Stufenschlepp bald möglich

Wer im Flachland mit dem Gleitschirm in die Höhe kommen will, der ist auf den Windenstart angewiesen. Der sichere Einstieg in die Thermik ist damit aber selten garantiert. Häufig bleiben die Ausklinkhöhen unter jenen Höhen, in denen Thermikschläuche eine zentrierbare Größe erreichen. Oder man kommt zwar hoch hinaus, aber erwischt im Thermikzyklus genau die Phase, in der es nur noch abwärts geht. Noch größere Höhen und längere Schleppzeit wären wünschenswert.

Möglich macht dies der Stufenschlepp: Der Pilot klinkt nach dem ersten Schleppvorgang nicht gleich aus, sondern fliegt mit eingehängtem Seil und ausgekuppelter Winde über die Startposition zurück, richtet sich dort wieder zur Winde hin aus und wird dann weiter hochgezogen. Ausklinkhöhen von über 1000 Meter Höhe sind so in mehreren Stufen erreichbar. Allerdings ist der Stufenschlepp durch einige Unfälle von Drachenfliegern, die das vor Jahren immer wieder probierten, in Deutschland in Verruf geraten. Mit dem Gleitschirm wird er deshalb nicht praktiziert. Das soll sich in Zukunft ändern. Bei einem Stufenschlepp-Workshop des DHV im niederrheinischen Sevelen wurden am vergangenen Wochenende die ersten Weichen dafür gestellt.

Hier ein Youtube-Video über Stufenschlepp in Holland. Die Hoffnungen des Filmers, dass so etwas auch in Deutschland möglich wird, dürften bald in Erfüllung gehen:


Die Holländer machen vor, dass und wie mit dem Gleitschirm ein sicherer Stufenschlepp möglich ist: Über Jahre hinweg haben sie viel Erfahrung gesammelt und passende Technik entwickelt. Mittlerweile werden regelmäßig von Schleppzentren in den Niederlanden wie z.B. Toldijk beeindruckende Flachlandflüge gestartet, die nicht selten weit über 100 km bis nach Norddeutschland führen. Deutsche Piloten vom Niederrhein verfolgen seit geraumer Zeit neidisch das Treiben jenseits der Landesgrenze und fragen sich: Warum geht das nicht auch bei uns? Martin Speis ergriff im vergangenen Jahr die Initiative und rührte beim DHV und v.a. dem Schleppbeauftragten Horst Barthelmes die Werbetrommel.

Barthelmes war beeindruckt und erkannte schnell das Potenzial. Allerdings mahnte er an, dass der Stufenschlepp in Deutschland nur eine Chance hätte, wenn dafür die Technik, die Geländeauswahl und die Ausbildung an das deutsche Recht und die geltenden Verordnungen angepasst würden. Um die dafür nötigen Grundsätze zu diskutieren, lud der DHV Ende Februar zu einem Workshop nach Sevelen. Es sollte ein aussichtsreiches Treffen mit über 30 Teilnehmern werden, darunter auch mehrere holländische Piloten und Windenfahrer, die von ihren Erfahrungen berichteten.

Am Anfang standen Flugdemonstrationen unter erschwerten Bedingungen: Der Wind blies böig aus Süd an der West-Ost-Schleppstrecke des Segelflugplatzes Sevelen. Kurzerhand wurde quer zur Bahn entlang eines Erdweges geschleppt. Bei den Windgeschwindigkeiten wäre kein Stufenschlepp nötig gewesen, um große Höhen zu erreichen. Dennoch zeigten erst die Holländer um Jan Meerbeek vom Schleppzentrum Toldijk ihr Können, danach führte Markus Berghaus von der Flugschule Active Zone vor, dass auch mit einer deutschen Winde Kirchner K6 Stufenschlepp möglich ist (Foto: Schleppvorführung K6 mit eingebauter Seilbremse).

Am Nachmittag und Abend stand die theoretische Arbeit auf dem Programm. Schnell war klar: Deutschland braucht den Stufenschlepp nicht neu zu erfinden, eine enge Kooperation mit den Holländern, um von deren Erfahrungsschatz zu profitieren, ist erwünscht.

Jan Meerbeek machte in einem fundierten Vortrag klar, dass "klassischer" Windenschlepp und Stufenschlepp einer etwas anderen Philosophie folgen. Während es im klassischen Fall (der deutschen Praxis) vor allem darum geht, möglichst größte Höhen zu erreichen, um bei einemn verglängerten Abgleiter im Glücksfall thermischen Anschluss zu finden, zielt der Stufenschlepp in der holländischen Variante vor allem darauf, den Piloten sicher in einer Thermik abzusetzen. Ob dies in 150m oder 650m Höhe, nach einer, drei oder fünf Stufen geschieht, ist dabei egal. Ein Pilot bleibt so lange am Seil, macht Stufe um Stufe und sucht dabei das Gelände im Vorfeld der Winde ab, bis er irgendwo eine Thermik findet, ausklinkt, eindreht und wegfliegt. In der Regel würden die Piloten in Holland nur einmal am Tag geschleppt, dann seien sie weg(geflogen), so Meerbeek. "Und je später sie dann nach Hause kommen, desto breiter ist das Grinsen auf ihrem Gesicht."

Allerdings bedeutet diese Praxis auch, dass jeder Schlepp deutlich länger dauert, im Durchschnitt etwa 10 Minuten. Für Piloten, die quasi mit der Garantie am Boden warten, später auch noch bis in die Thermik geschleppt zu werden, ist das aber leicht zu verschmerzen. Das geht freilich nur, wenn es nicht allzu viele sind.

Lehre 1: Stufenschlepp ist vornehmlich etwas für Streckenflieger in kleineren Gruppen.


Jans Schleppgelände bei Toldijk misst nur 300 x 300 Meter. Auf der quadratischen Wiese kann in alle Windrichtungen geschleppt werden. Bei den höheren Stufen wird allerdings über die eigentlichen Grenzen den Schleppgeländes hinaus geflogen, um auch dort auf Thermiksuche zu gehen.

Lehre 2: Stufenschlepp ist auch von relativ kleinen Schleppgeländen aus möglich.

Die maximale Flugentfernung am Seil hängt dabei von der Flughöhe ab: Stets muss das sichere Auftrommeln des Seiles nach dem Ausklinken gewährleistet sein, ohne zu riskieren, dass es sich über Bäume, Straßen oder Häuser legt. Hier ist der Windenfahrer gefragt, der dem Piloten entsprechende Anweisungen per Funk gibt, wann er umkehren muss. Die strikte Einhaltung solcher Vorgaben des Windenführers ist dabei ein Muss! Überhaupt ist die Rolle und Verantwortung des Windenführers beim Stufenschlepp ungleich größer. Er gibt den Piloten per Funk vor, in welche Richtung sie am Seil abdrehen sollen, um auf Thermiksuche zu gehen. Das habe sich in der Praxis bewährt, sagt Meerteens. "Ein Pilot ist beim Schleppen immer im Stress. Der bekommt vieles gar nicht mit. Vom Boden aus hat der erfahrene Windenführer eine größere Übersicht." Wo waren schon Thermikansätze spürbar, wo drehen die Vögel? Dorthin lotst der Windenführer seine Piloten am Seil. Das geht nur mit Funkkontakt. Ohne Funkkontakt ist kein Stufenschlepp möglich, fällt der Funk aus, wird der Schlepp abgebrochen!

Lehre 3: Pilot und Windenführer bilden beim Stufenschlepp ein Team, wobei der Windenführer den Piloten aktiv per Funk bei der Thermiksuche unterstützt. Das braucht viel Erfahrung.

Das größte Risiko beim Stufenschlepp besteht darin, dass der Pilot am Seil zur falschen Zeit wieder angezogen wird. Sei es, weil der Windenfahrer zu früh einkuppelt oder weil sich das Seil irgendwo verhakt und somit den Piloten herumreißt. Um die Folgen solcher Fälle zu mindern bzw. ganz zu vermeiden, haben die Holländer eine spezielle Sicherheitsklinke entwickelt. Diese löst, ähnlich wie eine Skibindung, automatisch aus, wenn stärkere seitliche Zugkräfte auftreten. Das ist bautechnisch nur mit starren Klinken zu lösen (keine Gurtbandklinke). Jede Klinke wird dabei auf das Gewicht des Piloten eingestellt (verstellbare Feder). Seitdem diese Variante eingesetzt wird, hat es in Holland keine Unfälle mehr gegeben, die mit dem eigentlichen Schleppvorgang zusammenhängen. (Foto: Jan Meerbeek demonstriert, wie mit einer einfachen Vorrichtung mit Federwaage der Widerstand der seitlichen Auslöse der Klinke eingestellt wird)

Lehre 4: Stufenschlepp bedarf einer speziellen, starren Sicherheitsklinke mit automatischer Auslösung bei seitlichem Zug. Gurtbandklinken sind out!

Besonderer Technik bedarf es auch an der Winde. Erstens muss deren Getriebe so gebaut sein, dass im ausgekuppelten Zustand für das Ausziehen der Seile nur ein geringer Kraftaufwand nötig ist. Die meisten in Deutschland üblichen Windentypen (mit VW Motor) werden dieser Anforderung nicht gerecht. Jan Meerbeeks Winde basiert auf einem Motor des Honda Civic mit Automatik, die sich für diesen Zweck bewehrt hat. Allerdings fehlt dieser Winde bislang eine automatische Zugkraftregelung, wie sie der DHV in Deutschland vorschreibt. Windenbauer Dieter Kircher verspricht mit seiner K6 eine stufenschlepptaugliche Lösung, da diese ohne Differential und dessen Reibungswiderstand auskommt.
Zweitens ist es wichtig, die Trommeln beim Ausziehen des Seiles im Flug bei Bedarf abzubremsen, um Seilüberwürfe und unnötiges Durchhängen zu vermeiden. Theoretisch könnte dies ein Windenführer manuell übernehmen, doch verlangt das enorm viel Fingerspitzengefühl und Konzentration, was auf Dauer unpraktikabel ist. Jan Meerbeek hat deshalb ein automatisches System mit einer Luftdruckbremse entwickelt. Sobald die Seilspannung nachlässt, öffnet ein Magnetventil kurz die Luftleitung, die Trommel wird angebremst und die Seilspannung ist wieder da. Anhand der typischen rhythmischen Luftstöße, die dabei hörbar sind, könne ein Windenführer sogar erkennen, wann und wo ein Pilot beim Zurückfliegen gerade eine thermisch aktive Zone kreuzt, so Meerbeek. (Foto: Jan Meertens erklärt die Funktionsweise der per Luftdruck aktivierten, automatischen Seilbremse)

Lehre 5: Für den Stufenschlepp braucht es geeignete Winden mit geringem Ausrollwiderstand und automatischer Seilbremse.

Im weiteren Verlauf des Workshops stellte Horst Barthelmes seine Überlegungen und Einschätzungen zur Praxis und Rechtslage des Stufenschlepps zur Diskussion. Hier die wichtigsten Punkte in der Zusammenfassung:

  • Der Stufenschlepp für Gleitschirme in Deutschland soll kommen. Allerdings geht das nur im Rahmen des geltenden Rechts. Die deutschen Vorschriften werden etwas strikter ausfallen als in Holland.
  • Das größte Problem sieht Barthelmes bei den Geländen. Diese müssen eigens für den Stufenschlepp eine erweiterte Zulassung bekommen ("stufenschlepptauglich"). Das wird nicht immer einfach sein. Denn laut deutschem Recht dürfen Schleppseile nur über einem Fluggelände abgeworfen werden. Da beim Stufenschlepp aber häufig weit über die eigentlichen Grenzen des Schleppgeländes hinaus geflogen wird, müsste entweder dieser erweiterte Raum auch mit in die Zulassung genommen oder der erlaubte Flugbereich von vornherein stark eingeschränkt werden. Sicherheitsrelevante Hindernisse im Umfeld (z.B. Straßen, Stromleitungen u.ä.) könnten häufiger dazu führen, dass manche Gelände vom Gutachter als "nicht für Stufenschlepp geeignet" eingestuft wird.
  • Ein weiteres Problem sind die verfügbaren Winden. Derzeit gibt es kaum Modelle, die schon stufenschlepptauglich sind (geringer Zugwiderstand, automatische Seilauszugsbremse). Die meisten Vereine, die sich für Stufenschlepp interessieren, werden sich wohl nach neuer Technik umsehen müssen. Zudem sind Windenbauer gefragt, dieser Nachfrage gerecht zu werden.

  • Neue Klinken sind ebenso nötig. Barthelmes will auch für den Stufenschlepp in Deutschland auf Klinken mit seitlicher Sicherheitsauslöse setzen. Das von Jan Meerbeek entwickelte und vertriebene Modell könnte schon bald das erste sein, dass dafür eine DHV-Zulassung bekommt. Die Klinke kostet rund 200 Euro.

  • Für den Stufenschlepp wird jeder interessierte Pilot und Windenfahrer eine Zusatzausbildung machen müssen. Grundvoraussetzung für Piloten ist der B-Schein. Die Ausbildung erfolgt über Flugschulen. Später einmal sollen aber auch "einweisungsberechtigte Windenführer" mit ausreichend Stufenschlepperfahrung andere Windenführer im Verein weiterbilden dürfen. Die ersten deutschen Stufenschlepplehrer werden ihre Ausbildung in Holland erhalten.
Wenn alles gut geht, sollen noch im Laufe dieses Jahres alle Grundvoraussetzungen geschaffen werden, sodass in Deutschland die ersten offiziellen Stufenschlepps mit dem Gleitschirm möglich sind. Anträge auf Begutachtung von Geländen auf ihre Stufenschlepptauglichkeit können ab sofort beim DHV gestellt werden.
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2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Klingt interessant. Allerdings habe ich bei den benannten "deutschen Einschränkungen" den starken Verdacht, daß das ein Nischendasein bei kleinen Vereinen fristen wird, die einen Teil der Beschränkungen dann schlicht ignorieren werden (von wegen expliziter Zusatzausbildung und nicht über die Grenzen des Geländes hinausschleppen).
Na ja, immerhin etwas.

bijewrit hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.