Fünf Lehren, die man aus dem spektakulären Zusammenstoß einer Cessna mit einem Gleitschirm im Pinzgau ziehen kann
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| Trotz See-and-Avoid bleibt ein Kollisionsrisiko. // Bilder: Screenshots, Instagram: @sab_thi |
Das Problem "stehende Peilung"
Bevor ich hierzu ein paar Ideen aufzeige, sei erst einmal das Grundproblem skizziert, das in diesem Fall die Kollision mit befördert haben dürfte. Es geht um die sogenannte stehende Peilung.
Wenn ein Luftfahrtzeug sich einem anderen auf einem Kurs nähert, bei dem der Peilwinkel zueinander konstant bleibt, dann kann es leicht passieren, dass der andere regelrecht übersehen wird. Das hängt mit der Funktionsweise unseres Sehsinns bzw. der Verarbeitung der Bilder im Gehirn zusammen. Das Gehirn wird immer dann alert, wenn sich in unserem Blickfeld etwas verändert. Dann lenkt es seine Aufmerksamkeit darauf.
Ein Gleitschirm am Horizont, als Punkt oder schmale Silhouette, die sich bei einer stehenden Peilung im Blickfeld nicht bewegt oder verändert, bleibt unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle des Sehens. Erst im letzten Moment der Annäherung, wenn das Hindernis optisch schnell größer wird, fällt es doch noch auf. Dann ist es allerdings häufig schon zu spät, um eine Kollision noch zu vermeiden. Blendende Sonne oder tote Winkel beim Blick aus dem Cockpit können das Problem noch verstärken.
Die stehende Peilung gilt als eine der größten Schwächen des Prinzips des "See and Avoid" in der Luftfahrt. Und das nicht nur in Bezug auf langsam fliegende Gleitschirme, sondern ganz allgemein. Es gab auch zwischen größeren Motorflugzeugen schon spektakuläre Zusammenstöße, die ebenfalls daraus resultierten. Ein interessanter Bericht hierzu ist z.B. im Fliegermagazin nachzulesen.
Nun zu den fünf Möglichkeiten und Ideen, was man als Gleitschirmflieger tun kann, um ein durch stehende Peilung bedingtes Kollisionsrisiko zu reduzieren – nicht nur gegenüber Motormaschinen, sondern auch Segelflugzeugen, Drachen und anderen Gleitschirmen:
1. Wähle auffällige Schirmfarben
Und zwar solche Farben, die sich gut gegen einen blauen, weißen, grünen oder braunen Hintergrund absetzen. Das erhöht die Chancen, früher ins Auge zu stechen. Bei einer stehenden Peilung sind auffallende Farben auch zwar kein Garant, gesehen zu werden. Ein stehender roter Punkt überspringt nicht automatisch die Aufmerksamkeitsschwelle, nur weil er rot ist. Bei leichten Kursänderungen fällt man aber schneller auf.
2. Zeige deine Flügelfläche
Im Pinzgauer Kollisionsvideo ist zu sehen, dass die Pilotin die von hinten anfliegende Cessna einige Sekunden vor dem Zusammenstoß bereits hört. In so einem Fall besteht die Möglichkeit, durch Flugmanöver die Silhouette des Schirms im Sichtfeld des anderen zu verändern und so die Aufmerksamkeit zu erregen. Leite gezielt eine Kurve mit höherer Schräglage ein oder lass den Schirm stärker nicken, damit die dadurch sichtbare, farbige Flügelfläche dem anderen eher ins Auge springt.
3. Nutze ein Vario mit Flarm und ADS-L
Über Flarm sendest Du ständig Deine Position und Flugweg. Andere Luftfahrzeuge mit entsprechenden Geräten werden dann vorzeitig gewarnt, wenn sie sich auf einem möglichen Kollisionskurs befinden. Flarm ist zwar hauptsächlich bei Segelfliegern sowie Rettungshubschraubern, aber nur wenig bei motorisierten Flugzeugen verbreitet. Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Vor allem wenn sich die ähnlich funktionierende, simple Transpondertechnik ADS-L mit aufkommendem Drohnenverkehr immer weiter im Markt verbreitet, wird man mit einem Flarm- und ADS-L-fähigen Vario auf jeden Fall besser aufgestellt sein als ohne.
4. Mache Dich mit typischen Flugrouten vertraut
Fliegt man in der Nähe von unkontrollierten Sport- oder Segelflugplätzen, sollte man die typischen An- und Abflugrouten sowie die Platzrunden kennen, die dort empfohlen werden oder sogar vorgeschrieben sind. Dann kann man bestenfalls diese Bereiche des Luftraums komplett meiden. Sollte dennoch ein Durchflug erforderlich werden, fliegt man besser (sehr aufmerksam!) quer zur üblichen Flug- und Sichtachse der anderen. Damit ist man zum einem schneller aus dem Gefahrenbereich, zum anderen wird aus einer "stehenden" eine "laufende" Peilung, die den anderen eher dazu veranlasst, ein Ausweichmanöver einzuplanen.5. Installiere ein Warnblinklicht am Helm
Dies ist der vielleicht ungewöhnlichste Tipp, aber ein durchaus wirksamer. Es gibt akkubetriebene rote Rückleuchten fürs Fahrrad, die mit hellen Blinkmustern für eine gute Sichtbarkeit im Straßenverkehr sorgen, selbst am Tag. Solche Modelle lassen sich mit etwas Fantasie auch hinten am Gleitschirmhelm befestigen. Das wiederkehrende Aufleuchten wird zum hohen Aufmerksamkeitsfaktor in der Luft. Nicht von ungefähr sind in der zivilen Luftfahrt bei motorisierten Flugzeugen rote Blinkleuchten oder weiße Blitz-Strobes als Anti-Collision-Lights sogar vorgeschrieben.
Die Montage am Helm ist gegenüber der am Gurtzeug oder Schirm zu bevorzugen, weil man durch Drehen des Kopfes den Abstrahlwinkel der Warn-Flashes ständig verändern kann und so eher Beachtung findet.
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3 Kommentare
Hallo Lucian,
AntwortenLöschendas sind nette Ratschläge aber ich gehe davon aus, dass der Pilot im Steigflug war und aufgrund der hohen Cowling (Motorhaube; Anstellwinkel) den kompletten Schirm samt Pilotin schlichtweg nicht gesehen hat. So etwas kann passieren. Restrisiko. Zum Glück ist ja nichts passiert. 100% vermeiden kann man das nicht. Also tieferhängen und nicht versuchen, das über verschärfte Regeln oder Technik zu lösen. !00% Sicherheit gibt's nur als Fußgänger und auch da kann dich ein Auto erwischen.
Gruß Profilpolare
@Profilpolare: Normalerweise schalte ich hier keine anonymen Kommentare frei! Hier eine Ausnahme, weil Dein Kommentar in meinen Augen eine typische Denkweise zeigt: Man sucht beim speziellen Vorfall den Fehler und spricht dann von "Restrisiko", als müsste man das hinnehmen und wieder zum business as usual übergehen. Mir geht es aber nicht um den speziellen Fall, sondern um allgemeine Gedankenanstöße. Ein Rest-Kollisionsrisiko wird natürlich immer bleiben, und da ist die "stehende Peilung" einfach ein Thema. Man kann solche Vorfälle nutzen, um sich damit zu beschäftigen, wie sich dieses "Restrisiko" auf einen noch kleineren Rest reduzieren ließe. Die Ideen, die ich hier präsentiert habe, sind alle einfach umzusetzen und erfordern keine verschärften Regeln oder neue Regulierungen. Jeder darf davon mitnehmen, was er selbst mag und sinnvoll findet.
LöschenHallo Lucian,
AntwortenLöschenda bin ich vollkommen bei dir. Habe nur den Eindruck, dass viele Glauben, dass man mit Regeln und technischen Hilfsmitteln das Restrisiko auf Null fahren kann. Und das stimmt halt nicht. Und was im Namen der Sicherheit alles "verbrochen" wir, stößt mir zunehmend auf. Nicht nur beim Fliegen. Wer seinen Reifendruck am Auto nicht selbst überprüfen kann , dem nutzen auch die neuen Sensoren nichts. Aber ich muss diesen neumodischen Quatsch mitbezahlen. Und die Druckluft ist nun an vielen Tankstellen kostenpflichtig. Ist das nun sicherer? Oder nur teurer?
Und ähnliche Tendenzen sehe ich halt auch beim Fliegen.
Gruß Profilpolare
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