Leeloo X von Profly ist der erste als EN-B zugelassene Zweileiner. Eine gewisse Schlitzohrigkeit macht das Unmögliche möglich
Allerdings streiten sich die Experten darüber, ob die sanfteren Faltleinen-Testklapper das eigentliche Klappverhalten eines solchen Schirmes nicht verharmlosen oder gar verschleiern. Auch aus diesem Grund ist der Einsatz von Faltleinen laut EN-Norm bisher nur für Schirme der sportlicheren Klassen EN-D und EN-C erlaubt. Sobald beim Testen eine Faltleine zum Einsatz kommt, bekommt der Schirm zwangsläufig mindestens die Note EN-C.
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Die Leinengeometrie der Leeloo X als Zweileiner, hier ohne Manöverleinen (klicke ins Bild zum Vergrößern) // Quelle: Profly |
Im Spanischen gibt es das schöne Sprichwort: "Hecha la ley, hecha la trampa". Profan übersetzt heißt das soviel wie: "Jedes Gesetz hat immer seine Hintertürchen". Und das gilt offenbar auch für die Faltleinenregelung der EN-Norm 926:2 – wenn man die Faltleinen einfach etwas anders definiert und einsetzt.
Aus Faltleinen werden Manöverleinen
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Vordere Aufhängung Leeloo X: Manöverleine (rot) vor der eigentlichen A-Ebene (blau) // Quelle: Profly |
Beispielsweise kann man die "Manöverleinen" für das Starten vorsehen, um ein viel sanfteres Aufziehverhalten als bei reinen Zweileinern zu erreichen. Oder man kann sie als Hilfsleinen auch nutzen, um die Ohren viel kontrollierter als bei üblichen Zweileinern einholen zu können. Selbst gehaltene Klapper, Big Ears oder das Spiralen mit angelegten Ohren werden damit möglich.
Wenn man also die Funktion der Faltleinen in dieser Weise zu Manöverleinen erweitert und sie auch am Serienschirm belässt, öffnet sich das Hintertürchen in der Zulassung. Dann werden EN-B Zweileiner möglich. Das mussten sogar die anfangs skeptischen Prüfer des DHV einsehen. Sie haben sich nach einigen Diskussionen den Argumenten Neslers gebeugt und der Leeloo X tatsächlich die Note EN-B statt EN-C zugesprochen.
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Leeloo X Tragegurt // Quelle: Profly |
Im Flug hängen die Manöverleinen ein wenig durch. Sie sind etwas länger und tragen deshalb keine Last. Michael Nesler hat in einem Video sogar schon vorgeführt, wie er die Manöverleinen während des Fliegens einfach mit einer Schere durchschneidet, ohne dass sich am Flugzustand des Schirmes irgend etwas ändert. Es ist der sichtbare Beweis: Die tragende Aufhängung der Leeloo X entspricht tatsächlich der eines typischen Zweileiners. (Rechtlicher Hinweis: Würde man bei einer Leeloo X in der Praxis die Manöverleinen abschneiden, würde sie damit ihre Zulassung verlieren.)
Weil die Manöverleinen keine Last tragen müssen, sind sie auch sehr dünn ausgeführt, um möglichst wenig Luftwiderstand, sprich Leistungseinbußen zu generieren. Unterm Strich zeige die Leeloo X, die sich ansonsten von ihren technischen Grunddaten her kaum vom klassischen Dreileiner Leeloo unterscheidet, dennoch Leistungsvorteile, ohne den Schirm im Flug anspruchsvoller zu machen, sagt Nesler. Inwieweit das stimmt, wird sich in der Praxis bei unabhängigen Tests noch erweisen müssen.
Baby-Zweileiner?
Interessant ist diese Entwicklung allemal. Denn sie zeigt einen Weg auf, den künftig vielleicht auch andere Hersteller auf der Suche nach mehr Leistung beschreiten könnten, um die Konstruktionsweise der Zweileiner in die EN-B Klasse hineinzutragen.
Ob so etwas letztendlich wünschenswert ist? Schon heute ist die B-Klasse sehr breit aufgestellt und von den Schirmcharakteren und ihren Anforderungen her für die Piloten schwer zu überblicken. EN-B-Zweileiner werden die passende Auswahl noch unübersichtlicher machen.
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Massive Diagonalrippen der Leeloo X // Quelle:Profly |
Die Leeloo X könnte für andere Hersteller auch in weiterer Hinsicht zum interessanten Anschauungsbeispiel werden. Michael Nesler ist es gelungen, den Schirm – trotz der größeren Profiltiefe eines EN-B und einer ausgelegten Streckung von "nur" 5,8 – komplett ohne stützende lange Stäbchen im Hinterflügel als Zweileiner abzuspannen. Auch so etwas galt bisher als schwer möglich. Nesler setzt bei der Leeloo X auf zusätzliche Stabilität durch die bei seinen Konstruktionen übliche Rast-Querwand. Zudem hat er versteifende Gibus-Bögen aus Nitinol über der A-Aufhängung, deutlich breitere Diagonalrippen und ein spezielles oberes Zugband im Hinterflügel verbaut.
12 Kommentare
Ich finde, dass "Schlitzohrigkeit" die brillante Idee in ein zu schlechtes Licht rückt. Die Vorteile eines 2 Leiners machen auch in der B Klasse Sinn. Anstellkontrolle ist das a und o beim Gleitschirmfliegen und das funktioniert eben mit einem 2 Leiner am besten. Wenn die Manöverleinen die Nachteile des 2 Leiners für uns Otto Normalpiloten ausgleichen können, umso besser. Selbst wenn es keinen leistungsmäßigen Vorteil hätte, wäre es trotzdem noch eine gute Idee. Ich finde übrigens, dass die mäßig gestreckte Kappe ziemlich gut dasteht für einen 2 Leiner. Gruß, Willi.
AntwortenLöschenHallo Wilfried,
Löschenich finde nicht, dass die Umgehung einer Norm/Vorgabe als brilliante Idee zu bezeichnen ist. Ich finde, dass "Schlitzohrigkeit" wie von Lucian gewählt da ein besserer Ausdruck ist.
Lieben Gruß, Martin
Spannend ist sicher die Frage, ob die realen Klapper bei einer LeeLoo-X auch 2-Leinerniveau haben oder ähnlich zur 3-Leinerversion ausfallen.
AntwortenLöschenWo ist eigentlich die offizielle Zulassung von der die Rede ist? Konnte noch keine finden.
AntwortenLöschenIst noch nicht veröffentlicht vom DHV, braucht immer etwas.
Löschen"Grübelgrübel und studier" würde vielleicht bei Daniel Düsentrieb stehen:
AntwortenLöschenB-2 Leiner haben eine höhere Kappenkrümmung als vergleichbare 3-Leiner, d.h. das Verhältnis flat / projected Area wird ungünstiger als bei einer flacher gekrümmten Fläche. Wie M. Nesler selbst schreibt, braucht der 2-leiner wegen der geringeren Leinenzahl dickere Leinen als ein vergleichbarer 3- oder 2,5-Leiner. Und dann hängen - just for the show, auch Zulassungsbeschränkungs-Schlitzohrigkeits-Trick genannt (im weiteren Text kurz "ZST") - auch noch sinnlose, zu allem Überfluss durchhängende, "Manöverleinen" in der Gegend herum, die den Widerstand generieren, den man durch weniger, funktionsnotwendige, Leinen eingespart hat. Ich nehme es dem Konstrukteur ab, dass die CAD-Software einen theoretischen Vorteil ausgespuckt hat. Ob der angesichts der oben genannten Umstände noch irgendeine Rolle spielt, wage ich zu bezweifeln.
Und angesichts der Tatsache, dass es sich nur um einen "ZST" handelt, könnte jemand doch auf den Gedanken kommen, unter Haftungsausschluss des Konstrukteurs versteht sich, die Manöverleinen einfach zu demontieren, anstatt sie "durchzuschneiden"?
"Grübelgrübel und studier"🤔 würde vielleicht bei Daniel Düsentrieb stehen:
AntwortenLöschenB-2 Leiner haben eine höhere Kappenkrümmung als vergleichbare 3-Leiner, d.h. das Verhältnis flat / projected Area wird ungünstiger als bei einem flacher gekrümmten Schirm. Wie M. Nesler selbst schreibt, braucht der 2-leiner wegen der geringeren Leinenzahl dickere Leinen als ein vergleichbarer 3- oder 2,5-Leiner. Und dann hängen - just for the show, auch "Zulassungsbeschränkungs-Schlitzohrigkeits-Trick" genannt (im weiteren Text kurz "ZST") - auch noch sinnlose, zu allem Überfluss durchhängende, "Manöverleinen" in der Gegend herum, die den Widerstand generieren, den man durch weniger, funktionsnotwendige, Leinen eingespart hat.
Ich nehme es dem Konstrukteur ab, dass die CAD-Software einen theoretischen Vorteil ausgespuckt hat. Ob der angesichts der oben genannten Umstände noch irgendeine Rolle spielt, wage ich zu bezweifeln.
Und angesichts der Tatsache, dass es sich nur um einen "ZST" handelt, könnte jemand doch auf den Gedanken kommen, unter Haftungsausschluss des Herstellers versteht sich, die Manöverleinen einfach zu demontieren, anstatt sie "durchzuschneiden"?
Günther Widmann
Warum so negativ? Gibt es denn einen offensichtlichen Nachteil dieser Konstruktionsweise gegenüber einem 2.5 Leiner? Die Vorteile sind klar: Anstellwinkelkontrolle und Stabilität.
AntwortenLöschenWo gibt es denn das Video wo der Nessler die Leinen durchschneidet? Auf seinem YT Kanal ist es nicht zu finden
AntwortenLöschenVideo ist nicht öffentlich gelistet, weshalb ich hier den Link nicht öffentlich machen will. Du kannst aber Profly eine E-Mail schreiben, vielleicht schicken sie ihn dir.
LöschenHallo Zusammen, Ich befürchte dass ein reiner Zweileiner in der B-Klasse nicht mehr als ein Marketing Gag sein wird. Es hat sich doch gezeigt dass die Zweileiner in der C-Klasse nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben und es zahlreiche Retterabgänge wegen Überforderung gegeben hat. Bis ein Zweileiner Klappt braucht es lange, jedoch wenn sie Klappen sind die Piloten meist überfordert und dann wird sich zeigen ob die durchhängenden Manöverleinen nicht auch noch einen störenden Faktor bei der Wiederöffnung haben. Gerade die B-Klasse sollte bei einer Kappenstörung den Piloten nicht überfordern und in den meisten Störfällen diese von alleine wieder beheben. Bei einem Zweileiner muss jedoch der Piloten mit eventuellen Verhängern nach einer Kappenstörung umgehen können. Der Stall sollte hier, wenn die Höhe vorhanden ist, in jeder Situation geflogen werden können. Diese Problematik hat sich auch schon in der C-Klasse gezeigt aus diesem Punkt glaube ich es ist Sinnvoll vorerst keine Zweileiner in der B-Klasse anzusiedeln.
AntwortenLöschenNa ja, zumindest lassen sich die Piloten-Skills mit Neslers neuer Konstruktion wieder einfacher beim Sicherheitstraining verbessern. Das Klapper-Training inkl. Recover mit reinen 2-Leinern war ja nicht so einfach und wurde gerne ausgelassen.
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