DHV-GüSi 2008 - Der Streit

Heute will ich mal ein wenig Aufklärung leisten im Streit um die vom DHV geplante Verschärfung des Gütesiegels für Gleitschirme, gewissermaßen eine Kurzfassung der Argumente. Wer will, kann natürlich auch die Diskussion im DHV-Forum verfolgen, aber da muss man wie so häufig ganz schön viel gequirrlten Mist und persönliche Anfeindungen zwischen einigen guten Beiträgen lesen, um aufs Wesentliche zu kommen. Darum hier gewissermaßen die Quintessenz.

Die Position des DHV
Der DHV will aus den Unfallerfahrungen der vergangenen Jahre heraus die unteren Schirmklassen DHV 1 und DHV 1-2 mit noch mehr passiver Sicherheit ausstatten. Dafür sollen im Testkatalog neue Tests eingeführt werden, bei denen zum einen das Klappverhalten der Schirme bei heftigeren Klappern ("flächentiefe Klapper" im DHV-Jargon) und zum anderen das Beschleunigungsverhalten der Schirme in der Spirale beurteilt wird. Die genauen technischen Hintergründe sind hier nachzulesen.
De facto würden die neuen Test dazu führen, dass viele Schirme, die heute in ihrer Klasse als "High-End" gelten, weil sie trotz Konformität mit dem bestehenden Gütesiegel in Grenzsituationen in der Praxis doch einen recht "sportlichen" Charakter an den Tag legen, nach dem neuen Gütesiegel eine Klasse höher rutschen. Viele aktuelle Leistungs-1-2er wären gemäß neuer Kategorisierung dann in der Klasse 2 zu finden, einige flotte 1er wären dann DHV 1-2.
Wichtig: Der DHV plant NICHT, die Schirmmodelle, die heute schon am Markt sind, alle nachzutesten und somit neu einzustufen (wobei Hersteller das freiwillig machen können). DHV-Gütesiegel 2008 würde nur für alle ab 2008 neu zugelassenen Gleitschirme gelten.
Der DHV verspricht sich von den neuen Tests eine größere passive Sicherheit für die große Zahl der Piloten mit eher wenig Flugerfahrung, weil die Streuung der "eingebauten" Sicherheit in den von solchen Piloten bevorzugten Klassen 1 und 1-2 künftig nicht mehr so groß wäre. Sportlich ambitioniertere Piloten müssten dann künftig ihre Schirme eher in der Kategorie 2 suchen.

Die Position der PMA
PMA ist die in diesem Jahr neu gegründete Interessensvertretung der Gleitschirmhersteller. Ihr gehören viele bekannte Marken an - wenn auch nicht alle. In der Forums-Diskussion mit dem DHV hat sich NOVA-Konstrukteur Hannes Papesh als Sprecher der PMA etabliert. Er argumentiert für die PMA so:
Aus Sicht der PMA ist eine Verschärfung des DHV-Gütesiegels nicht notwendig. Mehr Sicherheit sei immer wünschenswert, doch die vom DHV vorgeschlagenen Tests sind (noch) nicht ausgereift, um einen neuen Standard zu bilden. Sinnvoller aus Sicht der PMA wäre es, das DHV-Gütesiegel auch in Deutschland durch den europäischen Test-Standard EN abzulösen (Anm.: Das wäre für die Hersteller billiger, weil sie nicht mehr mehrere Gütesiegel machen müssten. Denn z.B. dürfen Piloten in Deutschland nur DHV-gesiegelte Geräte fliegen. Flugschüler in Frankreich dürfen nur auf Schirmen schulen, die gemäß EN zertifiziert sind!).
Die Einführung von EN in Deutschland würde freilich einen Machtverlust für den DHV bedeuten (weil EN gewissermaßen einen europäischen Konsens darstellt). In der Darstellung der PMA ist die vom DHV geplante Verschärfung des Gütesiegels darum eher ein politischer Schritt, um sich gegen die EN-Regeln zu behaupten.

Das Luftfahrtbundesamt (LBA)
Das LBA ist die letztendlich entscheidende Stelle. Das LBA muss den vom DHV vorgeschlagenen Änderungen der Gütesiegelkriterien zustimmen, damit diese künftig in den deutschen Lufttüchtigkeitsforderungen (LTF) für Gleitschirme als neuer Standard einfließen. Im Rahmen dieses Verfahrens werden freilich auch andere Interessensvertreter gehört, darunter die PMA. Es ist möglich, dass das LBA die DHV-Vorschläge ablehnt. Dann bliebe bei den LTF alles beim alten. Für diesen Fall gibt es beim DHV Überlegungen, die neuen Sicherheitstests auf freiwilliger Basis anzubieten. Die Hersteller könnten positive Ergebnisse dann für ihr Marketing nutzen ("erfüllt auch die schärfere DHV-Norm 2008").

Was bringt es den Piloten?
Bei aller Streiterei: Die Piloten können sich über die aktuelle Entwicklung nur freuen. Denn egal ob der neue DHV-Standard am Ende offiziell kommt, oder nicht - die Diskussion um die Sicherheit von "High-End"-Geräten einer Klasse ist aus dem Sack und wird ihre Früchte tragen. Der Mehrwert liegt vor allem darin, dass die Piloten durch die neuen Tests mehr Informationen über das Grenzverhalten eines Flügels bekommen. Bei der letzten DHV-Regionalversammlung in Neuss kündigte DHV-Technikleiter H. Weininger u.a. an, dass im Zuge der Überarbeitung auch geplant ist, künftig die Testprotokolle detaillierter und aussagekräftiger ins Netz zu stellen. (Anm: Die Protokolle der EN-Tests sind in diesem Punkt bislang um einiges besser als die DHV-Protokolle). Letztendlich entscheidet am Ende der Pilot allein, welchen Flügel er fliegt und welche "eingebaute" Sicherheit ihm dabei wichtig ist.
Share on Google Plus

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

du hast die Acadamy die zweite Prüfstelle vergessen. Theoretisch gibt es nun für das LBA eine 2:1 Mehrheit sollten sich 2 von den 3 Entscheidungsträgern für Änderungen der LTF zusammentun.
Der DHV als Beauftragter (nicht Prüfstelle) hat nur beratende Funktion.

Lucian Haas hat gesagt…

Die Academy hatte ich in einem früheren Post erwähnt. Was das LBA betrifft: Hier gibt es keine 2:1 Mehrheit, sondern nur Meinungsträger. Das LBA entscheidet letztendlich für sich - unter Berücksichtigung der Meinungen von DHV, PMA, Academy etc. Wie das Ergebnis ist, ist noch völlig offen.