Die Opfer im CCC-Schach

Perspektiven rund um den Ausschluss des Schirmmodells Tripleseven Gambit von der Gleitschirm-Weltmeisterschaft 2019 in Krusevo. 

Der Gambit von Tripleseven ist der komplexeste CCC-Schirm auf
dem Markt. Aber ist er wirklich auf dem Markt?
// Quelle: Tripleseven, Facebook
Gleich zu Beginn der WM gab es spannende taktische Züge in den Hinterzimmern. Nach einigem hin und her wurde der Tripleseven Gambit doch noch von der Teilnahme ausgeschlossen (Lu-Glidz berichtete 1 | 2). Seither laufen in Foren und sozialen Netzen die Diskussionen: War dieser Ausschluss gerechtfertigt und regelkonform? Hat Ozone hier Foul gespielt, um einem aufstrebenden Konkurrenten beim Start auf die Leinen zu treten? Inwieweit hat wiederum Tripleseven eine unklare Regel in unfairer Weise ausnutzen wollen? Ist die FAI-Gleitschirmsektion CIVL bei ihren Entscheidungen korrekt vorgegangen?

Eindeutige Antworten darauf lassen sich nicht geben, allein schon weil das Regelwerk bezogen auf den zuletzt strittigen Punkt einer rechtzeitigen "Verfügbarkeit" der Schirme zu schwammig bzw. zu weit interpretierbar formuliert ist.

In den CCC-Regeln der FAI (pdf) wird die Verfügbarkeit eines Schirmtyps an zwei Stellen erwähnt. Auf Seite 5 heißt es: "All sizes of wing must be available to competitors at least 30 days before the event." Auf S. 13 wiederum steht: "Any CIVL Competition Class certified paraglider is permitted if (...) c. The gliders have been made available to the pilots at least 30 days before the start of the FAI Category 1 event."

Unklar bleibt dabei, was mit "available" genau gemeint ist. Verfügbar im Sinne von "ausgeliefert und fliegbar", oder verfügbar im Sinne von "bestellbar" (ungeachtet jeder Lieferzeit)? Genauso bleibt unklar, in welchem Umfang eine Verfügbarkeit gewährleistet sein muss: Gilt das im Grunde für alle potenziellen Piloten eines Wettbewerbs, oder reicht es, einen Schirm nur als Kleinserie für eine ausgewählte Gruppe von Piloten bereit zu stellen?

Tripleseven beruft sich auf den Standpunkt von verfügbar = bestellbar. Allerdings hat der Hersteller von Anfang an auch klar gemacht, dass er den Schirm für die WM nur in stark beschränkter Stückzahl produzieren könnte. Das würde bedeuten: Zumindest theoretisch hätten sich einige ausgewählte Piloten mit dem Gambit einen dann "exklusiven" Wettbewerbsvorteil verschaffen können.

Für einen großen Hersteller wie Ozone, der schon länger dafür einsteht, auch die breite Masse der Wettbewerbspiloten mit einem konkurrenzfähigen Produkt egalitär zu beliefern, ist so eine Haltung verständlicherweise schwer akzeptabel. Denn sollte sich der Gambit mit seiner deutlich komplexeren (extrem vielzelligen) Konstruktion als überlegen erweisen, stünde man in einem Dilemma. Es wäre für Ozone sicher ein leichtes, einen ähnlich aufwändigen Schirm zu konstruieren. So ein Modell dann aber zu noch annehmbaren Preisen in die Massenproduktion zu bringen, wäre schwer zu realisieren. Zugleich könnte es sich Ozone moralisch nicht leisten, neben einem Enzo für die Massen auch eine Art Super-Enzo in einer Kleinserie für ausgewählte Top-Piloten zu liefern, nur um seine Konkurrenzfähigkeit zu demonstrieren.

Was also ist eine faire Lösung im Sinne der Piloten?

Die CIVL wurde von diesen Diskussionen auf einem sehr schwachen Fuß erwischt. Ihr auslegbares  Regelwerk lässt im Grunde in diesem Fall keine eindeutige Entscheidung zu. Als Ausweg wurden die Teamleader bei der WM zur Abstimmung über die rechtmäßige Zulassung des Gambits aufgerufen, wie eine Art Geschworenengericht. Doch auch dafür fehlt vermutlich die rechtliche Grundlage. Theoretisch könnte dieser Vorfall sogar ein Nachspiel vor einem Sportgericht haben. Von Tripleseven gibt es bereits solche Gedankenspiele.

Ob es tatsächlich dazu kommt? Vermutlich eher nicht. Denn für Tripleseven gäbe es dabei nicht zwingend etwas zu gewinnen, außer sich vielleicht am Ende als moralischer Sieger zu fühlen. Aber das können sich die Valic-Brüder als Chefs von 777 auch jetzt schon – zumindest im Spiegel der Kommentare in den sozialen Medien. Da steht die Marke gut da und hat durch die Geschichte vermutlich viel mehr Aufmerksamkeit erfahren, als wenn am Ende der WM ein Gambit-Pilot auf einem, sagen wir mal, guten fünften Platz gelandet wäre.

Man könnte die ganze Geschichte ja auch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Nehmen wir einfach mal an, der Name des Schirmes sei Programm: Gambit ist ein Begriff aus dem Schach und bezeichnet eine Eröffnung, bei der schon früh eine Figur geopfert wird, um sich damit einen strategischen Vorteil für den weiteren Spielverlauf zu verschaffen. "Für das geopferte Material wird gewöhnlich ein Tempogewinn und Entwicklungsvorsprung erzielt", heißt es bei Wikipedia.

So gesehen könnte das Aus des Gambits bei dieser WM für Tripleseven sogar eine geschickte Eröffnung darstellen, um sich für den weiteren Einstieg in den CCC-Circus strategisch besser aufzustellen.

Analog zum Gambit beim Schach würde das bedeuten, dass Tripleseven die Disqualifizierung seines Schirmes für die WM-Teilnahme bewusst provoziert und in Kauf genommen hätte. So etwas den Valics zu unterstellen, wäre dann freilich ein Fall für die Verschwörungstheoretiker der Gleitschirm-Szene.

1 Kommentare:

Christoph Koch hat gesagt…

Undurchsichtige Gemengelage, sicherlich spielen hier auch einige persönliche Animositäten eine Rolle - die Gleitschirmszene ist weit weniger professionell als andere Sportarten und da schließe ich explizit das Management diverser Hersteller mit ein.

Spinnt man den Gedanken weiter, könnte sich hier durchaus eine Professionalisierung abzeichnen: Andere Sportarten genießen ja durchaus höhere Sponsorengelder, mit welchen die Leistungsfähigkeit auf die Spitze getrieben wird (Carbontechnik in diversen Sportarten, Nikes Laufschuh, der bei professionellen Veranstaltungen verboten werden soll etc.).
Warum sollten wir also nicht auch Spezial GL über 10.000 EUR sehen, die in Kleinstserie für Competitions gefertigt werden?
Wenn ich Sonntag Nachmittags etliche Rennräder jenseits der 15.000 EUR sehe, denke ich, es könnte sogar einen kleinen Anteil im Massenmarkt geben. Allerdings ist der Gleitschirmpilot gemeinhin als Knauser bekannt.