Das Retter-Verfängnis

Retter-Griff und Retter-Innencontainer bilden einen komplexen Verbund mit vielen möglichen Fehlerquellen. Eine kürzliche Sicherheitsmitteilung zeigt ein allgemeineres Problem. 
 
Ein Rettergriff wie der des Gurtzeugs Ava Cutaway
birgt das Risiko, sich als "Wurfanker" in
den Leinen des Retters zu verfangen.
// Quelle: O. Wirz
Sicherheitsmitteilungen gelten typischerweise nur für einzelne Produkte. Deshalb finden sie in der Regel nur bei jenen Piloten Beachtung, die das Produkt auch selbst besitzen. Ansonsten hält man sich ja nicht für "betroffen". Das ist allerdings häufig eine Fehleinschätzung. 

Viele der gemeldeten Sicherheitsprobleme sind zwar bei einem Produkt, etwa einem bestimmten Gurtzeugtyp, auffällig geworden. Aber das Problem dahinter ist de facto ein systemisches. Das heißt: Es könnte in ganz ähnlicher Weise auch bei weiteren Produkten selbst ganz anderer Hersteller auftreten. Denn Bauweisen ähneln sich häufig.

Deshalb empfiehlt es sich, immer alle (!) Sicherheitsmitteilungen zu lesen und sich die Frage zu stellen: Wie ist das bei meiner Ausrüstung gelöst? Kann ich dieses Risiko tatsächlich ausschließen?

Jüngstes und sehr treffendes Beispiel ist die Sicherheitsmitteilung von Kortel zum Gurtzeug Kanibal Race 2 (Lu-Glidz berichtete). Darin geht es um den Fall, dass eine etwas zu lange Verbindungsleine vom Rettergriff des Gurtzeugs zum Innencontainer es möglich macht, dass der Rettergriff beim Werfen der Rettung so weit herumschleudert, dass die langen Verschluss-Splinte des Griffes sich in den Leinen des Retters verfangen. Und mit etwas Pech sogar derart, dass die Öffnung des Innencontainers blockiert wird. Der gezogene Retter bleibt dann in seinem Päckchen gefangen und unwirksam. Was das bedeuten kann, zeigt ein tödlicher Unfall eines Piloten der Deutschen Liga in Werfenweng (s. DHV-Unfallbericht).


Rettergriff als "Wurfanker"

Das Problem dahinter betrifft allerdings nicht nur das genannte Gurtzeug von Kortel. Es gibt auch etliche andere Gurtzeuge am Markt, deren Retterfach jeweils mit langen Nylon-Splinten verschlossen wird, und bei denen der Rettergriff eine recht lange Verbindungsleine zum Innencontainer besitzt. Das Risiko des Verfangens mit dem Retter ist also auch dort gegeben. Und laut dem Gesetz von Murphy gilt: Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es auch irgendwann schief.

Ein verfangener Rettergriff.
// Quelle: DHV
Tatsächlich gibt es bereits vergleichbare Fälle, wenn auch mit glücklicherweise weniger dramatischem Ausgang. Lu-Glidz erreichte per Email folgender Bericht des Piloten Oliver Wirz, der mit dem Gurtzeug Ava Cutaway fliegt:

"Ähnliche Erfahrung bei mir. Gleicher Retter/Innencontainer, anderes Gurtzeug. Ich warf die Diamondcross 125 zur Probe über Wasser. Der Rettergriff verhakte sich mit den Retterleinen und blockierte die zweite Lasche und somit die Freigabe der Kappe aus dem Container. Ich konnte den Retter an den Leinen zu mir ziehen und Griff ( bzw. Nylonstäbchen) und Leinen entwirren. Beim erneuten Werfen öffnete der Retter einwandfrei. Mein Gurtzeug Ava Cutaway hat speziell viele Stäbchen am Rettergriff und wirkt wie ein Wurfanker."

Ein Foto des entsprechenden Rettergriffes ist oben zu sehen. Die Bezeichnung "Wurfanker" erscheint da ganz passend. Zumal Oliver zu Hause weitere Retterwürfe simulierte und auch dabei des Verfangen des Griffes in den Leinen nachstellen konnte. Ein zugehöriges, kurzes Video steht am Ende dieses Posts. Das Einfangen der Leinen durch den Rettergriff ist darin gut zu erkennen.


Wie der Innencontainer das Risiko erhöht

Oliver gab in seiner Email freilich noch einen weiteren, wichtigen Hinweis: "Ich halte den Innencontainer für das Hauptproblem.

In seinem Fall, wie auch bei dem, der zur Sicherheitsmitteilung von Kortel führte, handelte es sich beim Retter um die steuerbare Kreuzkappe Charly Diamondcross (baugleich mit Kortel Krisis Karré). Dieser wird mit einem besonderen Innencontainer ausgeliefert. Der weist nicht nur eine spezielle Verschlussweise mit zwei getrennten Leinenschlingen auf. Die Verbindungsleine des Rettergriffes wird zudem an ein Stoffdreieck geknüpft, das mittig auf der Rückseite des Containers sitzt. Es ist so groß ausgeführt, dass auch kürzere Verbindungen zum Rettergriff nicht immer sicher verhindern können, dass die längere Splinte des Griffes unter Umständen bis in die Leinen des Retters schlagen.

Freilich ist es nicht angebracht, allein diesen einen Typ von Innencontainer als Risiko anzusehen. Tatsächlich sind viele Kombinationen von Gurtzeug, Rettergriff, Verschluss-Splinten, Verbindungsleinenlängen und Innencontainern denkbar, die ein solches Retter-Verfängnis möglich machen. 

Deshalb der Tipp: Schaue bei Deiner Ausrüstung genauer hin. Kann der Rettergriff so weit umschlagen, dass sich die Verschluss-Splinte tief in den Retterleinen verfangen könnten, bevor der Innencontainer überhaupt öffnet?

Entsprechende Tests sind auch allen Herstellern anzuraten, um künftig beim Design von Retterfach und Retter-Anbindung möglichst "unverfängliche" Lösungen zu entwickeln.


Hier noch das Video des simulierten Retterwurfes mit Leinen-Verfängnis.