Druckwellen - das verkannte Risiko

Präfrontales Fliegen ist unberechenbar. Deutlich vor dem Regen kann einer Kaltfront eine Druckwelle mit Starkwind vorauslaufen. Für Gleitschirmflieger ist das besonders gefährlich. 

Die Entwicklung der Druckwelle vom 7. August in der Isobaren- und Wind-Darstellung von Windy.
Innerhalb weniger Stunden bildet sich vor der eigentlichen Kaltfront ein ausgeprägter Trog.
Im Voralpengebiet herrscht im Rückraum der Welle ein lokal begrenztes Starkwindfeld (grüne Zone).
Die Isobaren habe ich zur Verdeutlichung der Welle rot hervorgehoben.
// Quelle: Windy, bearbeitet


Das DHV-Wetter mit einem Hinweis auf eine
mögliche Druckwelle. Wer so etwas liest, 
sollte immer doppelte Vorsicht walten lassen.
// Quelle: DHV
Es regnet ja noch nicht, also kann ich noch fliegen? Diese Einstellung bei aufziehenden Kaltfronten kann sehr gefährlich sein. Denn manche Kaltfronten sind mit einem besonderen Phänomen verbunden: Der eigentlichen Front mit dem dazugehörigen Regengebiet eilt zuweilen eine schmale Zone mit einem wellenartig verringerten Luftdruck voraus. Das kann dramatische Auswirkungen haben. Im Bereich der Welle nimmt der Luftdruck auf kurze Distanz erst ab und dann wieder zu. Daraus ergibt sich ein kleinräumiger Druckgradient, der den Wind gehörig anfacht. Und das kann innerhalb von Minuten geschehen. Wer sich gerade noch bei sanften 15 km/h durch die Lüfte schaukeln ließ, findet sich dann u.U. bei 60 km/h Wind rückwärts fliegend in größter Not wieder.

Dass ich gerade heute diesen Post schreibe, liegt daran, dass gestern eine solche Druckwelle vor den bayerischen Alpen imposant durchzog. Zudem bat mich ein Lu-Glidz-Leser, dieses Phänomen doch einmal etwas genauer zu beleuchten. Freundlicherweise kam die Druckwelle erst am frühen Abend, nach einem schon vom Südwind (Föhn) geprägten Flugtag, weshalb vermutlich oder hoffentlich zu der Zeit niemand mehr in der Luft war und zu Schaden kam. 

Die Messkurven einer Holfuy-Station am Landeplatz des 
Hochfelln zeigen den Windsprung und Temperaturabfall
der Druckwelle. // Quelle: Spotair.mobi
Erhellend ist es aber schon, sich die Messwerte verschiedener Stationen einmal anzuschauen. Das Bild rechts zeigt beispielsweise den Windsprung der Druckwelle am Landeplatz des Hochfelln, südlich des Chiemsees. Um kurz nach 19 Uhr schwoll der Wind in kürzester Zeit von unter 10 km/h auf über 30 km/h (Mittelwind) und 50 km/h in den Spitzen an. Am Gipfel des Hochfelln wurden sogar Windspitzen bis 70 km/h verzeichnet. Regen fiel zu dem Zeitpunkt nicht. Der kam erst über eine Stunde später.

Interessant ist nicht nur der Verlauf der blauen Messkurve des Windes, sondern auch die orange-gestrichelte der gemessenen Temperatur. Denn die fällt ebenso plötzlich von über 25°C auf  unter 15°C. Dieser Temperaturabfall spielt eine zum Druckgradient noch verstärkende Rolle für Wind.

Bodennah vorauseilende Kaltluft

Die Entstehungsweise solcher Druckwellen ist sehr komplex. Viele Faktoren können Stärke und Ausprägung beeinflussen, darunter die Temperaturunterschiede zwischen kalten und warmen Luftmassen an der Front, die Temperaturschichtung und der Feuchtegehalt der einzelnen Luftmassen, etc. Eins haben bodennahe Druckwellen aber immer gemeinsam: Sie treten dann auf, wenn die kalten Luftmassen einer Kaltfront nicht in allen Höhenschichten als weitgehend einheitliche "Front" nach vorne marschieren. Manchmal hat die kalte Luft in den bodennahen Schichten einen deutlichen Vorsprung.

Diese vorlaufende Kaltluftzunge schiebt sich unter die wärmeren Luftmassen und hebt diese an. Sind die Luftmassen nicht nur warm, sondern auch feucht und etwas labil geschichtet, sorgt diese Zwangshebung für eine kräftige Konvektion und Kondensation: Es bilden sich hoch aufschießende Wolken, häufig sogar Gewitter. So kann vor der eigentlichen Kaltfront (bei der dann auch in höheren Luftschichten kältere Luft vorherrscht) eine vorauslaufende Gewitterfront entstehen. Für Gleitschirmflieger ist das übrigens i.d.R. die "bessere" Variante, weil die Gewitter schon einige Zeit im voraus sichtbar werden und man dann die Gelegenheit hat (und nutzen sollte), sicherheitshalber landen zu gehen.

Besonders fies sind Druckwellen, die scheinbar "aus heiterem Himmel" oder mit einem nicht zwangsläufig bedrohlich erscheinenden Wolkenbild daher kommen. Das kann passieren, wenn sich die vorlaufende Kaltluftzunge unter wärmere Luftmassen schiebt, die ihrerseits vergleichsweise trocken sind und stabil geschichtet. Gerade im Alpenvorland, wo die Luftmassen im Tagesgang des Alpinen Pumpens häufig großräumig absinken, ist so eine Situation des Öfteren gegeben.

Stratus-Wolken während der Druckwelle am Hochfelln.
Der Regen kam erst deutlich später. // Foto: Lu-Glidz
Dort wird die bodennah einfließende Kaltluft die darüber liegende Luft zwar auch heben, es kommt aber nicht mehr zu den sich selbst verstärkenden Konvektionsprozessen. Denn alles, was aufsteigen will, wird in der Inversion gleich wieder ausgebremst.

Sind die Luftmassen sehr trocken, werden nicht einmal Wolken sichtbar, die auf eine anrückende Wetteränderung hinweisen würden. Oder es bilden sich unter der Inversion nur harmlos erscheinende Schichtwolken (Stratus), denen man normalerweise kein größeres Gefahrenpotenzial zumisst.

Allerdings ist genau das bei einer Druckwelle ein Fehlschluss. Denn die bodennah einfließende Kaltluft wird bei solchen Schichtungsverhältnissen unter dem Inversionsdeckel regelrecht eingezwängt. Es bildet sich eine Düse, die vor allem an Geländekanten einen noch kleineren Querschnitt bekommt. Dort wird der Grundwind dann zusätzlich unter der Inversion beschleunigt. Es kommt zu enormen Windspitzen. Diese Fälle sind für Gleitschirmflieger, die noch kurz zuvor friedlich an irgendwelchen Kanten soarten, besonders tückisch.


Druckwellen erkennen

Kann man eine solche Entwicklung voraussehen? Mit einem groben Wetterkartenstudium, bei dem man z.B. nur die Bodenwetterkarte mit eingezeichneten Fronten für 12 Uhr mittags anschaut, in der Regel nicht. Auch aus Punktprognosen (Meteogrammen), die einem die Wetterentwicklung an einem Ort in 3-Stunden-Schritten anzeigen, werden kürzere Starkwindphasen wie bei einer Druckwelle nur schwer ersichtlich. 

Da muss man schon deutlich tiefer in die Materie einsteigen und am besten Meteo-Dienste nutzen, die einem die Wetterentwicklung im Stundenrhythmus und auf Basis möglichst feinmaschiger Modelle ausgeben. Wenn man darin z.B. die Isobarenkarten Stunde für Stunde durchklickt, wird man das Aufschwingen und Wandern einer Druckwelle wie im ganz oben gezeigten Bild erkennen können. (Hinweis: Prognosen im Stundenrhythmus gibt es bei Windy nur gegen Bezahlung).

Eine Druckwelle zog am 6. Juli mittags durchs Allgäu.
In den Windprognosen von Meteo-Parapente war die 
Entwicklung erkennbar. Die Grafiken zeigen die Lage
um 10, 12 und 14 Uhr. // Quelle: Meteo-Parapente 
Wichtig ist vor allem, sich an Tagen mit anrückenden Kaltfronten die Bodenwindvorhersagen besonders genau anzuschauen, und zwar wieder anhand von Modellen mit einem sehr feinen Raster und mit stündlichen Zeitschritten über den ganzen Tag. Das geht z.B. mit Meteo-Parapente sehr gut. Eine andere Möglichkeit bietet Meteoblue, wo man zoombare Windprognosen des hochauflösenden ICON-D2 Modells im Stundenrhythmus aufrufen kann. Kachelmannwetter zeigt auch Daten des eigenen Modells Super HD im Stundenrhythmus. In allen Fällen können Druckwellen als schmale, sich verlagernde Starkwind-Streifen in den Windkarten auftauchen (vgl. Bild rechts). 

Wenn einem beim Wettercheck so etwas auffällt, sollte man in den Modus größter Vorsicht schalten und sicherheitshalber schon Stunden vor dem möglichen Eintreffen der prognostizierten Druckwelle das Fliegen einstellen. Denn Meteo-Prognosen haben immer auch eine zeitliche Unschärfe, die man einkalkulieren sollte. Fronten und Druckwellen könnten gelegentlich schneller vorrücken, als von den Wettermodellen berechnet. Und wehe, man befindet sich dann noch in der Luft.

Zum Abschluss noch ein paar Empfehlung, wie man bei präfrontalen Wetterlagen mit angekündigten Kaltfronten seine eigenen Wettercheck-Routinen verfeinern bzw. ergänzen sollte:

1. Lies immer auch das ausführliche Textwetter von Wetterdiensten! Dort werden zu erwartende Besonderheiten wie vorlaufende Gewitterlinien oder Druckwellen in der Regel erwähnt. Besonders aufschlussreich hinsichtlich gefährlicher Windphänomene sind die Ballonwetterberichte! 
2. Checke gerade an Tagen mit anrückenden Fronten das Wettergeschehen möglichst Stunde für Stunde. In den Isobaren- bzw. den Bodenwindkarten werden Druckwellen bzw. wandernde, schmale Starkwindfelder dann besser ersichtlich.
3. Rufe auch im Gelände vor einem möglichen Start immer am Smartphone noch ein aktuelles Regenradarbild ab. Vergleiche die Darstellung mit Niederschlagsprognosen von Wettermodellen für die gleiche Uhrzeit. Liegen deutliche Unterschiede vor? Vor allem wenn der Regen schneller anrückt als laut Prognose solltest Du auf der Hut sein.
4. Man verliert wenig aber gewinnt viel, wenn man vor Kaltfronten die Fliegerei sehr "konservativ" betreibt und beim leisesten Zweifel oder Unbehagen besser auf einen Flug verzichtet. 


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15 Kommentare:

Shoulders hat gesagt…

Wir haben die gestrige Duckwelle am Chiemsee live erlebt. Sowohl die deutliche Windzunahme vor der Front (eindrucksvoll daran erkennbar, dass der starke überregionale östliche Wind komplett gedreht hatte) als auch die eigentliche Front, in der man selbst mit einem schweren Auto vorübergehend anhalten und Schutz vor extremen Wassermassen suchen musste, kann ich bestätigen.

Was aber hier nicht erwähnt wird: der Himmel war hierbei schon vor der Duckwelle in Wetterrichtung am Horizont pechschwarz und etwa eine halbe Stunde vor der eigentlichen Front so spektakulär schwarz verwirbelt, dass es wie pyroklastische Wolken ausgesehen hat. Mit anderen Worten: schon lange vorher wäre wohl kein Flieger mit halbwegs klaren Verstand in die Luft gegangen bzw. in ihr geblieben. Den Überraschungseffekt schätze ich daher als gering ein.

Lucian Haas hat gesagt…

@Shoulders: Für die gestrige Druckwelle gebe ich Dir Recht. Die anrückende Front zeichnete sich schon deutlich am Horizont ab. Es gab ja auch teils heftige Gewitter. Allerdings gibt es auch Druckwellen, bei denen die typischen optischen Warnzeichen, die einen schon aus der Luft treiben sollten, weitgehend oder komplett fehlen. Gerade deswegen ist das Phänomen "Druckwelle" ja so gefährlich. Wer da nicht im Vorfeld einer Kaltfront seine ausführlichen "Meteo-Hausaufgaben" gemacht hat, kann bitterböse überrascht werden.
Druckwellen sind nicht sehr häufig, aber man sollte sie nicht unterschätzen. Schon gar nicht sollte man glauben, sie in freier Wildbahn immer ausreichend im voraus erkennen zu können (wenn man nicht eh schon anhand der Meteo-Daten damit rechnet).

Jürgen hat gesagt…

Das habe ich vor vielen Jahren im Zillertal erlebt.
Wir waren mit einer Gruppe am Steinerhof (Eingang vom Zillertal)
Strahlend blauer Himmel ohne jegliche Wolken.
Plötzlich stiegen die vor uns gestarteten schnell nach oben und wurden mit ziemlichen Tempo ins Zillertal geblasen.
Zum Glück kamen alle wieder heil unten an.
Bei späterer Rückfrage an der Wetterwarte Innsbruck wurde erklärt, das die Kaltluft einer sich nähernden Front durchs Inntal und dann durchs Zillertal vorweg floss.
Dabei war von der Front weit und breit nichts zu sehen.

Michael Lacher hat gesagt…

Hallo Lucian,
Vielen Dank für den interessanten Artikel!
Muss man sich diese Druckwellen wie ein starkwindband vorstellen was mehrere hundert Kilometer durch die Gegend zieht oder können sich solche Druckwellen auch lokal und innerhalb weniger Kilometer bilden? Mir geht es darum ob die Druckwelle anhand von messwerten an wetterstation welche ca. 50km entfernt sind zu erkennen wären. Würde mich freuen wenn mir dazu noch jemand Infos geben könnte.
LG aus dem Allgäu
Michael Lacher

kiphard@gmail.com hat gesagt…

Ich habe es auch einmal vor vielen Jahren am Brauneck erlebt, konnte aber noch gerade rechtzeitig landen. Vielen Dank für den Beitrag.

Werner S. hat gesagt…

Hallo Lucian,
danke für den interessanten Artikel.
Habe eine Frage zum Text
"Eins haben bodennahe Druckwellen aber immer gemeinsam: Sie treten dann auf, wenn die kalten Luftmassen einer Kaltfront nicht in allen Höhenschichten als weitgehend einheitliche "Front" nach vorne marschieren. Manchmal hat die kalte Luft in den bodennahen Schichten einen deutlichen Vorsprung."
Bezieht sich eine eingezeichnete Kaltfront in den Wetterkarten nicht auf die Luftmassengrenze am Boden? Dann müsste diese vorauseilende Kaltluft am Boden leicht in den Vorhersagen zu erkennen sein, oder?

Gruss

Didi Siglbauer hat gesagt…

Ja, Shoulder hat es schon gesagt, die Druckwelle und der Sturm wurden von einer rasend schnellen, schwarezen Wolkenwand begleitet. Das Zentrum bewegte sich vom Chiemsee kommend Richtung Waginger See / Tittmoning. Der Hochfelln und Landeplatz wurden davon nur leicht touchiert....daher wohl die moderaten Windwerte und das unspäktakuläre Bild.
VG
Didi

Lucian Haas hat gesagt…

@Michael: Klassische Druckwellen, die vor Kaltfronten herlaufen, ziehen typischerweise Dutzende, manchmal auch mehrere hundert Kilometer durch die Landschaft. Letzteres ist aber seltener, denn wie allgemein für Wellen typisch, können sie u.U. auch auslaufen und an Momentum verlieren. Dann nimmt zwar der Wind noch etwas zu, aber ohne diese extremen Spitzen.

Ähnliche Phänomene wie frontale Druckwellen können sich auch bei Kaltluftausflüssen bei Gewittern und stark abregnenden Wolken einstellen, v.a. wenn die kalte Luft durch die Topographie kanalisiert wird. Die Entstehungsweise ist zwar eine andere, aber die vor Ort spürbaren Effekte sind z.T. vergleichbar.

Letzten Endes gilt, dass Druckwellen sehr unterschiedlichen Charakter haben können, mal eher lokal bis regional, mal auch überregional spürbar. Deshalb kann man keine allgemeine Regel aufstellen wie: Schaue auf diese oder jene Wetterstation 50 km entfernt, wenn es dort bläst, kommt es eine Stunde später auch zu Dir. Das kann zwar schon mal so sein, es kann aber auch anders kommen.

Je nach den Schichtungsverhältnissen der Luftmassen können Druckwellen innerhalb von 50 km ganz anders spürbar werden. Gerade am Alpenrand kann es einen großen Unterschied machen, ob man sich direkt am Alpenrand befindet, oder 30 km weiter nördlich im Voralpenbereich.

Letzten Endes bleibt einem wenig anderes übrig, als bei Kaltfronten, die mit möglichen Druckwellen einher gehen, eher auf die Karte "Sicherheit geht vor" zu setzen.

Lucian Haas hat gesagt…

@Werner S.: Eingezeichnete Kaltfronten beziehen sich nicht auf die Luftmassengrenze am Boden. Es gibt noch nicht einmal eine eindeutige Definition für die genaue Lage einer Kaltfront. Hier nehmen Meteorologen immer verschiedene Anzeichen zusammen als Hilfsmittel: Wo fällt Niederschlag? Die Temperaturverhältnisse auf dem 850 hPa-Niveau (oberhalb der sogenannten planetarischen Grenzschicht), die Feuchtedifferenzen von Luftmassen, erkennbare Grenzen in den Karten der Äquipotenzialtemperatur, wo steigt der Luftdruck wieder an etc. Das alles sind Anhaltspunkte dafür, wo der eigentliche Luftmassenwechsel ungefähr liegt.

Auch die rechnergestützte Frontenprognose verrechnet solche Größen, legt die Fronten aber ebenfalls nicht zwangsläufig dorthin, wo "am Boden" die Kaltluft als erstes ankommt. Es ist letztendlich immer eine Mischkalkulation. Deshalb sind solche Frontenkarten zum Erkennen von Druckwellen allein kaum hilfreich.

Zumal es solche Bodenwetterkarten mit eingezeichneten Fronten i.d.R. gar nicht in einem stündlichen Abstand gibt, sondern typischerweise nur in einem sechs- oder zwölfstündigen Rhythmus. Daraus abzuleiten, wann eine Druckwelle wo ankommt, ist kaum möglich. Da sind Wind- oder auch Böenprognosekarten mit stündlichen Abständen viel aussagekräftiger.

Volker Wegner hat gesagt…

Hallo Lu und alle Interessierten,

ich war von einem Freund vorab leicht verwundert auf die "Druckwelle" im DHV-Wetter hingewiesen worden und habe diese dann selbst life in Siegsdorf erlebt. Dort war sie so stark, dass ich die 50kmh max am Hochfelln-LP erstmal kaum glauben konnte. Aus dem gefuehlten Nichts heraus krachten Tueren, Baeume bogen sich sehr ordentlich, die Nachbarin, die gerade da war, verliess mich fluchtartig, und ich zueckte die Kamera, um meinem eingangs erwaehnten Freund ein kleines Druckwellen-Video zu schicken. Ich war sehr beeindruckt von der Ploetzlichkeit und Heftigkeit dieser Welle und wuensche niemandem, zu solch einem Ereignis noch in der Luft zu sein.

Ich hoffe, dass der DHV-Wetterbericht solche Druckwellen weiterhin erwaehnen wird. Es ist sicherlich wuenschenswert, wenn wir alle Experten im Lesen von Emagrammen, Windprognosekarten und dergleichen waeren und vorm Fliegen auch immer stuendliche Windprognosen und Druckdiagramme in verschiedenen Hoehenbaendern anschauen wuerden. Die Realitaet sieht aber anders aus und arbeitsteilig gesehen macht es ja auch Sinn bzw ist ausreichend, dafuer einige wenige Experten zu haben, welche das Interpretierte dann in einen entsprechenden zielgruppenangepassten Text zusammen fassen.

Das Foto vom Hochfelln hast Du als "Foto: Lu-Glidz" gekennzeichnet - was mich glauben laesst, dass Du evtl ja in dieser Gegend lebst. Ich bin gespannt, ob ich Dich mal an einem SP treffe...

Viele Gruesse, Volker Wegner

Unknown hat gesagt…

Hallo Lucian,
vielen Dank, dass Du Dich mit der "Druckwelle" so zeitnah und ausführlich auseinander gesetzt hast! Eine komplexe Geschichte, die ich ab sofort noch mehr auf den Zettel nehme, wenn es um die zeitliche Flugplanung geht!
Die beschriebene Druckwelle haben wir an diesem Tag glücklicherweise nicht mehr mitbekommen, da wir deutlich früher am Boden standen.

Vielen Dank für den Bericht und die dazugehörigen Leser-Beiträge hier im blog!

Beste Grüße aus dem Allgäu! Fredegar Tommek

wolfram hat gesagt…

Sehr gut zuammen gefasst was mir als 'squall-line' sehr wohl bekannt ist und in keinem Meteo-Unterricht fehlen darf. Kann ich als Segelflieger, sollte ich damit konfrontiert werden, durch mein Geschwindikeitspotential mit 200km/h+ dem noch enteilen um, wenn ich meinen Heimatflugplatz nicht mehr erreichen sollte, nen sicheren Aussenlandeplatz suchen falls ich meine Höhe nicht mehr halten kann, so bin ich als GS-Flieger ausgeliefert und habe absolut nichts in der Luft zu suchen. Überaus tragisch, dass ausgerechnet einer der es aus 40Jahren+ Flugerfahrung wissen sollte, dies Sonntag 15.August Abend im Höllengebirge/Salzkammergut ignorierte und dabei zu Tode kam. Flugschulleiter, Freund und Bergkamerad, der unzählige Flugschüler ausgebildet hat, misachtete seine eigenen Regeln. Ich selbst wohne auf 800m auf der Ostseite des Attersees und kenne das pre-frontale Phänomen aus vielen eigenen Erlebnissen hier. Wenn die Warnleuchten am See die Segler warnen ist davon noch nicht viel zu erkennen, ausser vielleicht 'dicke' Luft im Westen. Da heißt es aber schon Markiesen einrollen und alles was lose rumliegt wegpacken, denn wenn es dann den See erreicht hat, bleibt keine Zeit mehr. Die Linie ist am Wasser oft klar zu erkennen und legt die Segler flach, die die Zeichen ignorierten. Manchmal begleitet von einem tiefliegenden Wolkenband, steigt dies dann an den Hängen rapide hoch und erreicht bei mir oft gemessene 100km/h, die mir letzten Sonntag meinen Windsack vertikal aus seiner Halterung gezogen hat....Diese sichtbare Vertikalbewegung kann man auch am Höllengebirgszug ablesen, wenn es kondensiert und die Wolken wie wilde Reiter hochsteigen. 10 bis 15 Minuten max dauert das Spektakel gefolgt von der 'Ruhe vor dem Sturm', der dann oft erst 20-30Min später mit Regen und Donnerwetter einsetzt.
Windy Pro hatte für unser Gebiet am Sonntag zw.18.00 u-20.00 Windboen bis 60+ angegeben... es wäre also abzulesen gewesen, dass man zu dieser Zeit nichts mehr in der Luft verloren hat.
Vor 40 Jahren, ohne Internet, Smartphone haben wir uns das Wetter kostenlos vom Flugwetterdienst für den Tag geholt und den Rest selbst einschätzen müssen. Heute haben wir so viele tolle Mittel an der Hand uns ein Bild zu machen von dem Element Luft, das wir an sich nicht sehen können, das uns jedoch schnell zu Tode bringen kann wenn wir es falsch einschätzen.
pax in pace ut non obliviscar Harmut Gföllner

Volker Wegner hat gesagt…

Hier noch ein kleiner Nachtrag zu der speziell diskutierten Druckwelle vom 7.8.21: Ich habe inzwischen erfahren, dass diese auch bei Schliersee am Jaegerkamp auf der Jaegerbauernalm absolut unerwartet heftig zugeschlagen und Glas hat zu Bruch gehen lassen. Dies liegt ca 50km westlich vom Chiemsee und zeigt dass die Dimension der Druckwelle so klein nicht ist.

Lucian Haas hat gesagt…

@Volker: Druckwellen wandern. Die Ausdehnung des Starkwindbandes (quer) kann dabei von wenigen Kilometern bis einigen Dutzend Kilometern reichen. Weil dieses Starkwindband wie eine Front weiter zieht, kann es natürliche größere Landstriche erfassen. Das dann aber typischerweise zeitversetzt. D.h. am Schliersee dürfte die Druckwelle etwas früher angekommen sein als am Chiemsee.

Heidrun Prosch hat gesagt…

Kann als Ballonfahrerin und auch Paragleiterin vor Druckwellen nur ausdrücklich warnen. Habe diese auch schon im Alpenvorland Raum Salzburg/Oberösterreich um 6 Uhr morgens erlebt. Diese waren kein Druckwellen vor einer Kaltfront (das ist bei den Flugwetterdiensten wie schon erwähnt in den Texten bereits gut ersichtlich) sondern Auslöser waren mächtige Gewitterzellen im Allgäu. Durch den Alpenbogen beschleunigt der Wind auf der gesamten Strecke. Auch der Flugwetterdienst war darüber erstaunt. Habe mir angewöhnt bei mächtigen Gewitterzellen, auch wenn sie weit weg sind und der Flugwetterdienst keine Warnung herausgibt, mir kurz vor dem Start die Windwerte der Wetterstationen zwischen meinem Standort und der Gewitterzelle anzusehen. Da sieht man an den Windwerten perfekt die Druckwelle heranrauschen.