Viele Piloten vertrauen bei der Flugvorbereitung auf Prognose-Temps. Allerdings sollte man den Temperaturkurven bei der Analyse mit gesunder Skepsis begegnen. 


Grafik 1: Temp des Better-Sounding-Plugins von Windy.
Die "groben" Temperaturkurven verbinden nur die
Temperaturwerte auf den in Windy verfügbaren
Standard-Druckhöhen der Wettermodelle.
// Quelle: Windy.com, bearbeitet

Immer wieder erhalte ich Anfragen von Piloten, ob ich ihnen bei der Interpretation von Temps helfen könnte. Sie schicken dann Screenshots von Kurven mit der prognostizierten Temperaturschichtung der unteren Atmosphäre. 

Meistens stammen sie aus Windy, weil die Temps sich dort so leicht abrufen lassen. Man klickt einfach mit der rechten Maustaste an gewünschter Stelle in die Windy-Karte und wählt dann den Unterpunkt "Aerologie". Schon bekommt man eine Temp-Anzeige eingeblendet. 

Noch Gewieftere nutzen das Windy-Plugin "Better Sounding", um eine etwas eingängigere Darstellung der gleichen Daten zu bekommen.

Aus dem Verlauf der roten Temperaturkurve und der blauen Taupunktkurve versuchen sie dann, die Höhenbereiche mit besonders gutem Steigen oder die genaue Lage der Wolkenbasis abzuleiten. Wie das geht, will ich hier gar nicht erläutern. Dafür gibt es etliche Anleitungen zur Temp-Analyse im Web. Eine kleine Auswahl ist z.B. auf der Wetterwissen-Link-Seite des DHV zu finden. 

Allerdings muss ich mal etwas Wasser in den Wein der Tempanalyse-Jünger gießen.

Temps mit Stufen

Die aus den Daten der Wettermodelle abgeleiteten und in Windy abrufbaren Prognose-Temps sind relativ ungenau. Das liegt daran, dass die Temperaturdaten im Modell stets nicht in feinen Stufen, sondern nur für bestimmte Höhenschichten (Druckhöhen) in einem eher groben Raster vorliegen.

Gerade bei Windy sind diese Daten auf wenige Standarddruckhöhen reduziert: 1000 hPa, 950 hPa, 925 hPa, 900 hPa, 850 hPa, 800 hPa, 700 hPa, 600 hPa usw. Das entspricht den ungefähren Höhen 0m, 500m, 750m, 1000m, 1500m, 2000m, 3000m und 4200m MSL. 

Diese Einteilung birgt ein Problem. Die Temperaturgradienten werden stets nur auf die zwischen den jeweiligen Höhenstufen herrschenden Temperaturunterschiede gemittelt dargestellt. Zwischenwerte gibt es nicht! Das erkennt man sehr gut an der gestuften Temp-Darstellung (s. Grafik 1 oben). Zwischen den Temperatur- und Taupunktwerten auf den genannten Druckhöhen gibt es immer nur gerade Verbindungslinien. 

Als eindrückliches Beispiel habe ich mal einen Temp in der Better-Sounding-Darstellung ausgewählt. In diesem Fall wird die Stufigkeit besonders augenscheinlich. Die zugehörigen Druckhöhen habe ich als Hilfslinien eingezeichnet. 

Diese Stufigkeit der Prognose-Temps sollte man nicht unterschätzen. Sie bedingt eine gewisse Unsicherheit, vor allem in den Höhen jenseits von 1000m MSL (900 hPa). Hier liegen die Datenpunkte jeweils schon 500 Höhenmeter auseinander, jenseits von 2000m sogar bereits 1000 Höhenmeter und mehr.

Sperrschichten werden "ausgemittelt"

Grafik 2: Der Temp könnte zwischen 800 und 700 hPa
auch anders verlaufen. Die grobe Darstellung gibt
solche möglichen Details aber nicht her.

Als Beispiel noch einmal die gleiche Tempdarstellung von oben, mit einer kleinen Ergänzung auf dem Höhenniveau zwischen 800 und 700 hPa (s. Grafik 2). Windy liefert im Original als Temp dort nur eine Gerade. Das erweckt den Eindruck, als nähme die Temperatur zwischen 2000m und 3000m MSL mit einem völlig gleichmäßigen Gradienten ab. 

Tatsächlich könnte der Temperaturverlauf auf diesen 1000 Höhenmetern aber auch ein deutlich anderer sein. Die von mir eingezeichnete Alternative würde z.B. zwischen 2000 und 2600m einen sehr guten Gradienten versprechen, darüber aber dann einen spürbar schlechteren. Daraus leitet sich dann eine andere Einschätzung der Flughöhen mit guten thermischen Bedingungen ab.


Grafik 3: Ein weiterer denkbarer Temp-Verlauf zwischen
2000 und 3000m. Die deutliche Sperrschicht wäre in 
der Windy-Darstellung nicht erkennbar.

Denkbar wäre, bei gleichem Windy-Temp, auch eine ganz andere Schichtung zwischen 2000 und 3000m. Im Beispiel von Grafik 3 würde eine deutliche Sperrschicht zwischen 2000 und 2300m herrschen, darüber dann aber ein sehr guter Gradient. Das hieße unter anderem, dass es an so einem Tag ratsam sein könnte, einen möglichst hohen Startplatz oberhalb von 2300m zu wählen, um überhaupt von dem guten Gradienten zu profitieren und nicht in tieferen Schichten hängen zu bleiben. Aus der ursprünglichen Windy-Temp-Darstellung wäre das absolut nicht ersichtlich! 


Relativ gut, aber absolut ungenau

Ohne allzu tief in die Details einzusteigen, kann man daraus folgende Erkenntnis ziehen: Prognose-Temps sind sehr hilfreich, um eine ungefähre Einschätzung der thermischen Qualität eines Tages zu bekommen. Thermikträchtige und weniger thermische Tagen lassen sich darüber relativ gut unterscheiden. Man sollte sich aber davor hüten, absolute Werte wie metergenaue Basishöhen oder die genaue Ausprägung von Sperrschichten daraus ableiten zu wollen. Sonst wird man sicher des öfteren in der Flugpraxis enttäuscht. 

Typische "Sperrschichten" in der Atmosphäre, die die Thermiken am weiteren Aufstieg hindern, sind häufig nur um die 100m dick. Darüber herrscht dann wieder ein guter Gradient. In den groben Windy-Temps werden solche feinen, aber dennoch wirksamen Sperrschichten leider bis zur Unsichtbarkeit zwischen zwei Höhenstufen ausgemittelt. Man sollte sich deshalb nicht wundern, wenn man des Öfteren mal auf 2300m in einer Inversion hängen bleibt, obwohl der Prognosetemp eigentlich einen nutzbaren Gradienten bis 3000m verspricht. 

Übrigens: Prognosetemps gibt es nicht nur bei Windy, sondern auch von anderen Meteo-Anbietern. Sie weisen teilweise eine etwas feinere Höhenabstufung der Datenpunkte auf. Meistens muss man für solche Dienste aber etwas bezahlen. Die hier beschriebene Grundproblematik der groben Daten gilt freilich auch dort. 

Letztendlich eignen sich Prognosetemps immer nur für die ungefähre Einschätzung der Thermikqualität eines Tages. Wie es dann tatsächlich ist, zeigt sich erst in der Luft.


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