlich ein größeres Sicherheitsrisiko darstellen.
Die PWCA sieht allerdings keinen Grund, von der 10mm-Regel abzuweichen. Das Argument: Die Hersteller sollten ihre Schirme so bauen, dass deren Sicherheits- und Leistungscharakter über die Nutzungsdauer hinweg bestehen bleibt. Wenn Veränderungen am Schirm eine größere Trimmanpassung erfordern, dann könnten die Hersteller einen Schirm ja auch in dieser geänderten Konfiguration zulassen, um wieder im Rahmen der 10mm-Regel zu liegen.
FFVL kündigt Proteste an
Ob und wie dieser Streit beim Superfinale weitergeht, ist noch unklar. Einige Zeichen stehen aber auf Eskalation. Der französische Verband FFVL hat sich eingeschaltet und plädiert ebenfalls für die alte 20mm Trimmtoleranzregel.
Der FFVL hat einen offiziellen Sicherheitshinweis an seine Wettbewerbspiloten herausgegeben. Darin empfiehlt er diesen eindringlich, nicht noch kurz vor dem Wettbewerb Änderungen an ihren Schirmen vorzunehmen. Denn das würde die bestehende und für die Piloten gewohnte Balance zwischen Leinentrimmung und Stäbchenspannung verändern. Die damit einhergehenden kurzfristigen Änderungen des Flugcharakters könnten ihrerseits das Risiko deutlich erhöhen.
De facto kann man den Sicherheitshinweis als Aufforderung der FFVL interpretieren, entgegen den neuen PWC Regeln zu fliegen. Denn er impliziert die Botschaft: Piloten mit bereits gekürzten Stäbchen und einer auf -20mm gestellten Trimmung ihres Schirmes sollten diese nicht noch schnell auf -10mm korrigieren (müssen).
Im gleichen Schreiben hat der FFVL die PWCA aufgefordert, die 10mm-Regel beim Superfinale nicht durchzusetzen. Das Argument: Diese Regeländerung sei während einer laufenden Saison erfolgt und damit nicht fair gegenüber den Piloten, die bei ihrer taktischen Saisonplanung eine Trimmtoleranz von 20mm eingeplant hätten.
Zugleich drohte der französische Verband: Er werde im Namen seiner Mitglieder alle Sanktionen oder Strafen, die sich aus dieser Regeländerung ergeben könnten, vor allen zuständigen Behörden systematisch anfechten. (Anmerkung: Da die PWCA selbst ein Verein nach französischem Recht ist, könnten dies französische Gerichte sein.)
Wenn es dazu käme, könnten die Ergebnisse des Superfinales möglicherweise wieder einmal unter Vorbehalt stehen.
Enzo 3 nicht CCC-konform?
Im Hintergrund der ganzen Diskussion schwelt noch ein weiteres Detail mit einer gewissen Brisanz. Ozone selbst hat erklärt, seit 2021 beim Enzo 3 Stäbchen eines anderen Herstellers einzusetzen als in dem ursprünglich im Jahr 2017 zugelassenen Muster. Das neue Stäbchenmaterial ist längenstabiler, kann damit aber offenbar die Problematik der bei schrumpfendem Segeltuch zunehmenden Stäbchenspannung verschärfen.
Daraus ergeben sich neue Fragen: Durfte Ozone laut CCC-Reglement bei einem für die Flugeigenschaften offenbar sehr wichtigem Bestandteil der Flügel überhaupt das Material einfach so ändern? Hätte das nicht eine Neuzulassung erfordert? Müssten deshalb die aktuellen Enzos nicht vielleicht als regelwidrig gelten und vom Wettbewerb ausgeschlossen werden, bis eine entsprechende Zulassung vorliegt?
Den ganzen Fall zu einer Art Enzogate 2.0 auswachsen zu lassen, daran wird derzeit wohl kaum jemand Interesse haben. Allerdings zeichnet sich schon ab, dass Hersteller, Zulassungsbetriebe und Wettbewerbsszene in Zukunft eine Antwort auf diese Frage finden müssen: Wie lassen sich Stäbchenlängen und ihr Einfluss auf die Leistung und die Flugeigenschaften der CCC-Schirme irgendwie kontrollier- und nachvollziehbar reglementieren?
Das Problem: Bisher gibt es kein Verfahren, mit dem sich eine von Stäbchen definierte Segelspannung in Gleitschirmen messen und eindeutig nachprüfen lässt.

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