Die Live-Thermik-Revolution

Seit dem neuesten System-Update für die Fanet-Varios Skytraxx 2.1 und 3.0 stellen diese auch die von anderen Piloten erflogenen Thermikzentren "live" auf dem Bildschirm dar.

Die Anzeige einer "Live-Thermik" eines anderen Piloten auf dem
Skytraxx 3.0. Der grüne Kreis markiert das zu erwartende
Thermik-Zentrum. Ist der Kreis nur gestrichelt, gilt
das errechnete Thermikzentrum als weniger sicher.
// Quelle: Burnair
Das Feature nennt sich Live-Thermik und ist so etwas wie eine kleine Revolution. Bisher konnten die Skytraxx-Varios aus dem Kreis- und Steigverhalten eines Piloten in der Thermik schon relativ gut ermitteln, wo das wahrscheinlichste Steigzentrum einer Thermik zu verorten ist. Mit Blick auf das Display kann der Pilot dann versuchen, seine weiteren Thermikkreise innerhalb dieses auf dem Bildschirm dargestellten Zielkreises zu halten. Zumindest bei halbwegs konsistenten Bärten ergibt das ein erstaunlich gutes Ergebnis und kann selbst Piloten mit noch nicht voll entwickeltem Thermikgespür häufig weiterhelfen.

Nun hat Skytraxx in Zusammenarbeit mit Burnair diese Funktion noch weiter entwickelt: Über den Fanet-Funk wird neuerdings das ermittelte Thermikzentrum eines Piloten automatisch auch an andere Fanet-fähige Geräte der in der Umgebung gesendet. Die Piloten bekommen dann auf ihrem Bildschirm nicht nur das eigene Thermikzentrum dargestellt, sondern zusätzlich auch die Thermiken anderer. Man kann diese Infos dann nutzen, um – im vollen Vertrauen auf die Technik – direkt zum nächsten "live" ermittelten Steigzentrum hin zu fliegen und dort dann an passender Stelle einzukreisen.

Nun kann es natürlich sein, dass der andere Pilot, der einem die Thermik "markiert", auf einer etwas anderen Flughöhe unterwegs ist. Da Thermiken bei Wind versetzen, würde man unter Umständen, wenn man höher oder tiefer als der andere Pilot ankommt, den Bart verpassen. Doch auch das ist bei der Umsetzung des "Live-Thermik" genannten Features berücksichtigt. Die Varios rechnen die Winddrift mit ein und zeigen den Ziel-Thermikkreis entsprechend höhenkompensiert an.

Für die Gleitschirmfliegerei könnte sich diese Technik als eine Art Game-Changer entpuppen. Denn je mehr Piloten mit Fanet-fähigen Geräten, die auch Live-Thermik-Daten senden, in die Luft gehen, desto mehr wird daraus eine effiziente, wenn auch zunehmend technische Schwarm-Fliegerei. Anstatt in der Landschaft nach den potenziell besten Abrissstellen Ausschau zu halten und einen möglichen Thermikversatz vor dem geistigen Auge einzukalkulieren, wird auf die Varios geachtet, die einem viel eindeutigere Ziele vorgeben. Vor allem bei Blauthermik und im Flachland dürfte das die größten Vorteile bringen.

"Live-Thermiken" der vergangenen 30 Minuten in der Darstellung der
Burnair-Map. Die Daten wurden von Skynet-Bodenstationen empfangen.
Die Kreisfarben zeigen Thermikstärke, die Pfeile zeigen Windrichtung,
die Farben der Pfeile die übermittelte Windstärke.
// Quelle: Burnair
Die Live-Thermik lässt sich übrigens nicht nur auf dem Vario-Bildschirm betrachten. Burnair zeigt die von Fanet-fähigen Skynet-Bodenstationen empfangenen Thermikdaten auch in der Burnair-Map an (die Abdeckung beschränkt sich bisher hauptsächlich auf die Schweiz). Derzeit ist das noch frei zugänglich, später könnte es kostenpflichtig werden.

Wenn man in der Burnair-Map die zugehörige Live-Thermik-Anzeige einschaltet, kann man dort erkennen, wo Piloten in der jeweils letzten halben Stunde ihre Thermiken erflogen haben.

Das kann zum Beispiel bei der kurzfristigen Flugvorbereitung helfen, wenn man vor einem Start noch schnell einmal die Burnair-Map studiert, um so Hinweise auf die Lage zu erwartenden besten Thermiken in der Nähe zu bekommen. Das setzt allerdings voraus, dass andere Piloten schon vor einem gestartet sind.

Als Hilfe wird diese Technik vor allem den weniger erfahrenen Piloten nutzen, die häufig anderen hinterfliegen, und nicht nach frühem Start als erste auf Thermiksuche ins Gelände gehen.

Der Softwarecode, der für die Anzeige der per Fanet übermittelten Live-Thermik nötig ist, ist bisher nur in der neuesten Firmware der Skytraxx-Varios enthalten. Es ist aber zu erwarten, dass andere Hersteller wie z.B. Naviter, die ebenfalls Fanet-Geräte anbieten, hier bald folgen werden.

Wer noch eine genauere Vorstellung bekommen will, wie die Live-Thermik-Anzeige auf den Skytraxx-Varios und in der Burnair-Map aussieht, sollte sich ein Youtube-Video anschauen, in dem Burnair-Betreiber Bernie Hertz die neuen Möglichkeiten sehr anschaulich demonstriert.







8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es ist faszinierend zu sehen welche Möglichkeiten die Fanet-Technologie bietet. Zugleich sollte man sich aber nicht zu sehr auf die Technik verlassen und ohne Verstand zum nächsten Live-Thermik-Punkt fliegen. Gerade für Anfänger halte ich dies auch für potentiell gefährlich.

Ist es für das ganzheiliche Lernergebnis nicht besser bei Fehlentscheidungen auch mal "Absaufen"? Konsequenz gehört dazu...

Technikgeführtes Schwarmfliegen ist eine gänzlich andere Art des Fliegens. Ist das dann noch freies Fliegen? Letztendlich muss jeder für sich entscheiden ob dieser zusätzliche "Sensor" wirklich den Nutzen hat.

Chris

Keine Frage, die Technologie und Ideen hinter dem Fanet sind sicher prima

Patrick Ebert hat gesagt…

Von technischer Seite her eine tolle Sache die Burnair dort entwickelt. Für mich geht damit aber leider ein Teil der Kunst des Streckenfliegens wie die Beobachtungsgabe, gute Thermikquellen auszumachen und andere Piloten im Blick zu behalten, verloren. Aber man hat natürlich die Wahl, so ein Feature nicht zu benutzen, wie man sich heute auch ohne GPS im Gelände orientieren kann, wenn man möchte.

Man hat auf jeden Fall jetzt neu eine gute Ausrede, warum man früher als die anderen am Boden steht: Man benutzt eben "Live-Thermik" nicht ;-D

Lg, Patrick Ebert

Jonas Heidenfelder hat gesagt…

Gibt es die Möglichkeit das abzustellen? Also dass meine Daten so verwendet werden? Ich sehe mich schon in der Luft von einer Horde überforderter Thermiklegastheniker über den Haufen geflogen zu werden, die wie gebannt auf ihr Display starren... ;) Aber vielleicht bin ich da zu pessimistisch.

Ich finde es so schon oft mühsam, wenn andere Piloten einem ständig in die Thermik hinterherfliegen. Ich habe da schon öfters festgestellt, dass ich ziemlich inkompatibel mit vielen Gleitschirmfliegern bin.

Ich bin da etwas hin und her gerissen. Ich glaube auch, dass diese Form der Technisierung dem Sport ein bischen die Seele raubt. Die Puristen würden jetzt natürlich argumentieren, dass ein simples Vario schon zu viel ist. Und wahrscheinlich haben sie recht.

LG
Jonas

Sepp Weber, Erlangen hat gesagt…

@ Jonas: Das kann man in jedem Fall verhindern, indem man keine Fanet Produkte nutzt. Für manche mag das Live Thermik Feature ein Kaufargument sein, für mich ist es ein Ausschlusskriterium. Dazu kommt, dass Burnair Deine Thermik-Daten wohl als "Mehrwert" im Rahmen eines kostenpflichtigen Angebots zu Geld machen möchte.

Für mich machen gerade die Erfolgserlebnisse und manchmal auch Misserfolge beim Thermik Suchen, die Spontanität, das einfache und pure Fliegen ohne viel Technik den Reiz am Gleitschirmfliegen aus. Innovationen sind eine schöne Sache, aber muss man auch noch bei unserem ohnehin so intensiven Sport die meiste Zeit gebannt auf das Smartphone bzw. Vario starren? Ich zumindest brauche und möchte keine Waypoints, die ich wie in einem Computerspiel stupide abfliege. Aber jeder wie er es mag... :)

Anonym hat gesagt…

Hallo
Ich frage mich wirklich, wer das benutzt und wer danach fliegt? Mich nerven andere Piloten die bei Streckenflügen um mich herumfliegen schon, weil ich den Hang hab dauerhaft einen Blick auf die anderen zu werfen. Das macht zumindest für mich meine eigene Fliegerei schlechter, weil es mich ablenkt. Ich glaube, dass für viele der dauerhafte Blick auf ein Display nicht zu besseren Flügen führt. Wie einige Vorschreiber schon schrieben, sich selbst die beste Route erarbeiten und mit Aufwind belohnt werden, das ist Gleitschirmfliegen. Ansonsten kann man dann in Zukunft einen Autopiloten zwischen die Karabiner hängen, der die Steuerleinen vernetzt mit allem möglichem bedient, während der "Passalot" nur noch passiv ist.


Meine Meinung
Mayer

Reinhard May

Theo hat gesagt…

Also wie ein anderer steigt im gleichen Bart, das sehe ich auch ohne App. Und natürlich zentriere ich neu, wenn der andere besser steigt. Es ist alles andere als einfach eine Thermik zu treffen, wenn der Höhenunterschied zum anderen groß ist. Da könnte die App wohl helfen. Wenn ich das richtig verstanden habe, wird der windbedingte Versatz berücksichtigt. In wie weit die zeitliche Verschiebung berücksichtigt wird, konnte ich aus der Beschreibung nicht entnehmen. Hier wäre noch interessant, wie das bei der "normalen" Zentrierhilfe ist. Nach meiner Erfahrung sind Aufwinde selten rund, eher pulsierende Bänder. Und an Tagen mit sehr kurz pulsierenden Aufwinden, ist das "Abstauben" eh zu vergessen. Ich glaube auch mit dieser Anzeige, ist das Streckenfliegen noch spannend genug.

Markus Scheid hat gesagt…

Hmmm, technisch sicherlich eine nette Spielerei. Aber ich male mir gerade mit Schrecken aus, dass man künftig keinen Bart mehr allein auskurbeln kann. Ist in stark beflogenen Geländen ja heute schon so, dass man spätestens noch drei Kreisen Besuch von allen Seiten bekommt. Und das eigenen Gespür des Piloten schult eine solche Technik vermutlich auch nicht. Bei Streckenflug-Seminaren oder gemeinsamen Streckenflugabenteuern aber vermutlich sehr hilfreich.

Remo Catschegn hat gesagt…

Ist doch super! Jetzt muss man das nur noch mit der Technik der ferngesteuerten Modellgleitschirmen verbinden, GoPro dran mit 4G-Modul und man muss nicht einmal mehr selber fliegen gehen, sondern kann sich den Flug live am Bildschirm ansehen mit einem leckeren Bier in der Hand! ...und weniger gefährlich ist‘s grad auch noch!