Retterwissen (7): Packgummis

Mit Gummis werden Retterleinen beim Packen gebündelt und Innencontainer verschlossen. Verschlissene und klebrige Gummis können zum Sicherheitsrisiko werden.

Alle Folgen der Serie gibt es hier: Serie Retterwissen.

Ein Silikon-Gummiring bündelt die Retterleinen. // Foto: Lu-Glidz
Wenn es um die sichere Auslösung eines Gleitschirmretters geht, kommt auch kleinen Details große Bedeutung zu. Eins dieser kleinen Details sind die Gummis, mit denen zum einen die Leinen des Retters beim Packen in Schlaufen gebündelt, zum anderen aber auch die Innencontainer verschlossen werden. Hier gilt es, auf das passende Material und dessen Eigenschaften zu achten. Sonst kann es mitunter zu unverhofften Problemen kommen.

Typischerweise sind heute bei Gleitschirmrettern drei verschiedene Varianten von Pack- und Verschlussgummis zu finden:

1. Gummis aus Naturkautschuk
2. Synthetische Gummis aus Silikon
3. Umhüllte Gummiseile (typischerweise aus Kautschuk mit Polyestermantel)


Naturkautschuk-Gummis

Bei vielen Rettern noch immer Standard sind beige Gummis aus Naturkautschuk. Diese haben zwei Vorteile. Zum einen sind sie (im frischen Zustand) ausgesprochen elastisch, zum anderen werden sie in der Natur unter dem Einfluss von Feuchtigkeit, Sauerstoff und UV-Einstrahlung auch wieder zersetzt. Wer seine Rettung wirft, hinterlässt bei dieser Variante also keinen dauerhaften Gummimüll in der Landschaft.

Ein Packgummi aus Kautschuk hat mit dem Metall der Verschluss-Öse
eines Innencontainers reagiert und ist mit diesem verklebt. Das könnte
die Retteröffnung verzögern. // Quelle: T. Gutweniger, Facebook
Die Abbaubarkeit hat allerdings ihre Kehrseiten: Naturkautschuk altert relativ schnell, verliert dabei an Elastizität und wird spröde. Deshalb ist es wichtig, bei jedem Retterpacken (mindestens einmal im Jahr, besser häufiger) ausnahmslos alle vorhandenen Kautschuk-Gummis durch neue zu ersetzen.

Besonders empfindlich reagiert Naturkautschuk in Verbindung mit Feuchtigkeit und im Kontakt mit bestimmten Metallen wie Kupfer und Chrom oder Legierungen wie Messing. Dann kommen chemische Prozesse in Gang, bei denen sich die langen Molekülketten des vulkanisierten Kautschuks voneinander lösen und neue Verbindungen eingehen. So können die Gummis unter Umständen mit den metallenen Ösen am Verschluss von Innencontainern regelrecht verbacken. Das tritt umso schneller und heftiger auf, je stärker die Gummis auf Dauer gedehnt sind. Gummis unter hoher Spannung können nach einiger Zeit sogar mit den Leinenbündeln eines Retters verkleben, besonders in Kombination mit Feuchtigkeit!

Ob an Ösen oder Leinen: Klebrig erodierende Gummis sind ein Sicherheitsrisiko. Denn die Verklebungen können dazu führen, dass ein Innencontainer nur verzögert aufgeht, oder dass Leinenbündel so zusammengehalten werden, dass der Retter langsamer Luft fassen kann. Das kann zu deutlich verlängerten Öffnungszeiten führen.


Synthetische Gummis

Mit Gummibändern aus Silikon aus dem Spielzeugladen lassen
sich Retterleinen gut bündeln. // Foto: Lu-Glidz
Mittlerweile setzen einige Retterhersteller deshalb auf voll-synthetische Gummis aus Silikon als Alternative. Diese sind nicht ganz so elastisch wie Naturkautschuk, dafür zeigen sie auch nach längerem Gebrauch keine Auflösungserscheinungen. Feuchtigkeit setzt ihnen nicht zu, und sie werden auch in Kontakt mit Metallen nicht klebrig.

Geeignete Silikongummis findet man in Spielzeugläden (oder im Kinderzimmer) – typischerweise unter dem Markennamen "Loom". Kinder verketteln die vielfarbigen Gummischlaufen zu bunten Armbändern. Mit den gleichen Silikongummis lassen sich auch Retterleinen bündeln. Die übliche Größe und Festigkeit der Loom-Gummiringe ist dafür gut geeignet.

Bei dickeren Leinenbündeln können die Loom-Ringe allerdings auch unter eine grenzwertig hohe Spannung kommen. Sollten sie (zu früh) reißen, könnte das den Öffnungsvorgang eines Retters negativ beeinflussen. Alternativ kann man in solchen Fälle etwas größere Silikon-Gummiringe verwenden, wie man sie zum Beispiel als Accessoire zum Haarebinden in Drogerien finden kann.

Nicht geeignet sind die synthetischen Gummiringe für den Verschluss der Innencontainer. Dafür fehlt es ihnen an der nötigen Kombination von hoher Elastizität und Reißfestigkeit, wie Naturkautschuk sie bietet.


Umhüllte Gummiseile

Für den elastischen Verschluss von Innencontainern am besten geeignet sind Schlaufen aus dünnen Gummiseilen (3-5 mm Durchmesser), die mit einer Hülle aus Polyester oder Nylon umwoben sind. Im Inneren dieser Seile ist typischerweise auch Naturkautschuk zu finden. Der gewobene Mantel schränkt allerdings die Elastizität der Seile etwas ein.

Bei diesem Gummiseil am Innencontainer ist die Gummiseele
gebrochen, der Mantel noch intakt. So ein Gummi muss
ausgetauscht werden. // Foto: Lu-Glidz 
Der Vorteil dieser Konstruktion liegt in der größeren mechanischen Belastbarkeit. Der Stoffmantel wirkt als Schutz vor Überdehnung und Abrieb. Zudem verhindert er, dass das Kautschuk in direkten Kontakt mit metallischen Oberflächen kommt und damit  reagieren kann.

Ein ummanteltes Gummiseil wird kaum mit einer Messingöse am Innencontainer verkleben können. Wenn möglich sollte man deshalb für alle Gummischlaufen, die mit Metallteilen in Kontakt kommen, solche ummantelten Gummiseile nutzen. (Warum manche Retterhersteller das bis heute nicht standardmäßig machen, obwohl das Problem der mitunter klebenden, nackten Kautschuk-Gummis schon länger bekannt ist, bleibt ein Rätsel.)

Allerdings unterliegen auch ummantelte Gummiseile einem Alterungsprozess – vor allem, wenn sie ständig unter starker Spannung stehen. Dann kann es passieren, dass die Kautschukseele im Inneren nach einiger Zeit ermüdet und reißt, während der äußere Mantel noch intakt bleibt. Derartige Defekte sind optisch leicht an den Einschnürungen des Mantels zu erkennen. Solche Gummiseilschlaufen sollten dann umgehend durch neue ersetzt werden. Wohl dem, der einen Retter hat, bei dem der Hersteller die Schlaufen nicht fix am Innencontainer vernäht, sondern austauschbar angebracht hat.


Drei Tipps für den Einsatz von Packgummis:

- Wer Packgummis aus Naturkautschuk verwendet, sollte seine Rettung lieber häufiger packen und dabei ganz konsequent immer alle Gummis durch neue ersetzen.
- Für das Bündeln der Retterleinen empfiehlt es sich, unempfindlichere Gummis aus Silikon zu verwenden. Diese ebenfalls am besten bei jedem Packen der Rettung erneuern.
- Dort wo Packgummis durch Metallösen laufen, sollten stets ummantelte Gummiseilschlaufen eingesetzt werden, um Verklebungen zu verhindern.


Die Serie Retterwissen...

ist eine Sammlung von unregelmäßig erscheinenden Hintergrundtexten, die wichtiges Basiswissen zum Thema Gleitschirmretter vermitteln. Die Serie umfasst bereits Texte zu Themen wie: Grundformen, Sinkgeschwindigkeit, Vorwärtsfahrt, Öffnungszeit, Rettergewicht. Alle bisher veröffentlichten Beiträge der Serie gibt es hier. Weitere Folgen sind in Planung.

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8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das Thema hatte ich bereits in Altenstadt so wie auf mehreren Sicherheitstrainings. Überall wird von speziellen Gummis usw. geredet und natürlich auch empfohlen, denn ohne die sonderbaren Gummis könnte dies und das passieren.

Meine Erfahrung nach einem Jahr Zehnt: alles Bullshit! Ich verwende seit zehn Jahren irgendwelche Gummis vom Einzelhandel, diese sind in keinster Weise schlechter als der Super-Stoff und kosten um einiges weniger. Nach einem halben Jahr, das Intervall für den Packservice sehen die Dinger frisch wie am ersten Tag aus und werden mindestens ein Jahr eingesetzt. Die hunderter Packung hält zig Jahre. Ich habe mehrmals auf Gardasee die Rettung geworfen und das hat immer einwandfrei funktioniert, so dass ich über das Thema nur noch amüsant schmunzele, wie jetzt gerade eben. Spezielle Gummis, ich lach mich schlapp!

LG Michel

Lucian Haas hat gesagt…

@Michel: Du hast Recht damit, dass in vielen Fällen auch normale Haushaltsgummis passen. Allerdings können manche davon (je nach Material) auch klebrig werden in Kontakt mit bestimmten Metallen und Feuchtigkeit. Wenn Du noch nie Probleme hattest, umso besser. Der Vorteile der Loom-Variante aus Silikon ist auch die geringe Größe der Gummiringe, die sehr gut zum Bündeln der Leinen passt.

xcaucasus hat gesagt…

vielen Dank -- tatsächlich ein erhebliches Thema, ich habe durchaus auch alle möglichen Verschweissungen gesehen. Mir wäre die höhere Qualität durchaus auch etwas wert -- jetzt macht ja LuGlidz netterweise keine Werbung, aber gibt es denn Bezugsquellen, die bekannt sind bzw. empfohlen werden können? Aufpreis zahle ich gerne, für Leute, die gutes Material bieten und das vorhalten.

Hans G

Jürgen Voss hat gesagt…

von dem Loom's gibt es die original Rainbow Loom, die etwas teurer sind, aber sehr gut halten.
Die billigen noname Loom's haben eine deutlich schlechtere Qualität und reißen viel leichter
Jürgen V.

Markus hat gesagt…

In Kuba brauchen sie mangels Alternativen einfach zugeschnittene Kondome. In welchem Zustand die sein sollen wäre noch abzuklären ;-)

Felix Rose hat gesagt…

Hallo in die Runde...
Ich zerschneide mir seit Jahren Rennradfahrradschläuche zu 3mm breiten Gummiringen.
Das funktioniert ebenfalls bestens.
Ich habe so einen guten "Packdruck" bei den Leinen, sie zersetzen sich nicht und reißen nicht weiter.
Bei den Loomis hatte ich immer das Gefühl, das diese zum Ausleiern neigen.
Wie lange gelten Kautschukgummis eigentich als "frisch"??
Bei mir hält ein 25g Beutelchen 5 Jahre....

Mit besten Grüßen

Felix Rose

juergen hat gesagt…

Danke für den Bericht. Habe gerade nach 2 Jahren meine Zweitrettung gepackt. Der Naturkautschuk an den Ösen war komplett (!) aufgelöst. An den Leinenbündeln war die Situation grenzwertig. Ich werde alle Tipps hier ganz sicher sehr ernst nehmen und auf Naturkautschuk in Zukunft verzichten. Komisch ist, in fast 30 Jahren ist mir das noch nie passiert - auch die Gummis sind nicht mehr dass, was sie mal waren.

Werner S. hat gesagt…

Es ist nicht einfach, wirklich gute Gummiringe zu finden.
Manche (Haushalts-) Gummis halten nur wenige Monate, ehe sie zerbröseln/verkleben/verhärten. Andere halten dagegen über Jahre hinweg.

Zum Glück habe ich noch einige Gummiringe in Reserve, die ich luftdicht verpackt, trocken und vor Licht geschützt aufbewahre,

Über eine gute, zuverlässige Bezugsquelle würde ich mich freuen.

mfg