Die Grenzen der Weisheit der Vielen

Der Rekord-Sonntag in Frankreich wurde von der künstlichen Intelligenz der Meteo-Seite Paraglidable.com nicht vorausgesehen. Starkwindlagen passen nicht ins Schema.
Die Tagesprognose des 12. Mai in der Darstellung von Paraglidable.com. Als blauer Strich eingezeichnet ist
die ungefähre Strecke des neuen französischen Streckenflugrekords. // Quelle: Paraglidable.com, bearbeitet

Am 12. Mai wurden im französischen Flachland neue Rekorde geflogen (Lu-Glidz berichtete). Hätte man die Streckenträchtigkeit des Tages mit einfachen Mitteln erkennen können? Zumindest nicht, wenn sich die Flachland-Streckenflieger in Nordfrankreich und Belgien allein auf künstliche Intelligenz (KI) verlassen hätten.

Auf der Seite Paraglidable.com, die die regionale Flug- und XC-Tauglichkeit eines Tages auf KI-Basis abschätzt (s. Intelligenter Hammertagalarm), sah der Tag in der Rekordregion nicht gerade rosig aus: Eine Flugwahrscheinlichkeit von 50% und eine XC-Wahrscheinlichkeit von weit unter 10% mit starkem Wind aus Nordost als begrenzendem Faktor wurde angezeigt. Dem scheinen die real erflogenen Strecken zu widersprechen.

Aber ist das wirklich so? Wenn man die Funktionsweise von Paraglidable berücksichtigt, sind dessen Einschätzungen durchaus valide. Denn der Tag war ohne Frage von starkem Wind geprägt. Bei solchen Bedingungen gehen in der Regel nur wenige Piloten in die Luft (was im Verständnis der KI einer geringen Flugwahrscheinlichkeit entspricht), und noch weniger fliegen dann auch noch große Strecken (was in der geringen XC-Wahrscheinlichkeit zum Ausdruck kommt). Das muss aber nicht heißen, dass einzelne Piloten die außergewöhnlichen Bedingungen nicht auch mit außergewöhnlichen Leistungen nutzen könnten.

Was kann man daraus lernen? Paraglidable ist kein Rekordbote, zumindest nicht für Starkwindtage im Fachland, an denen sich die Piloten mit bis zu 80 km/h über Grund weiterblasen lassen. Die künstliche Intelligenz folgt dem Konzept der "Weisheit der Vielen" und wird vor allem solche Wetterlagen als Hammertage erscheinen lassen, an denen wirklich auch viele Ottonormalpiloten fliegen und erfolgreich auf Strecke gehen dürften.

Wer für rekordträchtige Flachlandflüge auf thermische Tage mit kräftigerem Wind setzt, sollte zum Erkennen dieser Lagen besser noch andere Quellen zu Rate ziehen.

4 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Trotzdem hat sich Paraglidable in diesem Jahr schon sehr bewährt. Die Hammertage an Ostern waren korrekt vorhergesagt und auch viele Andere. Feinheiten wie dass es im Osten besser geht als im Westen sind auf den ersten Blick erkennbar und müssen nicht durch langes Studium der Punktprognosen herausgefunden werden.

Für mich ist es mittlerweile der erste Anlaufpunkt für die Flugwetterplanung.

Lucian Haas hat gesagt…

Vollkommen richtig. Ich bin auch ein großer Fan von Paraglidable. Allerdings ist es immer gut zu wissen, was man von Meteo-Modellen bzw. von Künstlicher Intelligenz erwarten kann und was nicht, bzw. wo deren systemischen Grenzen liegen. Wer für Rekordflüge nach starkwindigen Flachland-Streckenfluglagen Ausschau hält, wird das von Paraglidable nicht eindeutig angezeigt bekommen.

JN hat gesagt…

Da für inneralpine Hammertage starker Höhenwind meines Erachtens ohnehin der größte limitierende Faktor ist, scheint Paraglidable meiner Beobachtung nach für die Vorhersage von guten, alpinen "Dreieckslagen" bisher ziemlich gut zu passen. Flachland-Starkwind-One-ways sind halt schon sehr speziell.

Sebastian hat gesagt…

Für die allermeisten war der Tag halt nicht so "paraglidable" - passt doch!