Im Gleitschirmsport hat sich das, was wir als akzeptables Risiko ansehen, schleichend verschoben. Ein Gastbeitrag von Marcel Dürr

Fliegen bei Gewitterlage. So hat Marcel Dürr seinen
Original-Post auf Facebook illustriert.
// Quelle: Marcel Dürr

Marcel Dürr ist in der Gleitschirmszene vor allem bekannt für seine epischen Biwak-Flüge in den Alpen, die er nicht nur akribisch plant, sondern auch sehr sehenswert in Bildern und Videos dokumentiert.

Marcel ist aber auch ein professioneller Linien-Pilot, der die strikten, sicherheitsorientierten Entscheidungsregeln der "großen" Fliegerei verinnerlicht hat. Aus diesem Blickwinkel heraus reibt er sich immer häufiger verwundert die Augen, bei welchen Bedingungen Gleitschirmflieger noch  weitgehend unbekümmert in die Luft gehen – und dabei offensichtlich zunehmend mehr Risiken akzeptieren. 

In einem viel beachteten Post auf Facebook hat sich Marcel Gedanken darüber gemacht und Fragen aufgeworfen, was diesen Trend wohl antreibt. 

Da auch ich solche Diskurse als sehr wichtig für die Gleitschirmszene erachte, habe ich Marcel um Erlaubnis gebeten, den Text als Gastbeitrag auf Lu-Glidz veröffentlichen zu dürfen. Die Diskussion mit Euren Anmerkungen dazu kann hier in den Kommentaren oder/und auch direkt unter dem Facebook-Post geführt werden. Fühlt Euch eingeladen. Jede Meinung, jede Selbstreflektion zu diesem Thema ist wertvoll!

Hier der Original-Post von Marcel Dürr:


Verschieben wir gerade unsere Sicherheitsmaßstäbe?


Die vielen schweren Gleitschirmunfälle der vergangenen Wochen haben mich nachdenklich gemacht.
Die folgenden Gedanken beziehen sich ausdrücklich nicht auf einzelne Unfälle. Jeder Unfall hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Ursachen. Mich beschäftigt vielmehr eine andere Frage: Verschieben wir als Szene gerade unbemerkt unsere Maßstäbe dafür, welches Risiko wir noch als normal empfinden?

Eine ehrliche Diskussion über unsere Risikokultur scheint mir dringend nötig zu sein – und eure Meinungen dazu würden mich besonders interessieren.

Ich fliege seit 27 Jahren Gleitschirm – und genauso lange Verkehrsflugzeuge. Der Vergleich dieser beiden Welten fasziniert mich immer wieder.

In der Verkehrsfliegerei haben sich die Grenzen im Umgang mit Gewittern trotz enormer technischer Fortschritte in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Verkehrsflugzeuge halten noch immer große Sicherheitsabstände. Aus gutem Grund: Das Risiko hat sich nicht verändert. Die Grenzen sind dieselben geblieben.

Im Gleitschirmsport dagegen habe ich den Eindruck, dass sich das, was wir als akzeptables Risiko ansehen, schleichend verschoben hat.

Im Streckenflug sind neue Rekorde oft nur noch möglich, wenn Wetterfenster immer konsequenter ausgereizt werden. Mehr Rückenwind, mehr Beschleuniger, weniger Sicherheitsreserven. Irgendwann bleibt als entscheidender Faktor vor allem eine höhere Risikobereitschaft.

Bei Hike-and-Fly-Wettbewerben zeigt sich ein ähnlicher Effekt. Wer bereit ist, näher an Wettergrenzen heranzugehen als andere, kann sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Natürlich sind das absolute Spitzenpiloten. Darum geht es mir ausdrücklich nicht. Mich beschäftigt vielmehr die Wirkung auf den Rest der Szene. Wer immer wieder sieht, dass solche Flüge gelingen, zieht leicht den falschen Schluss: „Man kann das offenbar machen.“

Dabei beweist ein erfolgreicher Flug nur, dass es dieses eine Mal gut gegangen ist – nicht, dass die Entscheidung sicher oder vernünftig war. Heute verstärken Livetracking, Instagram und YouTube diesen Effekt zusätzlich. Wir sehen vor allem die spektakulären Flüge, die gelingen. Die vielen Piloten, die bewusst umdrehen, früh landen oder gar nicht erst starten, sieht dagegen kaum jemand. So entsteht leicht der Eindruck, grenzwertige Bedingungen seien inzwischen normal – obwohl sie es nie waren.

Spitzenleistungen verschieben nicht nur Rekorde. Sie können auch unsere Maßstäbe verschieben.

Ich bleibe manchmal bewusst am Boden, weil ich die Bedingungen für grenzwertig halte. Gleichzeitig sehe ich im Livetracking an genau solchen Tagen unzählige Schirme in der Luft. Dann frage ich mich schon: Sind unsere Schirme tatsächlich so viel leistungsfähiger und sicherer geworden – oder haben sich vor allem unsere Sicherheitsmaßstäbe verschoben? Denn die Atmosphäre folgt noch immer denselben physikalischen Gesetzen wie vor 27 Jahren.

Die Airline-Branche begegnet einer schleichenden Verschiebung von Grenzen mit festen Standardverfahren und klaren Limits. Dieses Sicherheitsnetz gibt es im Gleitschirmsport kaum. Umso wichtiger sind Ehrlichkeit mit sich selbst, persönliche Grenzen und die Disziplin, sich auch an sie zu halten.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, wer nach einem Unfall einen Fehler gemacht hat, sondern kritischer auf unsere eigenen Entscheidungen schauen:
  • Starte ich, weil die Bedingungen wirklich innerhalb meiner persönlichen Grenzen liegen – oder weil heute Sonntag ist und ich endlich Zeit habe?
  • Haben sich meine persönlichen Maßstäbe vielleicht unbemerkt verschoben?
  • Orientiere ich mich an meinem eigenen Sicherheitsmaßstab – oder an den Flügen, die ich im Livetracking oder auf Instagram sehe?
Manchmal erfordert es mehr fliegerische Größe, am Boden zu bleiben, als zu starten. Vielleicht würden wir dann alle ein paar Flüge weniger machen. Aber vielleicht wäre genau das manchmal die beste fliegerische Entscheidung des Tages.

Denn die Frage ist nicht, was heute gerade noch möglich ist.

Die Frage ist, welchen Preis wir bereit sind, dafür zu bezahlen.


Wenn Du die Diskussion zu diesem Thema weitertragen willst: Empfehle den Text Deinen Fliegerfreunden und schreibe Deine eigenen Gedanken auf. Das geht entweder im Kommentarfeed im Originalpost von Marcel auf Facebook, oder in den Kommentaren hier auf Lu-Glidz. Gib dabei unbedingt Deinen vollen Namen an. Entweder im Feld "Name/URL" oder unter Deinem Beitrag. Anonyme Kommentare werden hier nicht freigeschaltet.