Test: Leichthelm Charly Vitesse

Der Charly Vitesse gehört zu den leichtesten Modellen am Markt, die nach der Flughelm-Norm EN-966 zertifiziert sind. Er bietet hohen Tragekomfort und eine sehr breite Größenauswahl. 

Der Charly Vitesse ist einer der leichtesten Flughelme am
Markt. Das Visier gehört nicht zur Grundausstattung.
// Fotos: Lu-Glidz 

Hinweis: Der eigentliche Test des Vitesse steht weiter unten. Vorab noch ein paar allgemeine Hintergründe zur Bauweise von Helmen, damit man manche Besonderheiten des Vitesse besser einordnen kann.

Bei Helmen gibt es verschiedene Bauweisen. Eine besonders leichte, die dennoch guten Schutz bietet, wird als In-Mold bezeichnet. Hierbei wird eine dünne Außenschale aus Polycarbonat von innen mit einem stoßdämpfenden Kern aus hartem EPS-Schaum ausgespritzt. Die meisten offenen Ski-Helme und viele Kletterhelme sind heute so aufgebaut, doch bei expliziten Flughelmen ist diese Bauart bisher nur selten zu finden. Das hat gleich mehrere Gründe.

Zum einen ist die Herstellung der In-Mold-Formen recht teuer. Einen Helmtyp in mehreren Größen anzubieten bedeutet schon einiges an Investitionen. Bei Massenprodukten wie Skihelmen schlägt das nicht so sehr ins Kontor. Bei dedizierten Flughelmen, die man als Kleinserie und somit durchaus als Nischenprodukt betrachten kann, hingegen schon. Preisvorteile durch größere Stückzahlen kann ein Hersteller nur erreichen, wenn er sich auf eine Standardgröße beschränkt. Eine Beispiel hierfür ist der 380 Gramm schwere In-Mold-Helm Pilot von Supair, der nur als "one-size-only" für Kopfgrößen zwischen 54 und 59 cm angeboten wird. Flieger mit einem größeren Kopf oder einer besonders runden Kopfform haben da aber das Nachsehen. 

Ein weiterer Grund dafür, dass es bisher nur wenige In-Mold-Flughelmmodelle gibt, liegt in der Zertifizierung. Für Flughelme gilt die Norm EN 966. In Gleitschirmkreisen wird häufig die Meinung vertreten, dass diese Norm doch weitgehend der EN 1077 für Skihelme entspricht. Vieles ist auch ähnlich, tatsächlich geht die EN 966 aber in einigen Punkten deutlich über die Skihelmnorm hinaus. Unter anderem wird der sogenannte Durchdringungstest, der den Aufprall auf einen spitzen Stein simuliert, mit Flughelmen aus mehr als doppelter Fallhöhe als bei offenen Skihelmen (EN 1077 B) absolviert. In der EN 966 ist auch ein umgangssprachlich als Bordsteintest bezeichneter Aufprall auf eine Kante vorgeschrieben. Darauf werden Ski-Helme normgemäß erst gar nicht geprüft. 

Skihelme sind deshalb nicht zwangsläufig den Flughelmen in ihrer Schutzwirkung unterlegen. Aber ohne normgerechte Tests als Vergleichsgrundlage wird sich das beim Kauf kaum einschätzen lassen. Als Pilot, der vielleicht auch mal aus größerer Höhe als ein Skifahrer abstürzt und dabei mit dem Kopf aufschlägt, ist man (nicht nur aus versicherungstechnischen Gründen) gut beraten, wenn man bei der Wahl eines Helms fürs Fliegen auf die Einhaltung der EN 966 achtet.

Soviel der Vorrede. Mit diesem Wissen ist vielleicht besser zu verstehen, warum ich hellhörig wurde, als Finsterwalder-Charly kürzlich seinen neuen Leichthelm Vitesse vorstellte. Es handelt sich um einen offenen Flughelm gemäß EN 966 in leichter In-Mold-Bauweise – mit einer Besonderheit: Der Helm wird für einen ungewöhnlich weiten Größenbereich (Kopfumfang) angeboten: von 53 bis 65 cm. Dafür stehen drei Helmschalengrößen (SM, ML und XL/XXL) zur Auswahl, die jeweils noch mit einem unterschiedlich dick mit Schaumstoff ausgepolsterten Futter ausgestattet werden können, um eine noch bessere Passform für verschiedene Zwischengrößen zu bieten. Damit sollte erstmals im Grunde jede Pilotin und jeder Pilot die Möglichkeit bekommen, bei der Helmwahl auch ein besonders leichtes In-Mold-Modell mit EN 966 in Betracht zu ziehen. 

Auf Anfrage bekam ich von Finsterwalder ein Exemplar des Vitesse in Größe ML (passend für meinen Kopf mit 61 cm Umfang) für einen Test zur Verfügung gestellt. Als Extras wählte ich auch noch ein graues Visier und einen Transportbeutel, die nicht zum normalen Lieferumfang des Helmes gehören.

Meinen folgenden Test kann man nicht wirklich als "echten" Test bezeichnen, denn die eigentliche Schutzfunktion des Helmes habe ich weder selbst noch mit irgendwelchen Maschinen überprüfen können. Es folgt vielmehr eine Beschreibung von Details des Vitesse, die mir positiv oder auch negativ aufgefallen sind und vielleicht dem einen oder anderen bei der Helmwahl weiterhelfen.


Test Vitesse

Die Helmschale des Vitesse endet relativ
weit oben am Hinterkopf.
Gewicht: Je nach Größe wiegt der Vitesse zwischen 380 und 480 Gramm. Für einen Flughelm mit EN 966 ist das wirklich wenig und am Markt, vor allem mit Blick auf Helme für "Großköpfige", derzeit konkurrenzlos. Die von mir getestete ML-Variante kam inkl. aller Extras wie Visier, Skibrillenhalter und Transportbeutel auf knapp 560 Gramm.

Schutz: Der Vitesse ist gemäß der Flughelm-Norm EN 966 zertifiziert. Es fällt auf, dass die Helmschale am Hinterkopf nicht ganz so weit herunter gezogen ist wie bei anderen Flughelmen (z.B. dem Charly Loop aus gleichem Hause). Das könnte meines Erachtens bei manchen Unfallsituationen wie z.B. dem rückwärtigen Abrollen mit gesenktem Kopf unter Umständen dort etwas weniger Schutz bieten. 

Passform: Bei meinem Kopf sehr gut. Der Helm besitzt ein innen liegendes Kopfband, dessen Länge (Umfang) über ein Rändelrad am Hinterkopf eingestellt werden kann. Das ermöglicht einen beliebig festen Grundsitz.

Sichtfeld: Die Sicht ist beim Vitesse, zumindest ohne Visier, so gut wie gar nicht eingeschränkt. Dazu trägt bei, dass der Helm an der Stirnunterseite abgeschrägt ist, um dort keine stärker sichtbare Kante zu bieten.

Futter: Der Helm besitzt ein herausnehmbares und waschbares Futter, das wie eine innere Kappe geschnitten und in Teilen mit Schaumstoff aufgepolstert ist. Ungepolsterte Bereiche bestehen aus einem atmungsaktiven Netzstoff. Das so entstehende Binnenklima im Helm empfand ich als sehr angenehm. Das Futter wird über im Helm eingeklebte Klettstreifen am Platz gehalten. Beim Herauslösen des Futters sollte man allerdings Vorsicht walten lassen und die Klettstellen nur langsam ablösen (nicht reißen). Der Kleber der Klettstreifen haftet schwächer am Helm als das Klett am Futter!

Die Ohrenpolster sind innen ausgeschnitten,
liegen also nicht störend am Ohr auf.
Ohrenpolster: Der Vitesse besitzt integrierte Ohrenpolster, die auch abgenommen werden können. Dafür müssen jeweils zwei Schrauben gelöst werden. Vorteilhaft ist, dass die Polster nur mit einem dicken Schaumstoffrand ums Ohr herum aufliegen. Die Ohren selbst bleiben darunter frei (keine spürbare Auflage). Das erhöht den Tragekomfort deutlich. Die Ohrmuscheln sind mit einer Membran versteift. Dank zusätzlicher Hörschlitze darin werden Geräusche aber nur wenig gedämpft. Man fühlt sich trotz Helm noch nah am Geschehen.

Belüftung: Die Helmschale ist rundum weitgehend geschlossen. Nur über der Stirn besitzt sie zwei mit einem Metallgitter geschützte, nicht regulierbare Staudrucköffnungen. Am Hinterkopf sitzen wiederum zwei Entlüftungsöffnungen. Im Inneren verlaufen im EPS-Schaum flache Belüftungskanäle. Meinen Erfahrungen nach kann dieses System tatsächlich einen Wärmestau am Kopf gut verhindern. 

Verschluss: Zum Verschließen dient ein einfacher Klickverschluss aus Plastik. Den passenden Sitz erreicht man durch das (etwas fummelige) Verstellen eines Gurtbandes. Da man seinen Helm in der Regel aber nur einmal korrekt voreinstellt und dann so nutzt, ist das kein Manko.

Haltbarkeit: Erfahrungen einer Langzeitnutzung liegen noch nicht vor. Positiv fällt aber auf, dass beim Vitesse der EPS-Schaum an den unteren Helmrändern nicht frei liegt, sondern auch dort noch mit einer Schutzkante aus Polycarbonat verkleidet ist. Das Problem vieler In-Mold-Helme, bei denen das EPS des öfteren mit der Zeit vom Rand her durch Abnutzung zu bröckeln beginnt, dürfte damit kaum noch auftreten.

Head-Set: Der Vitesse ist nicht speziell für den Einbau eines Headsets vorbereitet. Unterm Futter bieten sich aber gute Möglichkeiten, die Kabel sauber zu verlegen.

Skibrillenhalter: Der Vitesse besitzt keinen fest installierten Skibrillenhalter, was positiv zu werten ist. Denn diese typischen Anbauten vieler Skihelme entpuppen sich zuweilen als störende Leinenfänger. Zum Vitesse kann man eine Skibrillenhalterung als Extra bestellen. Sie besteht aus einem aufklebbaren Klettstreifen, an den wiederum bei Bedarf ein Skibrillenhalter aus Kunstleder (mit Druckknopf) angeklettet werden kann.

Der Helm in der Größe ML bringt
inklusive Visier knapp 480 Gramm
auf die Waage. 
Visier: Auch das Visier gibt es für den Vitesse nur als Extra. Drei Einfärbungen sind wählbar (grau, bräunlich, verspiegelt), die in dieser Reihenfolge jeweils eine stärkere Abdunklung bieten. Das Visier wird mit zwei Schrauben am Helm befestigt und kann dann stufenlos verstellt werden. Im Sinne der Gewichtsreduktion ist das Visier ziemlich dünn ausgeführt. Nur am oberen und unteren Rand, wo man typischerweise beim Verstellen hingreift, sitzt eine Verstärkung/Versteifung aus schwarzem Kunststoff. Diese sorgt allerdings für einen deutlich sichtbaren Rand, den ich im Flug als das Blickfeld störend erlebte. Zumal beim Visier der Nasenbereich etwas höher ausgeschnitten ist. Beim Blick auf die Instrumente musste ich an dieser schwarzen Linie "vorbeischielen".
Auch die optische Qualität des Visiers zeigt leichte Schwächen. Bei manchen Lichtverhältnissen spiegelt die Innenseite zuweilen etwas. Immerhin kann das Visier problemlos über normalen Brillen getragen werden. Insgesamt habe ich die Visierlösung aber als suboptimal erlebt. Allerdings: Ein Visier ist auch nicht zwangsläufig ein Gimmick, das man an einem Leichthelm für Hike&Fly etc. unbedingt braucht. Durch das Visier plus Schrauben kommen rund 50 Gramm zum Grundhelmgewicht hinzu.

Transportbeutel: Dieser kann ebenfalls als Extra bei Finsterwalder-Charly bestellt werden. Er besteht aus einem stabilen, innen leicht aufgerauhten Fleecestoff. Um den Helm vor Kratzern im Rucksack zu bewahren, ist so ein zusätzlicher Schutz hilfreich. Das gilt vor allem dann, wenn man ein Visier am Helm montiert hat, das sonst schneller mal verkratzen könnte (trotz Antikratz-Beschichtung). Allerdings bringt der Beutel auch weitere 85 Gramm auf die Waage.

Preis: Der Vitesse kostet 158 Euro (169 in Größe XL/XXL). Zu diesem Grundpreis können noch diverse Extras hinzukommen. Die von mir getestete Version mit Skibrillenhalter, Visier, Visierschrauben und Transportbeutel käme schon auf 224 Euro. Das liegt deutlich über dem üblichen Preisrahmen offener Flughelme. 

Fazit: Wer auf der Suche nach einem besonders leichten Flughelm ist und dabei nicht auf die EN 966 verzichten möchte, für den ist der Charly Vitesse eine sehr gute, wenn auch nicht die preisgünstigste Option. Für Flieger mit etwas größeren Köpfen gibt es bei In-Mold-Modellen mit EN 966 derzeit keine andere Wahl. Viele Details des Vitesse wirken gut durchdacht. Das optional erhältliche Visier würde ich aber als gut verzichtbar erachten.


7 Kommentare:

Madeja,Axel hat gesagt…

Hallo Lucian Dein Helmtest ist sehr informativ und kaum besser zu machen !
Danke dafür.Zum Helm möchte ich noch folgendes sagen :Aussenliegende Visiere halte ich für sehr problematisch.Bei einem grossen Klapper können sich Leinen im Visier verhängen.Das ist einem Freund passiert,mit schlimmen Folgen.Motorradhelme,auch sehr günstige haben heutzutage immer auch einen innenliegenden Visier.Das scheint also keine Preisfrage zu sein und auch das Gewicht fällt eher kleiner aus,weil der Visier kleiner ist.Ein innenliegender Visier hätte also nur Vorteile.Grüsse Axel

Lucian Haas hat gesagt…

Axel, das ist ein guter Hinweis. So wie ein Skibrillenhalter hinten am Helm zum Leinenfänger werden kann, ist natürlich auch ein Visier in diesem Punkt sehr kritisch zu betrachten.

Allerdings: Bei einem In-Mold-Helm wäre ein innen liegendes Visier bautechnisch gar nicht oder kaum realisierbar.

Vielleicht ist es auch einfach unlogisch, erst auf einen besonders leichten Helm zu setzen, dann aber noch ein Visier anbauen zu wollen.

Wobei: Wenn ich es richtig sehe, dann haben alle Flughelme stets außen liegende Visiere. Diese Kritik oder dieser Gefahrenhinweis gilt damit ganz allgemein.

Oder habe ich da irgendein Helm-Modell mit EN 966 übersehen, bei dem das Visier tatsächlich innen sitzt?

Bei Motorradhelmen sind die innen liegenden Visiere übrigens i.d.R. deutlich kleiner. Damit ist dann aber auch das Sichtfeld stärker eingeschränkt. Bei Flughelmen will man ja auch ein möglichst weites Sichtfeld haben. Da ist der Vitesse übrigens vorbildlich.

Reto Walser hat gesagt…

Kann da bezüglich Leinenverhänger auch aus eigener Erfahrung berichten, hab mich bei einer Landung bei Starkwind fasst Stranguliert mit dem Kinrimen ! Eine Leine ist mir an die Rückseitige Skibrillenhalterung des Charly Loop eingefädelt, musste mit gesengten Kopf 30m über die Wiese springen,bis die Windböhe endlich nach lies. Zum Glück war meine Halsmuskulatur durch Training so stark, dass ich das aushalten konnte. Aber es wäre auch denkbar das dadurch Wirbelfrakturen entstehen können. Ich denke das seitens Hersteller und der EN Norm, enormer Handlungsbedarf bestünde... das Gefahrenproblem wird massiv unterschätzt.
Beim Militär wurde der Helm so konstruiert, dass er bei gewissen Zug autom. vom Kopf gezogen wird, damit kein Genickbruch durch den Helm verursacht wird. Was nützt ein gesunder Kopf wenn die Halswirbel verstreck sind (Celebrallähmung ab 3-4 Halswirbel)?

Marius hat gesagt…

Hallo Lucian,
super Bericht, danke. Mich würde noch interessieren wie gut der Helm Windgeräusche dämpft.
Ich habe bemerkt, dass beim längeren Fliegen die Windgeräusche sehr anstrengend sein können.
Deshalb bin ich gerade auf der Suche nach einem Helm, der die Geräusche gut absorbiert.
Viele Grüße Marius

Lucian Haas hat gesagt…

@Marius. So ein Leichthelm mit relativ "offenen" Ohren dämpft die Windgeräusche nur wenig. Dafür wären eher Helme empfehlenswert, deren Schale auch über die Ohren geht. Das sind dann aber meistens Integralhelme.

Allerdings: Windgeräusche gehören zum Fliegen dazu und geben einem auch gute Infos über die Luftmasse / Luftbewegungen. Man kann sie also auch positiv sehen.

Vielleicht kommt Dein "Stress" mit den Windgeräuschen daher, dass Du allgemein das längere Fliegen als anstrengend empfindest?

Der Schweizer hat gesagt…

Der Helm sieht auch recht flott aus;)

Thomas Finsterwalder hat gesagt…

Vielen Dank für den ausführlichen Testbericht!
Zum Thema Kantenschutz noch einige Kommentare Herstellerseits:

Mit 0,8 mm Dicke ist das Visier des Vitesse für den Einsatz im Gleitschirmbereich aufgrund seiner Wölbung ausreichend steif und gleichzeitig so flexibel, dass auch bei ungeschützter Kante keine große Verletzungsgefahr besteht. Jedenfalls hatten die Visiere unserer Helme bisher nie einen Kantenschutz, und uns ist in den vergangenen 10 Jahren kein Fall bekannt geworden, bei dem sich jemand aufgrund dessen verletzt hat.

Trotzdem wurde der fehlende Kantenschutz immer wieder mal bemängelt, vor allem da er bei Skihelmen üblich ist. Bei unseren Testflügen während der Entwicklung des Vitesse haben wir festgestellt, dass der schmale Kantenschutz nach kurzer Eingewöhnungszeit kaum mehr wahrgenommen wird, zumal das Visier beim Vitesse sehr weit nach unten reicht. Daher haben wir uns diesmal für eine Ausführung mit Kantenschutz entschieden.

Um den verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden, werden wir im Laufe des Sommers aber dennoch eine alternative Version anbieten, die am unteren Visierrand nicht mit einer Gummikante ausgestattet ist.

Viele Grüße
Thomas Finsterwalder