Der Klimawandel verändert die hydrologischen Bedingungen für die Fliegerei. Auf was wir uns einstellen müssen
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| Überentwicklungen dürften in Zukunft noch häufiger werden // Foto: Lu-Glidz |
Wenn in den Medien von Klimawandel die Rede ist, dann stehen vor allem Temperaturwerte im Fokus. Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klima-Abkommens zum Beispiel, das sich auf die globale Durchschnittstemperatur bezieht. Wobei diese Marke wohl sehr bald gerissen werden wird – global gesehen. In Mitteleuropa liegen wir bereits deutlich darüber. Hier haben die Durchschnittstemperaturen schon länger die Marke von +2 bis +2,5°C geknackt. Und in manchen Regionen wie dem Alpenraum liegen sie eher schon bei +3°C. Tendenz weiter steigend.
Solche Werte bedeuten freilich nicht, dass jeder Tag entsprechend wärmer ist. Es kann immer noch sehr kalte Tage geben. Und es hat auch früher schon sehr heiße Tage gegeben. Aber insgesamt betrachtet sind heute halt doch viele Tage (und auch Nächte) in allen Jahreszeiten von einer relativ größeren Wärmemenge geprägt. Und das hat Folgen – vor allem für den Wasserkreislauf und damit verbundenen Phänomenen bzw. Schlagwörtern: Luftfeuchtigkeit, Niederschlagsmengen, Niederschlagsart, Verdunstung, Dürre, Schneegrenze, Feuchtadiabatik, undsoweiter.
Klimawandel = Wasserwandel
Wer die Folgen des Klimawandels für die Fliegerei (und nicht nur für diese) verstehen will, der muss vor allem die Rolle des Wassers in all seinen Formen und Auswirkungen in den Blick nehmen. Diese ist allerdings so vielfältig und komplex, dass ich im Rahmen dieses Textes nur einige Aspekte davon beispielhaft aufzeigen kann.Wichtig zu wissen: Gasförmiges Wasser in der Atmosphäre ist selbst ein natürliches Treibhausgas, das Wärme zurückhält. Allerdings hat die Luft gewissermaßen eine natürliche Grenze, wieviel gasförmiges Wasser (gemessen in Gramm pro Kubikmeter) sie aufnehmen kann. Ist diese Sättigungsgrenze erreicht, setzt Kondensation ein. Sie kann im Endeffekt dazu führen, dass Wasser in flüssiger oder vereister Form als Regen oder Schnee wieder aus der Atmosphäre herausfällt.
Die Sättigungsgrenze ist abhängig von der Temperatur. Allgemein gilt: Für jedes zusätzliche Grad Celsius Temperatur kann die Luft sieben Prozent mehr Wasser aufnehmen. Die Zunahme ist dabei exponentiell. Steigt die Temperatur der Luft um etwas mehr als 10 Grad Celsius, verdoppelt sich damit die Wasseraufnahmekapazität. Entsprechend größer können auch die Niederschlagsmengen werden, die aus der Luft wieder ausfallen.
Veränderte Niederschlagsmuster
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| Starkregenfälle werden in Zukunft vor allem am Alpenhauptkamm deutlich häufiger. Dahinter steckt eine kräftigere Gewitteraktivität // Quelle: npj Climate and Atmospheric Science |
Durch diesen Zusammenhang führt der Klimawandel mit seinem Wärmeplus unweigerlich zu veränderten Niederschlagsmustern. Je nach Jahreszeit – das heißt: je nach Ausgangstemperatur – kann sich das unterschiedlich ausprägen.
In wärmeren Wintern sinkt die relative Luftfeuchtigkeit nur wenig oder gar nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass Niederschlag seltener als Schnee fällt, der die Strahlungsbilanz der Erdoberfläche stark beeinflusst. Ohne die sonnenlicht-reflektierende Wirkung des Schnees ist die Verdunstungsrate höher, die Luft wird zusätzlich angefeuchtet. Unterm Strich bedeutet das für die Winter: Die Schneegrenze steigt an, die Niederschlagsmenge nimmt aber insgesamt sogar zu. Das wird in den üblichen Klimawandelszenarien für Mitteleuropa auch so prognostiziert.
Im wärmeren Sommer hingegen spielt die relative Abtrocknung der Luft die dominierende Rolle. Der Wettercharakter wird damit durchschnittlich trockener, es kommt seltener zu Niederschlag. Da aber die Wasserhaltefähigkeit der Atmosphäre mit der Temperatur absolut gesehen zunimmt, kann überall dort, wo doch genügend Feuchtigkeit in der Luft ist, um die denn höhere Sättigungsgrenze zu erreichen, entsprechend mehr Regen fallen. Mit anderen Worten: Die Tendenz zu lokalen Starkniederschlägen nimmt zu.
Was bedeutet dieser sich wandelnde hydrologische Rahmen nun für unsere Fliegerei? Die folgenden Beschreibungen sind sehr pauschal und allgemein gehalten. In der Realität wird man immer wieder auf Verhältnisse bzw. Großwetterlagen treffen, bei denen es eben nicht so ist. Aber grundsätzliche Trends sind heute schon erkennbar.
Grauere Winter
Wärmere Winter werden vielerorts „grauere“ Winter mit mehr Hochnebeltagen. Die Zahl der gut nutzbaren Flugtage im Winter nimmt deshalb eher etwas ab. In Perioden mit Zufuhr kalter und trockener Luftmassen, in denen die Sonne eine Chance bekommt, können sich aber selbst spät bzw. früh im Jahr nutzbare thermische Bedingungen einstellen. Das gilt vor allem für Gebirgsregionen. Denn dort sind die steileren Südflanken auch zu der tiefstehenden Wintersonne hin gut ausgerichtet.Da im wärmeren Winter typischerweise auch die Schneegrenze höher liegt, springt der Thermikmotor in den tiefer gelegenen, schneefreien Hangbereichen schon an – mit der Schneegrenze als klar definierter Abrisskante. Die Chance, an hochnebelfreien Flugtagen auch im Winter bzw. zeitigen Frühjahr auf Strecke gehen zu können, wird größer.
Trockenere Sommer
Wärmere, trockenere Sommer versprechen eher mehr niederschlagsfreie und damit potenziell nutzbare Flugtage. Allerdings gehen mit der größeren Trockenheit neue Herausforderungen einher.Weniger Niederschlag bedeutet, dass die Oberböden schneller und stärker austrocknen. Sie heizen sich durch die Sonneneinstrahlung dann auch schneller und stärker auf, was die Konvektion antreibt. Das kann allerdings die bodennahe Luft regelrecht kochen lassen. Das Ergebnis ist eine von unten heraus „sprudelig“ turbulentere und anspruchsvollere Thermik, mit entsprechend chaotischen kleinräumigen Strömungsmustern. Die Extremform davon, die Dust-Devils, werden häufiger. Der lokale (Ausgleichs-)Wind passt dann mitunter nicht mehr zu den Prognosen der regionalen Windrichtung und Stärke.
Je (relativ) trockener die Luft, desto höher steigt typischerweise auch die Wolkenbasis. Häufiger bleiben die Wolken sogar ganz aus, es gibt Blauthermik. Das Streckenfliegen wird dadurch nicht gerade einfacher. Es fehlen die Wolken zur Orientierung. Zudem rücken bei höherer Basis die Hauptthermiken in der Landschaft weiter auseinander und werden damit schlechter erreichbar (das gilt vor allem im Flachland).
Stärkere Talwinde
In den Alpen gibt es noch weitere Phänomene. Größere Basishöhen bedeuten dort u.a., dass das sogenannte Alpine Pumpen – das ist die thermisch angetriebene Umwälzbewegung der Luftmassen zwischen dem Alpenvorland und dem Alpenhauptkamm – ein größeres Volumen erfasst. Talwinde werden dadurch stärker. Sie reichen auch höher und überspülen damit zunehmend die nicht so hohen Hänge. Leezonen weiten sich aus.Die Rückströmung des Alpinen Pumpens in der Höhe ergießt sich zudem weiter hinaus ins Vorland, was die dortigen Strömungsmuster im größeren Rahmen verändert.
Das verstärkte Alpine Pumpen hat noch einen Effekt: Die zusätzliche Masse an einströmender Luft samt der enthaltenen Feuchtigkeit sorgt dafür, dass schützende Inversionen entlang des Alpenhauptkamms häufiger durchbrochen werden. Damit kommt es im Sommer tendenziell öfter zu Überentwicklungen und starken Gewittern. Inneralpin werden „berechenbare“ XC-Tage seltener.
Patchwork der Feuchte
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| Patchworkartige Dürre im Oberboden im Juli 2025 // Quelle: UFZ.de |
Wettermodelle haben ihre Schwierigkeiten damit, solche Feuchte-Patchworks und ihre Einflüsse auf die Konvektionsprozesse zeitlich und räumlich gut aufgelöst zu erfassen. Entsprechend häufiger muss man damit rechnen, dass lokale Prognosen nicht so recht zur tatsächlichen lokalen Wetterentwicklung passen wollen.
Hinweis: Dieser Text ist ursprünglich im DHV Magazin Ausgabe 257 erschienen.



7 Kommentare
Der trockene Sommer 2022 war für die Region um den Schwarzwald und die Schwäbische Alb hervorragend für beste Streckenflugbedingungen. Der thermische Einstieg ist anfangs etwas zäher, allerdings über den Höhenlagen dann umso besser und hochreichender. Es ist zwar korrekt, dass die Abstände der Thermiken größer wird, aber bei 2.000m über Grund spielt das weniger eine Rolle.
AntwortenLöschenDie trockenen Bedingungen haben dennoch zu Wolken über den wasserspeichernden Höhenlagen geführt. Allerdings schöne CU, die nicht überentwickelten. Die Thermik war insgesamt sehr kräftig, aber auch schön zu fliegen. Durch die hohe Basis konnte man störende Talwinde im Schwarzwald einfach überfliegen oder waren zum Teil nicht vorhanden.
Aus meiner Sicht war es das beste Flugjahr in unserer Region und wenn sich das verstärken würde, wäre es eher ein Glücksfall für uns. Allerdings bleiben diese außergewöhnlichen Jahre nach wie vor Ausnahmen wie man aus den Statistiken entnehmen kann. Das "Wetter" macht dem "Klima" halt doch manchmal einen Strich durch die Rechnung ;-)
"wenn sich das verstärken würde, wäre es eher ein Glücksfall für uns"...
LöschenDas ist meines Erachtens etwas kurz bzw. eindimensional gedacht. Wenn es mehr so trockener Jahre in Folge gäbe, dann wäre der Schwarzwald sehr bald nicht mehr das, was er heute ist. Vielleicht könnte man toll weit darüber fliegen. Aber wieviel Spaß macht es dann noch, am Boden durch einen kaputten Wald zum Startplatz zu wandern, um dort dann von einem Dust Devil unsanft zu Boden geschmissen zu werden? (Ist jetzt bewusst etwas zugespitzt, aber wer lange und glücklich fliegen will, sollte vielleicht nicht nur km-Zeichen in den Augen haben)
Glücklicherweise darf ich das Privileg genießen nicht nur viel überm Schwarzwald zu fliegen, sondern auch sehr oft mich zu Fuß durch ihn hindurch zu bewegen. Und wir haben so viel Wald wie noch nie in den letzten 200 Jahren. Fotos meiner Großeltern belegen eindrücklich wie die Waldflächen kontinuierlich zugelegt haben, auch in den für Wald stressigen Jahren konnte man einen Nettozuwachs an Waldfläche verzeichnen.
AntwortenLöschenDas Hauptproblem sind nicht die 1-2°C mehr oder die langen Trockenperioden, die es bereits früher auch schon gab. Was dem Wald wesentlich mehr zusetzt sind große Monokulturen und Bäume, die nicht ursprünglich hier gewachsen sind. Gerade bei Monokulturen hat z.B. der Borkenkäfer ein leichtes Spiel.
Natürlich erwärmt sich das Klima aktuell. Da gibt es nichts daran zu rütteln. Allerdings sollte man die richtigen Fragen stellen, warum z.B. ein großes Waldgebiet wie der Schwarzwald trotz der Monokulturen, saurem Regen, Borkenkäfer, wirtschaftlicher Nutzung und Trockenperioden nach wie vor größer wird bzw. zumindest stagniert und nicht schrumpft.
Vielleicht bin ich einfach zu oft im Wald und seh vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, um die Waldsterbe-Panik zu verstehen ;-) Nichts für ungut und hoffentlich bald ein paar Grad mehr, denn aktuell hats bei uns bis in die Niederungen Schnee...
Matthias, Du hast völlig Recht. Auf der Erde hat sich schon viel gewandelt und wird sich weiter wandeln. Bei sehr vielem dieser Entwicklungen hat der Mensch irgendwie die Finger mit im Spiel. Was man davon als positiv oder negativ betrachtet, bleibt jedem selbst überlassen.
LöschenIn meinem Ursprungspost geht es auch gar nicht darum, ob der Klimawandel nun gut oder schlecht ist (für die Fliegerei). Es geht darum, den Fokus auf einen entscheidenden Part zu lenken, der in der Diskussion über steigende Temperaturen häufig etwas vergessen wird, nämlich den Wasserhaushalt der Atmosphäre. Der hat einen enormen Einfluss auf unsere Flugbedingungen. Man kann dann natürlich auf mehr trockene Tage mit hohen Basen schielen und sich darüber freuen. Man kann auch auf mehr Starkgewitter schielen, die einem das Hausdach und Auto zerdeppern und Alpentäler durch Murenabgänge versperren. Oder man schaut sich beide Seiten der Medaille an und erkennt vielleicht: Das eine hängt ja tatsächlich mit dem anderen zusammen ;-) Ob und welche Schlüsse man daraus ableitet, ist dann eine Frage persönlicher Prioritäten.
Für Personen mit hohem Können und viel Zeit bedeutet dieser Wandel eine Verbesserung der fliegerischen Bedingungen. Tatsächlich können eben solche immer häufiger auftretende Bedingungen gerade Neulinge überfordern.
LöschenAuch wenn es nicht zum Thema passt - hier noch eine Antwort an den Matthias :)
Seit der Zeit deiner Großeltern ist natürlich der Baumbestand im Schwarzwald gewachsen. Während der NS-Zeit und der französischen Besatzung wurde der Schwarzwald in großen Teilen abgeholzt. Egal welche Förderung des Baumbestandes musste zunächst einmal zu einem Wachstum führen. Zumal unsere Vorfahren in mühsamster Arbeit versucht haben den Wald einzudämmen, um ihn zu bewirtschaften. Das er heute einen Maximalbestand erreicht hat, ist dann nur die logische Konsequenz - wenn man den teilweise schlechten Zustand dank Monokultur nicht bewerten möchte.
Es gibt für Österreich den HISTALP-Datensatz, der das Klima der letzten 250 Jahre im Alpenraum grafisch aufbereitet: https://www.zamg.ac.at/histalp/newsletter.php
AntwortenLöschenIn den Grafiken, die man ganz unten runterladen kann, sieht man schön die Zunahme der sonnigen Tage aufgrund der geringeren relativen Luftfeuchtigkeit seit 1980.
Georg. Mit dieser Interpretation der Daten (mehr Sonnentage wegen weniger relativer Feuchtigkeit) wäre ich etwas vorsichtig. Wissenschaftlich nachgewiesen ist bisher nur der Effekt, dass die bessere Reinhaltung der Luft (weniger Rußpartikel, weniger Schwefel, bessere Filter etc.) dazu beigetragen hat, dass es weniger Kondensationskeime in der Luft gibt, wodurch die Wolken im statistischen Mittel etwas "dünner" geworden sind. Besonders deutlich ist das in der Corona-Zeit geworden mit weniger Flugverkehr etc. Das zeigen auch die Daten. Nach den Jahren mit Lockdowns etc. ist die Sonnenscheindauer ja auch schon wieder etwas zurückgegangen...
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