Podz-Glidz #32: Trimmtuning

Ralf Antz propagiert seit Jahren das computer-gestützte Nach-Trimmen der Leinen von Gleitschirmen. Im Podcast erzählt er, warum das so wichtig ist.

Ralf Antz weiß: Ob Bart oder Gleitschirmleinen, beides muss
man regelmäßig trimmen. // Quelle: R. Antz
Unsere Schirme haben lange Leinen, und die sind nur mehr oder weniger formstabil. Das heißt, sie können im Laufe der Nutzung eines Gleitschirms länger werden oder schrumpfen. Da unsere Schirme freilich nur aus weichem Stoff bestehen, sorgen verzogene Leinen dafür, dass sich der gesamte Schirm verändert. Das Profil bekommt vielleicht einen leichten Knick. Der Anstellwinkel nimmt zu oder ab, möglicherweise im Außenflügel anders als in der Mitte. Auf jeden Fall steht der verwundene Schirm dann nicht mehr so in der Luftströmung, wie es vom Konstrukteur ursprünglich gedacht war. Er fliegt anders, hängt vielleicht beim Start, klappt häufiger, zieht nicht mehr so sauber in die Kurven, bleibt nach einem Frontklapper länger in der Sackflugphase, undsoweiter, undsoweiter. Unter Umständen ist das sogar sicherheitsrelevant.

Ralf Antz setzt sich seit Jahren dafür ein, die Gleitschirmszene für diese Thematik zu sensibilisieren. Als Fluglehrer und Gleitschirm-Checker hat er schon Hunderte Beispiele vor Augen und in seine Werkstatt bekommen, bei denen sich zeigte: Schon leichte Trimm-Änderungen, die sich sogar innerhalb der üblichen Toleranzen von plusminus 15 Millimetern für die Leinenlängen abspielen, können einem Schirm einen völlig anderen Flugcharakter geben. Und manche ältere Gleitschirme fliegen sich, wieder korrekt eingestellt, fast wie neu.

Mit solchen Grafiken visualisiert Ralf Antz die Trimmung eines
Gleitschirms. Jeder Balken steht für eine Leine einer Leinenebene,
und zwar für die rechte und linke Flügelhälfte. Zeigen die Balken
nach unten, sind die Leinen relativ zu einer Referenz zu kurz; reichen
sie nach oben, ist die entsprechende Leine zu lang.
// Quelle: R. Antz
Ralfs Überzeugung nach sollten bei einem Schirm-Check die Leinenlängen zwingend nicht nur in ihren absolut Maßen gemäß den Toleranzvorgaben geprüft, sondern stets auch relativ zueinander neu eingestellt werden. Und zwar so, dass am Ende die Trimmung des Schirmes möglichst nah an das vom Hersteller intendierte Ideal herankommt.

Im Podcast erzählt Ralf Antz unter anderem, wie das Trimmen funktioniert, mit welchen Schwierigkeiten das verbunden ist und wie ein von ihm entwickeltes Computerprogramm helfen kann, die Trimm-Optimierung zu automatisieren. Er berichtet aber auch, wie sich selbst der DHV und noch immer viele Hersteller damit schwer tun, diese Erkenntnisse aufzugreifen. Dazu gehört unter anderem das Problem, dass man als Pilot und selbst als Checkbetrieb teilweise nur schwer an die korrekten Datensätze zu den Leinenlängen kommt.

Ralf gibt auch Tipps, worauf man als Pilot achten sollte, um mögliche Trimmänderungen seines Schirmes zu erkennen. Am Ende kommt noch ein ganz anderes, nicht minder interessantes Thema zur Sprache: Single-Skins. Und zwar warum diese Schirme ohne Untersegel gerade für die Gleitschirmausbildung die Zukunft darstellen können.


Die Podz-Glidz Folge #32 "Trimmtuning" mit Ralf Antz ist auf Soundcloud zu hören. Du kannst den Beitrag über das Pfeilsymbol neben dem Button "Teilen" im Player auch als mp3-Datei herunterladen. Zudem kannst Du Podz-Glidz direkt in Deinem Podcast-Player abonnieren:
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Weiterführende Links zum Thema Trimm-Tuning:
- Check-Service von Ralf Antz
- Vortrag von Ralf Antz zum Trimm-Tuning bei der Thermikmesse 2020 (Youtube)
- Beispiel eines Trimm-Ablaufes (R. Antz)
- Anleitung Easy Trim Check der Bremsleine von Skywalk
- Bericht im DHV-Info (pdf) über das Einstellen von Steuerleinen
- Video-Anleitung zum Bremsleinen-Check von Chris Geist (Youtube)
- Grafik verschiedener Loop-Varianten (Single, Double, Ankerstich, Ankerstich+)
- Liste von Gleitschirmherstellern, die in Check-Anweisungen Relativ-Trimm erlauben (laut User Ismiregal im Gleitschirmdrachenforum)
- Langer Thread zum Relativ-Trimm im Gleitschirmdrachenforum mit teils sehr informativen Beiträgen


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3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der Podcast war wieder sehr gut und ist auch eine prima Ergänzung zu dem Vortrag von Ralf auf der Thermik im Frühjahr 2020.
Leider fürchte ich, wird es genau so kommen, wie Ralf befürchtet. Das ganze Thema wird wieder in der Versenkung verschwinden, wenn nicht jeder Pilot ein hochwertigeres, oder besser gesagt eine geringere Toleranz bei der Trimmung einfordert.

Was ich gar nicht verstehe, dass sich viele nicht damit beschäftigen und dass es nicht einen "Standard" gibt, welcher eine Trimmtloranz von +-5mm anbietet. Wenn ein Trimmer mir dies anböte (natürlich im Relativtrimm), würde ich da gerne 50.-Euro mehr dafür zahlen.

Vielleicht sollten sich mal Ralf, der DHV und der Flugtaucher Robby Loeltgen zusammentun. Ich hörte da gewisse Dinge raus (Standardisierung, Lizenzierung), die absolut gut zusammen passen würden!

Gregor Fabian, München

Thomas Uttenthaler hat gesagt…

Super Podcast - vielen Dank Lucian und Ralf!

Ein spezieller Dank auch an Ralf für seinen unermüdlichen Einsatz für dieses Thema, das in der Szene - im Gegensatz zu den vergleichsweise unwichtigen Tuchwerten - viel zu wenig Beachtung findet.

Ich vermesse und trimme meine Schirme immer selbst, anfangs mit Maßband und am Heizungsrohr fixiert, mittlerweile mit Schiene unter einer Last von 5 kg und Laserdistanzmesser mit Bluetooth. Aber schon von Anfang an - damals noch intuitiv - immer als Relativtrimm.

Weder auf der Thermik 2020 noch hier im Podcast ist jedoch das Thema "Leinen recken" zur Sprache gekommen.

Mein erster Schirm - ein Nova Carbon - war nach zahlreichen dynamischen Manövern (Spiralen, SAT) und Kontakten mit Schnee und Feuchtigkeit kaum mehr startbar und nach einem B-Stall nur noch mit gutem Zureden und nach beherztem Vordrücken der A-Gurte zum Weiterfliegen zu überreden. Beim Vermessen habe ich dann Relativ-Differenzen von bis zu 7 cm festgestellt. Einen guten Teil davon konnte ich durch Recken ausgleichen, die verbleibenden 2 - 2,5 cm konnte ich an den Leinenschlössern korrigieren. Danach flog der Schirm wieder wie ein Neuer und noch für längere Zeit.

Meine aktuellen Schirme haben großteils unummantelte Aramid-Leinen. Da ist meine Erfahrung, dass mit dem Recken wenig zu holen ist.

Wie auch in diversen Foren nachzulesen ist, schrumpft bei ummantelten Leinen häufig der Mantel bei Feuchtigkeit. Bestimmt spielen aber auch noch andere Faktoren eine Rolle bei der Längenänderung / Verkürzung.

Hierzu würde mich die Meinung von Ralf - und natürlich auch von den Mitlesern - interessieren. Es gibt Leute, die vom Nachrecken abraten, weil sich die Leinen danach angeblich relativ schnell wieder verkürzen würden (wenn dieser Effekt tatsächlich besteht, dann ist dieser sicher noch stark materialabhängig), andererseits gibt (gab?) es auch Hersteller, die das in den Handbüchern ausdrücklich empfehlen. Ich hab auch schon Betriebe gesehen, die das als separate Dienstleistung anbieten. Im Podcast erwähnt Ralf nur, dass er stark verkürzte Stabilo-Leinen einfach tauschen würde - also eher nicht recken? Was meint ihr? Was meinst du Ralf? Selektives Recken, alle Leinen recken oder ganz darauf verzichten?

Thomas Uttenthaler, Bern

Lucian Haas hat gesagt…

@Thomas: Das Recken kam im Podcast nicht zur Sprache, weil es von den Experten mittlerweile nicht mehr propagiert wird. Die Erfahrung hat gelehrt, dass gereckte Leinen doch ziemlich schnell einen Teil ihrer Reckung wieder schrumpfen. Das heißt, wenn man Leinen vor dem Trimmen erst reckt, dann den Schirm trimmt, ist dieser doch ziemlich schnell wieder aus dem (idealen) Trimm. Ich hatte mit Ralf (nicht im Podcast) auch hierüber mal gesprochen. Demnach ist diese Schrumpfungsproblematik bei vielen neueren Schirmen nicht mehr so stark gegeben, weil die meisten Hersteller mittlerweile dazu übergegangen sind, hybride Leinensätze mit einem abgestimmten Mix aus Dyneema und Aramid zu verbauen. Da sind dann halt die weniger belasteten C- und Stabilo-Leinen, die früher am stärksten geschrumpft sind, jetzt aus Aramid. Deshalb lassen sich die üblichen Vertrimmungen i.d.R. mit den Schlaufungen an den Leinenschlössern regeln. Und wenn das absolut nicht mehr geht, dann ist i.d.R. eine neue Leine besser als eine gereckte Leine. Weil sich das Veränderungs-Verhalten der neuen Leine auch besser einschätzen lässt als das der gereckten Leine.