Test: Leichtrucksäcke (3)

Nach den Folgen 1+2 der Testserie zu Leichtrucksäcken wurde mir mehrfach von Lesern noch ein Test der Neo Lite Bags ans Herz gelegt. Hier meine Erfahrungen mit dem Lite Bag 90. 

Den Neo Lite gibt es nur in hell. Das Dyneema-
Gewebe ist nicht färbbar. // Foto: Lu-Glidz
Bei der Lu-Glidz-Testserie von Leichtrucksäcken konzentriere ich mich auf Modelle mit möglichst deutlich unter einem Kilogramm Gewicht und einem Volumen zwischen 70 und 90 Liter. Diese Größe passt gut für übliche Ausrüstungen mit leichten Normalschirmen und leichteren Liegegurtzeugen, wie sie von vielen Piloten als Kombi für Hike-and-Fly und XC genutzt werden. Bei den Rucksäcken ist da vor allem ein guter Tragekomfort der entscheidende Faktor – mehr noch als ein geringes Gewicht.

In der ersten Folge hatte ich die Modelle UP Summiteer light, Skywalk Hike 80, Supair Trek light und Skye Eyrie light dem Praxistest unterzogen. Bei Folge 2 kamen dann noch der Airdesign Hike&Fly Trail 70 sowie Niviuk Kargo Expe 75+15 hinzu. Im Anschluss an diesen Test erreichten mich mehrere Zuschriften von Lesern, die alle meinten, ein Lite Bag des französischen Herstellers Neo dürfe in dieser Serie nicht fehlen. Also fragte ich bei Neo einen Lite Bag 90 an, der mir dann auch freundlicherweise für den Test zur Verfügung gestellt wurde.

Wie bei den früheren Test bin ich auch mit diesem weit über 1000 Höhenmeter gewandert (de facto deutlich mehr). Im Sack wieder: ein Gleitschirm in einem Concertina Compress Bag, ein leichtes Liegegurtzeug (Karpofly Extra light), ein Helm, ein 1,5 l Wassersack und etwas Kleidung. Das Gewicht lag typischerweise zwischen 12 und 15 kg (je nach zusätzlicher Kleidung und Wasserballast).

Noch ein wichtiger Hinweis: Ich selbst bin 1,82 m groß, mit normalen Proportionen hinsichtlich Rückenlänge. Da bei Gleitschirmrucksäcken die Rückenlänge fix ist bzw. die Aufhängung und die  obere Abspannung von Schultergurten üblicherweise nicht höhenverstellbar sind, können schon die vom Hersteller gewählten Grundproportionen des Tragesystems entscheidend sein für den individuellen Tragekomfort. "One size fits all" gibt es da einfach nicht. Letzten Endes kann ich nur empfehlen, Rucksäcke immer mit der eigenen Ausrüstung bepackt auf dem eigenen Rücken testen. Meine im Test beschriebenen Eindrücke sollten nur als Hilfen, aber nicht als maßgebliche Entscheidungsgrundlage für einen Kauf genommen werden.


Neo Lite Bag 90

Hinter dem langen blauen Reißverschluss
liegt noch eine flache Vordertasche.
Volumen: 90l
Gewicht: 770 Gramm (selbst gewogen)

Beschreibung: Der Litebag 90 ist nicht auf geringstes Gewicht, sondern auf Tragekomfort und Haltbarkeit optimiert. Im Vergleich zu allen zuvor getesteten Modellen fällt die Materialauswahl aus dem Rahmen. Der Rucksack ist aus einem im Verhältnis zum Gewicht besonders reißfesten Ripstop-Stoff aus Dyneema genäht. Selbst in einem schrofferen Umfeld muss man sich damit wenig Sorgen machen, der Rucksack könne schnell Schaden nehmen. Allerdings ist Dyneema als Faser per se nicht färbbar. Man muss sich deshalb mit der hellgrau-weißen und auch leicht durchscheinenden Grundfarbe des Sackes anfreunden. Im Alltag sieht er dann an den Stellen mit Bodenkontakt auch schnell mal etwas dreckig/gelblich aus. Wen das stört, der kann den Sack problemlos ab und zu in der Maschine waschen.
Der Grundschnitt ist wie bei vielen Bergrucksäcken gerade, mit einer gleichbleibenden Tiefe und oben abgerundet. Die Breite passt gut zu üblichen Gurtzeugen. Über einen umlaufenden Zwei-Wege-Reißverschluss lässt sich eine große Stoffklappe öffnen, so dass man die Hauptausrüstung bequem hineinlegen kann. Im Hauptfach gibt es noch eine Abspannmöglichkeit, um den Schirm zu fixieren. Für mein Setting war das aber völlig überflüssig, da die Tiefe des Sackes gut passte, um den Schirm am Rücken und das darauf gelegte Gurtzeug schon ohne Einsatz der Kompressionsriemen am Platz zu halten.
Vorne am Sack ist noch eine lange, aufgesetzte Zusatztasche, in die (bei spack gefülltem Hauptfach) allerdings nur wenig voluminöse Kleidung oder flache Gerätschaften hineinpassen. Zudem gibt es zwei aufgesetzte, dehnbare Seitentaschen, deren Inhalt durch die darüber laufenden Kompressionsriemen zusätzlich fixiert wird.
Der Rückenbereich ist als guter Kompromiss aus Komfort und Packbarkeit nur in zwei Streifen dünn aufgepolstert. Die Hüftgurte sind ausgeschnitten, d.h. jeweils in zwei Stege geteilt, die sich sehr gut an die Körperkontur anpassen.

Kompression: Mit zwei Kompressionsriemen pro Seite lässt sich der Schwerpunkt des Rucksacks gut an den Körper ziehen. Allerdings sind die unteren nur bedingt nutzbar. Zum einen entsteht bei stärkerem Zug ein leichter Knick im Rücken, der den Tragekomfort reduziert. Zum anderen laufen diese Riemen als zusätzliche Fixierung direkt über die Seitentaschen. Wenn man in diese Taschen etwas hineinsteckt, muss man auf die Funktion der Kompression weitgehend verzichten. 

Der aufgefächerte Ansatzpunkt des Schultergurtes und der
geteilte Hüftgurt sorgen für eine sehr gute Lastübertragung.
Tragekomfort
: Raumfüllend gepackt und mit Bezug zu meinen Körpermaßen muss ich dem Litebag 90 im Vergleich mit den anderen Testmodellen zugestehen: Keiner saß bei mir besser. Dazu tragen m.E. vor allem zwei Features bei. Zum einen schmiegt sich der geteilte Hüftgurt sehr gut an den Körper an und kann so einen Großteil der Last sehr effektiv übertragen (ohne störende Druckstellen). Zum anderen wird durch die aufgefächerten Angriffspunkte der Schultergurte am Rucksackboden (s. Foto) das Gewicht zusätzlich zum Körper hingezogen und gewissermaßen fixiert. Da schlockert dann auch beim schnelleren Gehen nix. Das erweist sich als erstaunlich kräftesparend.
Die oberen Lageverstellriemen an den Schultergurten könnten allerdings m.E. noch etwas höher am Rucksack ansetzen. Bei meiner Körpergröße (1,82) und Rückenlänge war das schon an der Grenze. Wer größer ist, könnte die Aufteilung schon als zu kurz bzw. zu niedrig empfinden.
Die Schultergurte sind am äußeren Rand durch ein relativ stabiles Band eingefasst. Dieses empfand ich anfangs als etwas steif und, wenn nur über einem T-Shirt getragen, als zuweilen scheuernd. Nach einiger Zeit hatte sich das aber "eingelaufen" und störte nicht mehr.
Der Lite Bag liegt sehr dicht am Rücken an und ist entsprechend "schwitzig". Der Dyneema-Stoff hält die Feuchtigkeit auch nur bedingt zurück, sodass sich der Einsatz einer zusätzlichen Schweißbremse (z.B. dünne Mülltüte) am Rücken unter der Ausrüstung empfiehlt. Dieser Tipp gilt übrigens für fast alle getesteten Modelle in ähnlicher Weise.

Packmaß: Dank der relativ dünnen Polsterung und dem wenig voluminösen Hüftgurt lässt sich der Lite Bag angenehm klein zusammenrollen. Klein genug, um z.B. sogar in das Ballast-Staufach vorne unter den Beinen bei einem Liegegurtzeug zu passen.

Qualität: Materialauswahl und Verarbeitung sind beim Lite Bag tadellos. Ein paar konstruktive Kleinigkeiten halte ich dennoch für verbesserungswürdig. So würde ich Reißverschlüsse mit Klemmschutz wie beim Skywalk Hike bevorzugen. Der gewählte Hakenverschluss des Brustgurtes ist zuweilen etwas fummelig. In die an den Schultergurten angekletteten Trinkflaschenträger passen nur sehr schmale Flaschen (á la Redbull-Dose). Mir fehlt eine Trinkschlauchdurchführung aus dem Hauptsack heraus. Manche Lite-Bag-Nutzer werden sicher auch eine kleine Tasche fürs Handy o.ä. am Hüftgurt vermissen.  

Für wen, für was: Den Lite Bag 90 würde ich im Rund der getesteten Leichtrucksäcke als sehr guten Allrounder bezeichnen. Das Platzangebot bei gutem Schnitt und Packbarkeit, der besonders hohe Tragekomfort und die gute Haltbarkeit machen ihn nicht nur für den Alltagseinsatz, sondern auch für mehrtägige Hike-and-Fly Abenteuer mit langen Hike-Passagen interessant. 


Hinweis für Frauen: Den Neo Lite Bag 90 gibt es auch in einer speziellen Edition für Frauen. Der Unterschied liegt nicht nur in der Farbwahl (bestimmte Teile sind pink statt blau). Die Women-Lite-Bag-Serie ist auf die weibliche Anatomie abgestimmt (anderes Verhältnis von Rückenlänge, Schulterbreite und Position des Hüftgurtes). 

7 Kommentare:

Hartmann Michael hat gesagt…

Wirklich aufschlussreicher Bericht. Danke dafür.
Nicht ganz nachvollziehen kann ich den Seitenhieb bei den flask.
Dafür gibt es extra Trinksysteme mit jeweils 500 Milliliter oder 750 Milliliter.
Diese können bei mehr Bedarf entweder bei der Tour gefüllt werden oder mehrere davon mitgenommen werden.

Lucian Haas hat gesagt…

@Michael: Deine Wortwahl sagt es schon: "Dafür gibt es EXTRA Trinksysteme..." schreibst Du, was aber eine weitere extra Anschaffung bedeutet. Allerdings ist das letztendlich kein entscheidendes Detail. Man kauft sich ja einen Rucksack wegen des Tragekomforts, nicht wegen irgendwelcher Trinksystemhalter. ;-)

Danilo B. hat gesagt…

Danke für das Review! Ich habe diesen Frühling die 50L- und 70L-Version dieses Rucksacks getestet. Leider haben für mich beide nicht gepasst.

Der 50L würde rein vom Volumen wohl knapp gehen, aber wegen den C-Wires kann ich meinen Advance Xi (21) nicht so kurz packen, dass er von der Länge her ohne Würgen in den Rucksack reinpasst.

Der 70L ist von der Grösse her super und sagt mir auch vom Konzept her zu (scheint ziemlich durchdacht zu sein), leider bin ich wohl etwas zu mager für die breiten Rucksackträger und ich kann ihn deshalb nicht ideal einstellen für meine Grösse. (Die beiden "Flügel", die auf der Brust aufliegen, berühren sich beinahe.)

Die Empfehlung bezüglich Ausprobieren ist daher bei allen one-size-fits-all-Modellen wichtig, je nach Körperbau passt der Rucksack super (wie bei dir), oder eben auch nicht. Ich habe die beiden Test-Rucksäcke in der Schweiz per Post von fly2gether erhalten und durfte dann einen oder beide wieder zurückschicken, je nachdem ob einer passt oder nicht. Danke!

Ich bin schlussendlich bei einem Rucksack gelandet, der nicht speziell für's Fliegen gebaut ist: Der Exped Lightning 60. Mit dem bin ich wirklich äusserst zufrieden. Er ist zwar knapp über der 1kg-Grenze, aber dank Tragegestell mit biegbarer Alu-Stange ist der Tragekomfort im Vergleich zu einem Rucksack ohne Tragegestell phänomenal. Das ganze Gewicht lässt sich auf den Hüftgurt bringen, was die Schultern entlastet. Zudem ist die Rückenlänge individuell anpassbar, so dass er eben auf den Körperbau angepasst werden kann. Dank Roll-Top und diagonal verlaufenden Kompressionsriemen kann er zudem hervorragend komprimiert werden, ohne dass es diese mühsamen Knicke gibt.

Die einzigen zwei Nachteile sind, dass er wegen der Alustange nicht zusammengerollt werden kann und dass er keinen seitlichen Reissverschluss hat. Aber zusammenrollen muss ich ihn bei Verwendung eines Ultraleicht-Gurtzeugs eh nicht (da ich den Rucksack auch in der Luft trage), und das Roll-Top ist bei Verwendung eines Kompressions-Packsacks oder eines ultraleichten Bergschirms kein Problem.

Ich packe problemlos meinen Xi 21, ein Leichtgurtzeug mit Notschirm, sowie Bekleidung / Elektronik / Essen in den Rucksack. Wasser kommt in die Seitentaschen, der Helm kommt in den optional einhängbaren Aussenbeutel, und Steigeisen / Eispickel / Wanderstöcke können aussen in die Kompressionsbänder eingehängt werden.

Bei einem Rucksack, den man über mehrere Stunden trägt, sollte man primär auf den Tragkomfort achten, und nicht nur stur auf das Gewicht. Möglicherweise bietet einem ein etwas schwererer Rucksack das viel bessere Hike&Fly-Erlebnis!

Michael Hartmann hat gesagt…

Dem stimme ich zu, dass ein Rucksack nach dem Tragesystem ausgewählt wird. Ist wohl auch sehr subjektiv Trinkblase oder Flask. Flask sind aber eben sozusagen State of the Art im Bergbereich, besonders im Leichtbau daher auch die logische Konsequenz bei dem Rucksack. Grüße Michi

Dalek Sander hat gesagt…

@Danilo: du trägst den Rucksack also auch in der Luft und hast keine Bedenken wegen des Metallgestells?

Ich frage, weil ich vor ein paar Jahren die Entscheidung, einen leichten (Mammut-) Wanderrucksack mit ultraleichtem, den Körperbewegungen folgenden Alugestell auf dem Fahrrad zu tragen, nach einem Unfall mit drei gebrochenen Lendenwirbeln bezahlen musste. Ab jenem Tag weiß ich, dass bei diesem Rucksack im Lenden-/Hüftbereich auch ein Metallelement verläuft – zwar gut gepolstert und nicht zu sehen, aber im Zweifelsfalle gefährlich.

Das nur als Anmerkung.

Danilo B. hat gesagt…

@Dalek: Ja, ich trage ihn in der Luft. Der Rucksack hat kein volles Metallgestell, sondern nur eine leichte Alustange von der Hüfte bis oben. Der Hüftgurt selber enthält meines Wissens kein Metall. Aber danke für den Hinweis, dass dies ein sicherheitsrelevantes Kriterium sein kann.

Unknown hat gesagt…

Ich habe bis dato noch keinen besseren Rucksack gefunden. Der Tragekomfort ist wirklich toll, nichts wackelt, einfach super damit zu gehen. Das einzige was ich schade finde ist die erwähnte, nicht vorhandene, Trinkschlauchdurchführung. Man muss den Schlauch hald durch den großen Reißverschluss heraushängen lassen. Für kurze hikes nehm ich einfach eine Salomon Soft Flask Flasche, die passt gut in die Brusttasche. Handy kann man auch super in den Brusttaschen an den Tragegurten verstauen, finde ich sogar besser als an der Hüfte.
Alles in allem ein super Rucksack der Neo typisch sehr gut verarbeitet ist, die Investition zahlt sich aus!