Thermiken drehen sich um ihre Hochachse. Dafür gibt es verschiedene Auslöser. Es hat nichts mit dem Coriolis-Effekt zu tun
![]() |
Die Luftmassen einer Thermik rotieren // Bild: KI generiert |
In vielen Fällen hat das mit den eigenen Vorlieben zu tun. Die intuitive Feinsteuerung des aktiven Fliegens geht einem in die eine Richtung einfach besser von der Hand als in die andere. Zuweilen aber wird man feststellen, dass man in manchen Bärten sogar besser steigt, wenn man entgegen der bevorzugten Richtung kreist.
Der Grund dafür: In Thermiken steigt die Luft nie schnurgerade auf. Man kann sich die interne Struktur von Aufwindsäulen vorstellen wie einen verzwirbelten Faden oder ein zusammengedrehtes Seil. Die Luftmassen "schrauben" sich gewissermaßen in die Höhe.
Kreist man als Pilot entgegen der Eigenrotation der Thermik, hat man auf seiner Kreisbahn gewissermaßen immer etwas Gegenwind und man fliegt langsamer. Kreist man in die gleiche Richtung wie die Thermik rotiert, wird man vom Aufwind von hinten angeschoben und fliegt etwas schneller , jeweils relativ zum Boden gesehen.
Diese Unterschiede wirken sich zwangsläufig auf den Radius der geflogenen Thermikkreise aus. Gegen die Drehrichtung der Thermik lässt es sich etwas enger kreisen als mit der Drehrichtung. Bei Thermiken mit einem starken, aber engen Kern kann es deshalb Vorteile bringen, entgegen der Thermik im Bart zu rotieren. Ob und wann sich das lohnt? Dazu später mehr.
Was bestimmt die Drehrichtung?
In Diskussionen unter Fliegern und in Foren wird für die Rotation von Thermiken gerne der Coriolis-Effekt ins Spiel gebracht. Das ist diese Scheinkraft in Zusammenhang mit der Erddrehung, die Windströmungen auf der Nordhalbkugel nach rechts und auf der Südhalbkugel nach links ablenkt (bezogen auf einen Beobachter, der am Erdboden steht).Der Coriolis-Effekt führt dazu, dass Tiefdruckgebiete auf der Nordhalbkugel links herum drehen. Und da Thermiken auch so etwas wie Tiefdruckgebiete im Miniaturformat sind, könnte man aus dieser Analogie heraus schließen, dass auch Thermiken bei uns grundsätzlich einen Linksdrall haben müssten. Dem ist allerdings nichts so.
Denn der Coriolis-Effekt wird erst auf große Distanzen wirksam bzw. sichtbar. Es geht um Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Kilometer. Nur sehr große Gewitterzellen, sogenannte Superzellen, folgen manchmal diesem Muster. Die von uns üblicherweise erflogenen Thermiken spielen sich aber auf einer viel kleineren Skala ab. Hier herrschen lokal geprägte, chaotischere Strömungsmuster vor. Dennoch können diese eine gewisse Ordnung in Form einer Drehrichtung hervorbringen.
Die Rotation wird aufgeprägt
Die Eigenrotation von Thermiken kann auf unterschiedliche Weisen entstehen. Im Folgenden sind vier Möglichkeiten beschrieben – mit phantasievollen Namen fürs bildlich bessere Verständnis: Zustrom-Schraube, Kehrwasser-Wirbel, Kipprotor und Scherungs-Kreisel. Denkbar sind noch weitere Fälle, wobei man in der Praxis auch alle möglichen Mischformen erwarten kann. Allen ist aber eine Grundregel gemein: Thermiken rotieren nicht aus eigenem Antrieb heraus. Die Rotation und die Drehrichtung wird ihnen gewissermaßen von außen aufgeprägt.1. Zustrom-Schraube
![]() |
Der Zustrom von Wind am Boden wird zur Schraube. // Grafik: Lu-Glidz (Klicken zum Vergrößern) |
2. Kehrwasser-Wirbel
![]() |
Hinter Geländenasen bilden sich Rotoren. Sie bestimmen die Rotation der Thermik |
3. Kipprotor
![]() |
Lee-Rotoren auf Grathöhe werden von Thermiken in die Senkrechte gekippt |
4. Scherungs-Kreisel
![]() |
Scherungen in Konvergenzen prägen der Thermik ihre Rotation auf. |
Gegen die Thermik kreisen?
In der Praxis kann man davon ausgehen, dass im Grunde jede Thermik mehr oder weniger stark in sich selbst rotiert. Das heißt aber nicht, dass man sich immer darum bemühen sollte, die eigenen Thermikkreise in die Gegenrichtung zu legen.Zum einen: Die geltenden Thermikflugregeln stehen dem häufig entgegen. Dann man passt seine Drehrichtung an die Vorflieger in einem Bart an. Man ist also gar nicht frei in der Richtungswahl.
Zum anderen muss man auch wissen: Die Vorteile, gegen die Drehrichtung der Thermik zu kreisen, sind in vielen Fällen vernachlässigbar. Die Rotationsgeschwindigkeit der meisten Bärte ist so gering, dass es schwerfällt, beim Kreisen überhaupt nennenswerte Unterschiede zu erspüren.
Hierzu trägt noch eine weitere Eigenschaft von Thermiken bei. Je höher sie aufsteigen, desto mehr dehnen sie sich in der dünner werdenden Umgebungsluft aus – wie ein Luftballon. Dabei nimmt auch die Geschwindigkeit der Eigenrotation ab. Es ist der umgekehrte Pirouetteneffekt. Als Pilot kann man dann seine Thermikreise weiten und ist gar nicht mehr auf den „Gegenwind“ der Thermik fürs engere Kurbeln angewiesen.
Letztendlich gibt es nur wenige Fälle, bei denen es sich überhaupt lohnt, die Drehrichtung einer Thermik in seiner Kurbeltaktik zu berücksichtigen. Das ist immer dann der Fall, wenn Thermiken sehr eng und im Kern stark sind. Solche Verhältnisse wird man vor allem an überhitzten Hotspots und nah am Gelände vorfinden.
Wenn dort kleine „Thermikböller“ starten, die wie ein Pilz geformt nach oben wachsen, wird die schnell aufsteigende Luft im Stamm dieses Thermikpilzes auf einen engen Raum zusammengezogen. Jede Rotation darin wird durch den Piroutteneffekt verstärkt. Um so eine Thermik überhaupt eng zentrieren zu können, lohnt sich der Gegenkreis.
Wenn Du also das nächste Mal tief kommst und das Gefühl hast, einen Bart nicht richtig packen zu können – weil er zu eng ist und dich immer wieder rausdrängt – dann probiere einfach mal den Richtungswechsel beim Kreisen. Manchmal wirkt das Wunder.
Hat Dir dieser Text einen Aha-Moment beschert? Werde zum Förderer von Lu-Glidz und helfe mit, dass ich auch in Zukunft weiter so hintergründig im Dienste der Gleitschirmszene berichten kann.
Danke, Dein Lucian
Danke, Dein Lucian
4 Kommentare
Interessant - gibt es auch eine Quelle woher diese Erkenntnisse stammen? Dass eine Themik zu klein wäre um von der Corioliskraft gedreht zu werden, genügt mir als Erklärung nicht, wenn ich bedenke dass schon der kleinste Abfluss - Strudel immer in die selbe Richtung dreht..
AntwortenLöschenDas mit dem Abfluss und Coriolis ist eine Mär. Wenn Du ein wenig googelst, wirst Du etliche Artikel finden, die das erklären. Nur ein Beispiel: "Corioliskraft: Läuft Wasser in Australien wirklich anders herum ab?" (aus Geo).
LöschenDie Drehrichtung im Abfluss wird von äußeren Faktoren beeinflusst: Wie herum fließt das Wasser in die Wanne? Welche erste Strömungsimpulse setzt Du, wenn Du den Stöpsel ungleichmäßig ziehst? etc.
Bei den Thermiken sind es dann analog auch äußere Faktoren, die eine Drehrichtung aufprägen. Ein paar Beispiele habe ich im Text genannt.
verflixt - dabei hab ichs als Kind probiert den Ablaufimpuls um zu drehen, und es ist nicht geglückt. Seis drum wie das mit dem abfließenden Wasser ist: Hast du eine Quelle die, die Drehrichtung der Thermik untersucht?
AntwortenLöschenGezielte "wissenschaftliche" Studien zur Drehrichtung von Thermiken unter real-atmosphärischen Bedingungen sind mir nicht bekannt. Es handelt sich eher um kolportiertes Erfahrungswissen. Was dem vielleicht noch am nächsten kommt:
LöschenHelmut Reichmann, Autor des Buches Streckensegelflug, hat Studien durchgeführt, die angeblich zeigten, dass es genauso viele links- wie rechtsdrehende Thermiken gibt. Damit kam er auch zu dem Schluss, dass dies die Annahme widerlegt, dass die Corioliskraft einen Einfluss auf die Drehrichtung von Thermiken hat, da deren räumliche Ausdehnung zu klein ist, um von dieser Kraft beeinflusst zu werden.
Die von mir im Text aufgeführten Beispiele für mögliche Einflüsse leiten sich aus anderen Studien/Theorien zur Entstehung von Wirbeln in Luft- und Wassermassen ab. Einige Stichworte hierzu, nach denen Du mal googlen kannst: Dust Devil, Rotation von Superzellen, Kehrwassereffekte, Karmansche Wirbelstraßen, Kevin-Helmholtz-Wellen. Und dann einfach mal die eigene Phantasie anschmeißen.
Kommentar veröffentlichen
Kommentare werden von Lu-Glidz moderiert und deshalb nicht immer sofort freigeschaltet. Es gelten folgende Kommentarregeln:
1. Nicht anonym: Auf Lu-Glidz werden nur Kommentare veröffentlicht, die mit einem kompletten Realnamen (Vor- und Nachname) gekennzeichnet sind. Trage dafür beim Anlegen des Kommentars im Feld "Name/URL" einfach Deinen Namen ein. Das Feld "URL" kannst Du frei lassen. Solltest Du stattdessen "Anonym" wählen, musst Du wenigstens am Ende des Kommentars Deinen Namen schreiben. Sonst wird der Kommentar nicht erscheinen.
2. Sachbezogen: Kommentare müssen das jeweilige Thema des Posts bzw. der schon vorhandenen Kommentare betreffen. Sie müssen respektvoll formuliert sein. Sie dürfen keine persönlichen Beleidigungen oder Anspielungen auf die (politische) Gesinnung anderer enthalten.
Hinweis: Die Freigabe von Kommentaren kann sich u.U. um einige Stunden verzögern. Auch ich bin nicht 24/7 online.